Jetzt ist es soweit: Das wird nix mehr mit mir und Placebo. Sehr schweren Herzens tippe ich hier einen Abgesang auf eine Band, die lange Zeit mein hellster Stern am Musikfirmament war: Adieu, Placebo.

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Mit dem Abebben der Britpop-Welle damals in der zweiten Hälfte der Neunziger kamen neben Muse noch weitere Hoffnungsträger von der Insel: Placebo. Mit ihrem Debüt aus dem Jahr 1996 spielte sich das Trio um den exzentrischen und bewusst androgynen Sänger und Gitarristen Brian Molko nicht nur auf Anhieb in das Zentrum meiner Musikwelt, sondern auch das von David Bowie: 1997 ließ er sie als einzige Band auf der Feier zu seinem 50. Geburtstag auftreten. Richtig viel gehört hatte man damals noch nicht von ihnen: Ihre selbstbetitelte erste Platte war noch kein Jahr alt und das verspulte Video zu „Nancy Boy“ macht wohl manchem heute noch Albträume.

24 Jahre war er damals alt, Placebos Mastermind Brian Molko: Sohn einer Schottin und eines Amerikaners mit italienisch-französischen Wurzeln und in Brüssel geboren. Kaum ein anderer machte sich das große Thema der „Teenage Angst“ so sehr zu eigen wie er auf Placebos Debüt: „I’ve never been an extrovert, but I’m still breathing/ […]/ I’ve always been an introvert, happily bleeding“ singt er in „36 Degrees“ – und das nicht lahm und melancholisch, sondern zornig und schnell. Er und seine Band sprachen sie also alle an: die Leisen, die Lauten, die Introvertierten, die, die nicht so recht wussten, wohin mit sich nach der Grunge-Ära. 1997, nach David Bowies Geburtstagssause, durfte man sich das in London ansässige Trio in schlecht besuchten Festival-Slots gegen 14 Uhr anschauen; Molkos androgyne Erscheinung war damals schon sehr beeindruckend und sollte spätestens 1998 mit dem Erscheinen des zweiten Albums „Without You I’m Nothing“ in Stein gemeißelt werden.

Die zweite Platte erfreute sich besonders großer Beliebtheit bei allen Kinobesuchern von „Eiskalte Engel“, mit Reese Witherspoon, Sarah Michelle Gellar und Ryan Philippe. Die Filmadaption von „Les Liaisons Dangereuses“ aus dem Jahr 1782 war 1999 fester Bestandteil der Jugendkultur und ich war kürzlich sehr verwundert, als jemand mit der Beschreibung „Ryan Philippe, weißt schon, der aus ‚Eiskalte Engel‘ “ nichts anfangen konnte (weil sechs Jahre jünger als ich). Aber nicht nur den Film sahen alle in meinem Freundeskreis, auch den Soundtrack hatten die meisten – auf dem waren unter anderem: Placebo. „Every You and Every Me“ ist immer noch einer der ganz großen Hits von Placebo und sind wir doch mal ehrlich: Wenn die ersten schrammeligen Gitarrenakkorde des Songs erklingen, dann wackelt man automatisch im Takt und kennt die ersten paar Textzeilen. Extrem cooler Song, der Placebo einen ordentlichen Boost in Sachen Aufmerksamkeit verschaffte und damit irgendwie leider auch den Weg in den Mainstream öffnete. Wenn man nämlich  die Texte des Trios versteht, haben die eigentlich nichts mit dem Geschmack der breiten Öffentlichkeit gemeinsam.

Das Thema der „Teenage Angst“ wird ein wenig zurückgeschraubt, dafür geht’s um zerbrochene Beziehungen zu allem Möglichen. Geschrieben hat Molko die meisten Tracks allein, nur der Sound der Platte wurden von der ganzen Band bestimmt. Drogen, Homosexualität, mehr Drogen, Unsicherheit – von mir aus „Teenage/Young Adult Angst 2.0“, wenn man so will. Für immer einer der besten Songs der Band findet sich auf „Without You I’m Nothing“: das von einem einzigen Gitarren-Loop getragene „Pure Morning“. Als es Video-Premiere auf MTV feierte (crazy, sowas gab es mal), war ich völlig geflashed; ein Zustand, der bei diesem Song bis heute anhält.

Ganz planmäßig zwei Jahre später erschien dann 2000 „Black Market Music“, mit dem Placebo sich auf erste elektronische Spielereien einließen. „Slave To The Wage“, „Taste In Men“ und „Special K“ sind die großen Hits der dritten Platte; die klingen nicht so viel sehr anders als Tracks auf den Vorgänger-Album, ließen aber Placebos Fanbase weiter anwachsen. Dass die musikalische Weiterentwicklung aussetzte, ließ manchen Kritiker verärgert das Ende des Trios propheizeihen – zu Unrecht, denn 2003 kam „Sleeping With Ghosts“ auf den Markt. Von mir aus hätte diese Platte nur aus „The Bitter End“ und „This Picture“ bestehen können, denn live funktionierten die neben den Songs der ersten zwei Alben immer am besten. Pitchfork monierte damals schon über „Sleeping With Ghosts“: „No peaks, no gorges, just a steady oscillation between adequate and inspired. Sleeping with Ghosts is a remarkably level collection of guitar pop, simultaneously less glammy and less pungent than Placebo’s earlier stuff.“ Ach, wenn die gewusst hätten…

Wie immer handeln die Songs vor allem von Molkos gebrochenem Herz und zerbrochenen Beziehungen und selbst wenn es damals schon leicht nervig war, dass er immer nur von dem gleichen Zeug sang – heute würde ich mir das wünschen. Doch dazu gleich weiter unten. Dass er inziwschen gern in Frauenkleidern und geschminkt auftrat, erinnerte mich eher an Kurt Cobain als an irgendeine Form des Protests oder der Provokation. Bemerkenswert war das Mädel, das Molko auf ein Nicken hin auf dem Southside die Zigaretten, die er kettenrauchend auf der Bühne verholzte, erst an- und dann in den Mund stecken musste. Der erste Kippen-Hiwi, auch was wert.

