Alles spricht von Courtney Barnett. Na endlich! Lang genug hat es gedauert, bis die Kunde von der erstaunlichen Singer-Songwriterin aus Melbourne die Runde macht, aber dieser Tage kommt man auch hierzulande endgültig nicht mehr um ihr gerade veröffentlichtes Debüt herum. „Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit.“ ist – auch jenseits des grandiosen Titels – eine fabelhafte Platte und ein absolut erstaunlicher Erstling. Das liegt wahrscheinlich daran, dass Miss Barnett kein unbeschriebenes Blatt ist und bereits vor ihrem ersten offiziellen Longplayer recht umtriebig war.

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Courtney Barnett ist mir die letzten eineinhalb Jahre sehr ans Herz gewachsen. Im Winter 2013 war ich wer weiß wo über sie gestolpert und mit „History Eraser“ und „Avant Gardener“ hatte sich direkt ein wochenlanges Lieblingssong-Duo empfohlen. Im Singer-Songwriter-Indie-Alt-Rock Genre sind die Ladies ja immer noch in der Minderheit und so erfreut jeder qualitativ hochwertige Zuwachs an der Front der „Girls with Guitars“ wirklich ungemein. Wahrscheinlich gibt es wenige, denen ich mit ihrer Musik seitdem nicht ausdauernd in den Ohren gelegen habe. Dafür möchte ich mich explizit nicht entschuldigen. Ich würde es immer wieder tun.
Von 0 auf 100 sind nun also die Musik-Gazetten on- und offline voll und alle überschlagen sich mit Lob. Dabei ist die gute Courtney mit ihrem Debüt beileibe nicht aus dem Nirgendwo aufgetaucht. Bereits ihre „A Sea Of Split Peas Double EP“ 2013 (bei uns in Deutschland 2014 veröffentlicht) war ein großer Wurf, den sie aber, trotz der LP-Länge (sie hat wie der Titel schon vermuten lässt zwei existierende EPs verschmolzen) nicht als Album verstanden haben will. Begrifflichkeit hin oder her, das Songmaterial war erstklassig. Neben den oben genannten, hervorragenden Instant-Ohrwürmern bleibt unter anderem auch das melancholisch-liebenswürdige “Don’t Apply Compression Gently” direkt hängen und wenn “Lance Jr.” losgeht, denkt man unweigerlich an Kurt Cobain in der Strickjacke zwischen Lilienbergen. Eine Platte zum immer wieder an- und durchhören. Musikalische Relax-Therapie und Stimmungsaufheller aber auch textmäßig ein ordentliches Kaliber.

Mit viel Wortwitz und einem untrüglichen Gespür für feine Melodien wird bei ihr das Alltägliche einzigartig, das Banale besonders. Angenehm unprätentiös und fast verboten lässig schießt sie ihre musikalischen Zuckerl aus der Hüfte. Dabei schafft sie es Humor und Leichtigkeit mit Substanz und Tiefgang zu paaren und nie schrammt ein Song an der Grenze zu Kitsch oder Klamauk entlang. Wie macht sie das? Sie hat keine Angst Persönliches preiszugeben und tauscht aber im Gegensatz zu so vielen anderen den „Ich bin ja wohl die Allergeilste“-Anstrich gegen eine gesunde Dosis „Leck Mich am Arsch“. Ihr Geheimnis ist das Understatement. Ihre eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten versteht sie nicht als Makel sondern als Motor.

Courtney Barnett kann durchaus singen, entscheidet sich aber zumeist es nicht zu tun, sondern im dylanesquen Erzählmodus inklusive breitem Aussie-Akzent ihre Anekdoten zum Besten zu geben. Mal wird lamentiert, mal gemotzt, dann wieder geschwelgt. Fast stream-of-consciousnessmäßig entfalten sich die Geschichten und fesseln mit Detailverliebtheit und Wortreichtum. Ehrlich, mitunter skuril aber immer liebenswert. Musikalisch bewegt sie sich richtungsmäßig stark in den 70ern aber mit einem zeitgemäßen Twist. Man denkt an die Beach Boys, die Stones und Nirvana, an Rollschuhe, Surfbretter und Beachcruiser, an Proberäume in Garagen und orange-violette Sonnenuntergänge. Dazu gibts Buchstabensuppe und Bier statt Surf & Turf und Tequila Sunrise. Die Songs von Courtney Barnett sind das erfrischende Sorbet in einem Endlos-Gänge-Menü aus kaputtkonzepteter Bullshit-Musik.

