Kendrick Lamar ist mit „To Pimp A Butterfly“ ein kleines Meisterwerk gelungen. Man kann sich an diesem Album die Zähne ausbeißen: Unzählige Querverweise, jede Menge Referenzen, politische und historische Anspielungen und popkulturelle Zitate, verpackt in komplexe Rhymes. Man kann aber auch einfach die Musik genießen. Diesen frischen, jazzigen Hip-Hop-Sound, der das Genre neu definiert.

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Der „Spiegel“ ist hingerissen, der „Guardian“ vergibt die volle Punktzahl und selbst der strenge „NME“ lässt acht Sterne springen. Hip-Hop-Nerds sprechen ehrfürchtig von einer Revolution. Ganz klar, Kendrick Lamar hat alles richtig gemacht. Sein neues Album „To Pimp A Butterfly“ wird schon jetzt als künftiger Genre-Klassiker gehandelt. Der „Guardian“ bringt es auf den Punkt: „Wütend wie Kanye West, funky wie D’Angelo, selbstkritischer als Drake und kosmisch wie Erykah Badu.“

Und nicht nur die Kritiker sind begeistert. Fans weltweit kauften das Album an die Spitze der Charts. So erreichte Kendrick Lamar in den USA und UK die Pole Position, hierzulande lag Rang sieben drin, in der Schweiz Platz drei. Außerdem stellte Kendrick Lamar am Release-Tag einen globalen Spotify-Rekord auf: „To Pimp A Butterfly“wurde  allein am 16. März über 9,6 Millionen Mal gestreamt.

Dabei sind die Songs auf „To Pimp My Butterfly“ weder inhaltlich noch musikalisch alles andere als leicht zugänglich bzw. kommerziell. Die Lyrics sind sehr politisch, u.a. nimmt Kendrick Lamar Bezug auf die Ereignisse in Ferguson und den Mord an Teenager Trayvon Martin, dessen Mörder ungestraft davonkam. Er thematisiert den Selbsthass der afroamerikanischen Community, institutionellen Rassismus respektive die US-amerikanische Apartheid und Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA.

Wie kaum ein anderer Rapper reflektiert Kendrick Lamar die Identität der Schwarzen im Amerika des 21. Jahrhunderts. Dabei wechselt er immer wieder die Perspektive und schlüpft in unterschiedliche Charaktere. Aufgrund der komplexen Erzählstränge der Lyrics wurde Kendrick Lamar als Rap-Poet bezeichnet, die Vergleiche reichen von Bob Dylan bis James Joyce.

Rapolitics

KendrickLamar_coverAllein das Album-Cover ist ein eindeutiges politisches Statement: Eine Gruppe schwarzer Männer vor dem Weißen Haus, ein niedergetrampelter Richter zu ihren Füßen. Das Foto in Polaroid-Optik stammt vom renommierten Fotografen Denis Rouvre, Preisträger des World Press Photo Awards. Auch die Sample-Auswahl ist politisch geprägt: So wird etwa im  Titeltrack ein Sample aus dem 1973er Blaxploitation-Film „Every Nigger Is A Star“ verwendet.

Kendrick Lamar hat seine Hausaufgaben gemacht: Vor den Album-Aufnahmen besuchte der 27-Jährige Südafrika, wo er Robben Island einen Besuch abstattete, der Insel, auf der Nelson Mandela jahrzehntelang weggesperrt war.

Musikalisch hat Kendrick Lamar seine messerscharfen Rhymes in entspannte Grooves verpackt, die sich deutlich von modernen Hip-Hop-Produktionen mit ihrem Wumms und technischen Schnickschnack unterscheiden. Das Material auf „To Pimp A Butterfly“ ist von jazzigen Klängen durchzogen. Neben (Free) Jazz geben Soul und Funk den Ton an.

All That Jazz

Beat-Bastler wie Avantgarde-Hip-Hopper Flying Lotus, desen Bassist und Co-Producer Thundercat, Funk-Legende George Clinton, US-Rapperin Rapsody, die Singer/Songwriter Bilal und James Fauntleroy sowie Sängerin Anna Wise, aber auch bekannte Szene-Größen wie Snoop Dogg und Executive Producer Dr. Dre setzen auf Kendrick Lamars Werk individuelle Akzente, die sich jedoch allesamt dem jazzigen, reduzierten Vibe unterordnen.