2006 dachte man dann, es würde alles doch noch besser werden mit den melancholischen Alternative-Rockern. „Meds“ war ein durch und durch solides Album und mit Videos wie zum Debüt. Die Platte sollte im März erscheinen, leakte allerdings schon zwei Monate eher – Internet und so!  Die Texte waren verspult und für den Titeltrack holte man sich die Unterstützung von Allison Mosshart von The Kills, für „Broken Promise“ die von Michael Stipe. Gerade solche Songs wie „Because I Want You To“ ließen die ganz alten Placebo noch mal durchblitzen: schneller als der Rest und damit auch für Molkos zeitweise leiernden Nasalgesang zu flott. Live waren die Konzerte zu der Platte eine Schau: Das Intro bestand aus einer Herzfreqenzkurve und einem Pulsschlag, bevor dann das Trio auf die Bühne kam. Bei dieser Tour war auch das Kate Bush-Cover von „Running Up That Hill“ fester Bestandteil des Setlist ebenso wie „Where is My Mind?“ von den Pixies, das einfach nie besser als das Original sein kann. Aber zurück zu  „Meds“: Beim letzten Song des Albums, „Time To Say Goodbye“, hatten viele schon Angst, dass es der Auflöse-Song der Band wäre. Ach, hättet ihr es doch gemacht!

2007 wurde nämlich der Schlagzeuger ausgetauscht und das Unheil nahm seinen Lauf: Wegen interner Streitereien verließ Steve Hewitt die Band, Steve Forrest war sein Nachfolger (der ist seit Februar 2015 aber auch nicht mehr Teil der Band, aber gut). Jedenfalls driftete Placebo irgendwie in die Pop-Melodien und die Radio-Spielbarkeit ab; kein Wunder, mit einem Schlagzeuger, der beim Debüt neun Jahre alt war. Es war einfach lächerlich mitanzusehen, wie 2009 ein damals 23-jähriger versucht, das Mitte-90er-Jahre-Gefühl zu transportieren. Langsam aber sicher verabschiedete ich mich schweren Herzens von der Band, die mich zuverlässig seit 1996 begleitete. Über „Battle For The Sun“ will ich eigentlich gar nicht sprechen, ich halte es für eines der schwächsten Alben. Der Rolling Stone bemerkte, dass die Songs „full of bombast and bland angst, as if these smart guys know better but can’t help themselves“ wären. Zurecht.

Das absolute Desaster in meinen Augen kommt aber erst mit „Loud Like Love“, dem Unter-Album aus dem Jahr 2013. Letzte Woche war ich beim Autofahren gezwungen, mir einen Song komplett anzuhören und daher rührt auch die Motivation für diesen Abgesang. Es handelt sich hierbei um „Too Many Friends“. Ganz abgesehen, dass die Quintessenz ist, dass man in den sozialen Netzwerken eh zu viele Leute addet, mit denen man letztendlich in der Realität dann doch nicht interagiert, kann ich Brian Molko sowie jedem anderen nur empfehlen: Dann meld dich nicht bei Facebook an oder lösch deinen Account oder lern‘, damit umzugehen. Wenn man das nicht auf die Reihe bekommt oder Bestätigung über soziale Netzwerke sucht und findet, sollte man sich deren Nutzung noch mal genauer überlegen.

Aber nun zum wörtlichen Text: Hatte Brian Molko früher wirklich ein Händchen für „Teenage Angst“ und verspulte Texte, so beweist er hier mit einem Vorschlaghammer das Gegenteil: „My computer thinks I’m gay“. Meinetwegen. Weiterzumachen mit „I threw that piece of junk away“, ist in meinen Augen schon grenzwertig; allerdings sucht Molko in den folgenden drei Minuten nur nach Wörtern, die sich auf „gay“ bzw. „away“ reimen.

Wir hätten da unter anderem im Angebot: „Champs-Elysee“, „communiqué“, „highway“, „needle in the hay“. Im Coda-Teil gibt es die alles andere als grandiose Abfolge „declaim/blame/my pain“. Schon klar, Texte sollen sich reimen, aber auf Biegen und Brechen? Brechen. Richtiges Wort. Oder um es gediegener wie das Magazin Clash zu sagen: „easy to absorb musically and easy to ignore lyrically“. Absolut.

Eigentlich schreiben wir hier nix Schlechtes. Aber wenn eine Band, mit der man aufgewachsen ist und die man immer gehört hat, weil sie einfach gut war, plötzlich solchen Schrott abliefert, dann kann man nicht anders. Ich erinnere mich, dass 2013 nicht allzu viele Menschen beim Phoenix-Konzert im Zenith waren, weil zeitgleich Placebo in der Olympiahalle spielten. Mit Kinderreimen. Na servus. Es fällt mir wirklich nicht leicht, Placebo schlechtzuschreiben – aber es hilft nix. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich die momentan nur als Duo fungiernden Londoner wieder auf ihre eigentlichen Stärken berufen: gute Alternative-Musik, verworrene Texte, Mucke abseits des Radio-Airplays (Fans, die Placebos finanzielles Überleben sichern, haben sie ja schon lange genug). Denn so gewinnt man keinen Blumentopf – zumindest nicht bei den Fans aus dem Jahr 1996.

Fotos: Joseph Llanes