courtney_barnett_AlbumAuf „Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit.“macht sie nun wieder das, was sie am besten kann. Irgendwo zwischen einer von der Muse geküssten Phoebe „Smelly Cat“ Buffay und einer auf Krawall gebürsteten Sheryl Crow anno „All I Wanna Do“ packt sie aus und hat einen mit ihrer entwaffnenden Art sofort wieder am Schlafittchen. Man denkt an Angel Olsen, Patti Smith und Kimya Dawson, aber fetziger, irgendwie geerdet und mit einer extra Portion Schlitzohrigkeit. Lebensweisheiten, Wutausbrüche, melancholisches Sinnieren, Courtney Barnett ist eine begnadete Geschichtenerzählerin, die dazu das Talent hat, ihre Stories in fabelhaften Sound zu kleiden.

Der Opener „Elevator Operator“ ist ein beschwingter Einstieg, der ausnahmsweise mal nicht aus der Ich-Perspektive erzählt. Unter der Happy-Fassade lauert die Story eines frustrierten Jünglings, der auf der Suche nach dem Zen-Moment vorm alltäglichen Wahnsinn aufs Hochhausdach flüchtet und der gebotoxten Lift-Bekanntschaft beichtet, dass er am liebsten ja einfach nur Aufzugführer wäre. Verdammt, kennen wir das nicht alle? Wie oft wünscht man sich einfach den ganz großen Container in den man die Verantwortung entsorgen kann…
Die erste Single „Pedestrian At Best“, die sie bereits  Ende Januar veröffentlicht hat, ist eine Granate und macht thematisch da weiter, wo schon der Elevator-Song angesetzt hat. In dem rotzig-wütenden Ohrwurm krakelt sie sich hingebungsvoll knapp vier Minuten lang durch das Pauschal-Ärgernis, zu dem unser Leben heute geworden ist. Erwartungsdruck, künstlicher Hype und Mogelpackungen – Selbstvermarktung my ass! „Put me on a pedestal and I’ll only dissapoint you/ Tell me I’m exceptional and I promise to exploit you“. Das Video dazu ist entsprechend grandios. Als Clown des Jahres 2013 findet man sich wohl lieber schnell mit der Vergänglichkeit des Ruhms ab. Aber auch wenns bei der Clown-Courtney im Video so gar nicht läuft, schon mit diesem zweiten Song bläst sie uns gehörig den Marsch und lässt mal wieder keinen Zweifel aufkommen, wo hier textmäßig der Hammer hängt. „Give me all your money and I’ll make some origami honey“ – das möchte ich als Poster!

Mit „An Illustration of Loneliness (Sleepless in New York)“ wirds dann versöhnlicher. Zwischen Schlaflosigkeit und Ablenkungsmanövern, Movies und Smoothies wird jemand gehörig vermisst. Mit einem etwas erschöpften aber mantramäßig wiederholten „I’m thinking of you too“ lullt sie uns in bittersüße Wohligkeit. „Small Poppies“ ist dann 7 Minuten (!) großes Kino. Bei den leicht gequälten Hula-Gitarren (ich nenn das mal so), kann ich nicht anders als mir vorzustellen, wie sie in Docs, Jeans und Flanellhemd einen „Elvis in der Südsee Film“ entert, und plötzlich alles auf halbe Geschwindigkeit setzt. Dazu bleicht ein trüber Schleier überm Bildschirm die grenzwertig exotischen Farben aus. Tiki Grunge Galore oder so. Viel zu lang, mag man erst reflexmäßig denken, aber der Song nimmt sich die Zeit, die er braucht und baut sich beeindruckend auf. Sie hat einfach ein sicheres Händchen dafür, was richtig klingt und funktioniert. Mit „Depreston“ kommt Single Nummer zwei und ein weiteres Lieblingslied der Platte. Dieser Song ist wirklich extrem entzückend und hat einen ganz eigenen, sehr positiven Vibe; hier klingt, zumindest was die Melodie angeht, nichts bitter, sarkastisch oder doppelbödig. Eine kleine, feine Folk-Perle. Das knackig, kurze „Aqua Profunda!“ und das nachfolgende „Dead Fox“ greifen dann als Duo mit mehr Dampf gut ineinander. Auch etwas, was diese Platte spannend macht. Manche Songs fließen ganz organisch ineinander über, bevor aber die Gefahr aufkommt, dass man es sich hier zu gemütlich macht, darfs auch mal ein bisschen aneinanderrumpeln. Guten Morgen, Liebe Leute, auch noch da? Rumms, nächster Song, und bitteschön!