Selbst das von Pharrell Williams produzierte „Alright“ ist nicht als Trademark-Stück des ansonsten für poppige Melodien bekannten Hit-Machers zu erkennen. Die Songs auf „To Pimp A Butterfly“ klingen nach poetischen Spoken-Word-Tracks, vorgetragen in Kendrick Lamars unvergleichlichem Flow. Der Rapper selbst bezeichnet seinen Sound schlicht als „human music“, Musik ohne klare Genrezugehörigkeit.

Einen ersten Vorgeschmack auf die dritte Kendrick-Lamar-Platte lieferte im September vergangenen Jahres die Single „i“. Im Februar wurde Lamar für den Song mit zwei Grammys ausgezeichnet („Best Rap Song“ und „Best Rap Performance“). Der von Rahki produzierte, eingängige Track basiert auf der Melodie des Isley-Brothers-Klassikers „That Lady“ aus dem Jahr 1973. Kendrick Lamar reiste persönlich nach St. Louis, um Sänger Ronald Isley für das Sample um Erlaubnis zu bitten. Die Parts wurden dann teilweise im Studio neu eingespielt.

In „King Kunta“ geht es um den Sklaven Kunta Kinte, hier ein Symbol für vermeintliche Authentizität. Kendrick Lamar verhandelt hier die Bedeutung von race innerhalb des sozialen Gefüges der amerikanischen Gesellschaft. Im dazugehörigen, in quadratischer Instagram-Optik gedrehten Videoclip huldigt Kendrick Lamar seinen Compton-Wurzeln und cruist durch seine ehemalige Hood in South Los Angeles. Das funky daherkommende Stück zitiert Lyrics aus Michael Jacksons „Smooth Criminal“ und enthält Elemente aus Songs von James Brown und dem verstorbenen Rapper Mausberg sowie aus „We Want The Funk“ (1994) von Ahmad Lewis.

„To Pimp A Butterfly“ endet mit „Mortal Man“, einem fiktiven Dialog zwischen Kendrick Lamar und der 1996 verstorbenen Rap-Ikone Tupac Shakur. Der Zusammenschnitt basiert auf einem schwedischen Radio-Interview aus dem Jahr 1994 mit dem Westcoast-Rapper. Die Legende und das Jungtalent sprechen u.a. über die aktuelle Hip-Hop-Generation, den Umgang mit Erfolg und einen bevorstehenden Aufstand.

Ganz klar, „To Pimp A Butterfly“ ist keine belanglose Hintergrundmusik, sondern eine knapp 80-minütige Geschichtsstunde. Vielleicht tatsächlich wie bei einem Roman von James Joyce – bei jedem Hören gibt es Neues zu entdecken. Also, hinsetzen, zuhören, mitschreiben.

Rewind: Kendrick Lamar

Kendrick_Lamar_ChristianSanJoseKendrick Lamar wuchs in Compton auf, dem berüchtigten Brennpunkt und Epizentrum von Gangsta-Rap in Los Angeles. Ab 2009 schloss sich der Nachwuchsrapper mit Schoolboy Q und weiteren befreundeten Musikern zum Black-Hippy-Kollektiv zusammen, 2011 ließ Kendrick Lamar mit seinem Debüt „Section 80“ die Hip-Hop-Welt aufhorchen. Rap-Legenden wie Dr. Dre, Game und Snoop Dogg bezeichneten ihn als „New King Of West Coast“. Mit seinem Major-Debüt „Good Kid, m.A.A.d. City‘, das im Herbst 2012 erschien, machte er sich dann auch jenseits der Szene-Grenzen einen Namen. Das Album erreichte Platz zwei der US-Charts, die Single „Swimming Pools (Drank)“ knackte die Top 20. Mittlerweile hat Kendrick Lamar mit Größen wie Eminem und Kanye West zusammengearbeitet. Mit Alicia Keys entstand der Song „It’s On Again“ für die jüngste „Spiderman“-Story.

Fotos: Universal Music