Seit Monaten ausverkauft, seit Wochen in der Heavy Rotation, wo man nur hinhört: Bilderbuch. Das österreichische Quartett rief zum Tourstopp im Münchner Strom und die Münchner kamen. Eine heiße, wilde Show mit ordentlich Schmäh.

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Ich glaube, Bilderbuch kommen immer erst auf die Bühne, wenn der Konzertsaal eine bestimmte Raumtemperatur erreicht hat. Heiß soll es sein, heiß und bestenfalls gleich ein wenig schwül von den ganzen schwitzenden Leibern. Dann macht ihr Opener „Willkommen im Dschungel“ erst richtig Sinn! Der Dschungel war am Donnerstagabend ab 22.15 Uhr also das übervolle Strom. Publikum? Gut gelaunt, klatscht mehr als für München anscheinend üblich (behauptet Bilderbuch-Sänger Maurice Ernst) und an diesem Abend haben sie alle Ausgang und feiern mit: der Unternehmensberater, der Student, die Minderjährige, ich.

Bilderbuch sind berüchtigt für ihre Live-Shows. Maurice Ernst hat sich manche Moves bei Falco abgeschaut und hat eine immer noch weiter wachsende Bühnenpräsenz, die ihm aber nicht zu Kopf zu steigen scheint. Ab und zu wirken die Burschen samt ihrer fleißigen Herren am Mischpult so, als wären sie eine Schulband auf Reisen. Wären sie wirklich eine Schulklasse, Ernst wäre der unumstrittene Klassenclown.

Es macht großen Spaß, Bilderbuch bei ihrer Bühnenarbeit zuzusehen. Allen sitzt immer ein Schalk im Nacken, der Schmäh ist ihr ständiger Begleiter. Als zum Beispiel in der Einleitung zu „Gigolo“, dem Song mit den schönsten Casio-Keyboard-Sounds, die Münchner mit den vielen Porsche, die man in der Stadt immer fahren sähe, vom Sänger als ebensolche Gigolos („nie down, höchstens Downtown“) abstempelt werden, lächelt auch der Z3-Fahrer ganz hinten über den Witz. Wieso? Weil Maurice Ernst auf der Bühne die Gabe hat, alles, wirklich alles, nett mit einem Augenzwinkern zu sagen. Der alte Charmeur!

Schick Schock“ heißt das aktuelle Album der Österreicher, die bunt alle Musikstile zusammenmischen und deren großes Idol Kanye West ist. „Schick Schock, Schickeria, München!“ Was sich manch einer vielleicht nicht sagen trauen würde, posaunen Bilderbuch ziemlich bald hinaus. Erfrischend! Das ist ihre Art, das macht sie aus und damit ziehen sie auch das ganze Publikum auf ihre Seite.

Von vornherein war klar, dass an diesem Donnerstagabend der Abriss mit den Wienern gefeiert wird: Alle springen, singen den Text von „Plansch“ mit, es ist eng, man wird konstant durch die Gegend geschoben. Und es ist verdammt großartig! Die Burschen spielen sich durch ihr Debüt und ein paar ältere Stücke, anderthalb Stunden lang geben sie und auch die Zuschauer wirklich alles. Maurice Ernst, der immer noch gern Hemden mit ausgefallenen Mustern trägt, überlässt dem Publikum die erste Strophe ihres ganz großen Hits „Maschin“. Kein Fehler, Textsicherheit ist hier Ehrensache!

Immer wieder spricht Ernst das Ende des Lebens an, das gemeinsame Untergehen – das Marode, die allgegenwärtige Macht des Vergänglichen wird der Wiener an und für sich eben doch nicht los. Als um 23.44 Uhr die letzten Takte von „OM“ erklingen, steht zumindest für diesen Abend fest: Der Stern, auf dem Bilderbuch grad um den Planet kreisen, der geht so bald zum Glück nicht unter. Davon beruhigt schleiche ich zu Simply Reds Rausschmeißer „If you don’t know me by now“ mit den anderen 500 Besuchern nach draußen und ess ein Rum-Kokos – fürs Karma, eh klar.

PS: Der Typ, der sich während „Spliff“ ganz organisiert-ungehorsam besagte Sportzigarette angezündet hat, sollte vielleicht noch mal überlegen, ob ziviler Ungehorsam wirklich so eine Choreographie, so ein Theater, so ein Stichwort braucht. Lässig ist irgendwie anders, aber das nur so nebenbei.

Foto und Video: the music minutes