In „Nobody Really Cares If You Don’t Go To The Party“ wird der existenziellen Frage nachgegangen, was man denn nun zum Teufel machen soll, wenn man eigentlich losziehen will, aber der Hintern wieder besonders hartnäckig an der Couch klebt. „I wanna go out but I wanna stay home“ – Oh Gott, bin das ich… Und für Textzeilen wie „You say „You sleep when you’re dead,“ I’m scared I’ll die in my sleep“ muss man ihr einmal mehr auf die Schulter klopfen. Wie beruhigend, dass dies nicht nur ein Problem meines Alters zu sein scheint, sondern sich inzwischen schon freshe Mittzwanziger und angehende Rockstars damit herumplagen.
„Debbie Downer“ ist entgegen des Titels erstaunlich gutgelaunt und erfreut mit ein bisschen Eels-Feeling (das Geflöte vermutlich) bevor mit dem reduziert dekonstruierten „Kim’s Caravan“ und „Boxing Day Blues“ zwei ausgesprochen melancholische Songs das Album beschließen. Wie sich bei ersterem erst nach gut der Hälfte der über sechs Minuten Spielzeit die Melodie durchkämpft ist schon wieder ziemlich stark gemacht. „Don’t ask me what I really mean/ I am just a reflection/ Of what you really wanna see/ So take you want from me“ fordert sie auf während dahinter die Gitarren in einem leicht spacigen Prog-Rock-Anfall wüten. Programmatisch bluesig und selbstzweiflerisch setzt letzteres den stimmigen Schlusspunkt. „I love all of your ideas/ you love the idea of me“. Leise und ein bisschen abgekämpft verhallt diese letzte Melodie in einem leicht unfertig scheinenden Fade Out. Das Gefühl das bleibt ist, dass man eigentlich direkt wieder von vorne anfangen will, zurück zum gefrusteten Möchtegern-Liftboy und seinem Blick auf die Ameisenmenschen in den Straßen zu seinen Füßen. Sie ist schon ein Fuchs, die Courtney!

Ich hab was übrig für große Texter, und Courtney Barnett ist definitiv eine von ihnen. Wenn diese Texte dann noch in so wunderbare Melodien gepackt werden, hat man mich im Sack und die Tatsache, dass das Gesamtwerk aktuell mit nichts so wirklich zu vergleichen ist, ist das bewundernswerte i-Tüpfelchen.
Schon jetzt steht dieses Album, wie die „Split Peas EP“ ganz hoch bei mir im Kurs, ich möchte sagen, ich habe es bereits liebgewonnen und freue mich, wenn es endlich in gepresster Form hier eintrudelt. Dann wird erstmal eine Runde auf dem Plattenteller gedreht während ich per beigelegtem Bastelsatz den Stuhl vom Cover nachorigamisiere. Ja, ich bin offiziell ein Freak.

Wer die Gelegenheit hat, sollte sich Courtney Barnett auch live anschauen. Ich hatte im Dezember letzten Jahres endlich das Vergnügen, als sie als einer der letzten musikalischen Gäste das scheidende Atomic Café bespielte. Was soll ich sagen? Es war großartig! Detailliert nachzulesen auch hier. Bisher wird diese Freude wohl nur den verwöhnten Hauptstädtern vorbehalten sein, am 12. April spielt sie eine Show im Berliner Heimathafen, aber wer weiß, könnte durchaus sein, dass sie eine Tour nachlegt angesichts ihres durchschlagenden Erfolgs.
Ich bin und bleibe Fan und möchte euch hiermit herzlich einladen es mir gleichzutun. Ob ihr jetzt beim Sitzen nachdenkt oder eher nicht, mit Courtney Barnett sitzt ihr zumindest immer auf der richtigen Seite.

„Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit.“ von Courtney Barnett ist am 20.03.2015 bei  Marathon Artists / House Anxiety (rough trade) erschienen.

 

Fotos: PR