Die 20.000 Britischen Pfund Preisgeld, das sie im Herbst vergangenen Jahres beim Mercury Music Prize absahnten, haben die Young Fathers in ihrem zweiten Album „White Men Are Black Men Too“ bestens angelegt.

youngathers2015_SelfPortraitEs scheppert, knarzt, klatscht und dröhnt. Nein, zugänglich sind sie nicht, die Young Fathers. Das neue Material kommt erstmal recht sperrig daher. Nach dem verspäteten Überraschungserfolg ihres Debütalbums „Dead“ legt das Trio aus Edinburgh den Nachfolger vor. Wer den zwölf neuen Songs auf „White Men Are Black Men Too“ ein paar Durchläufe gibt, entdeckt plötzlich die poppigen Melodien und versteht die tiefgreifenden Lyrics, die bei den roh produzierten Sound-Collagen leider oft recht schwer verständlich sind.

Dabei haben die Young Fathers – bestehend aus „G“ Hastings, Alloysious Massaquoi, ursprünglich aus Liberia und Kayus Bankole, Sohn nigerianischer Eltern – der Welt einiges mitzuteilen. Ähnlich wie Kendrick Lamar auf seiner dritten Platte „To Pimp A Butterfly“ geben sie sich ebenso poetisch wie politisch. In „Sirens“ wird in simplen, aber eindringlichen Worten die Sorge einer Mutter thematisiert, die sich um das Leben ihres Sohnes ängstigt. Was TLC in ihrem Über-Hit „Waterfalls“ bereits vor fast 20 Jahren thematisierten, ist auch heute noch Realität und eine konkrete Anspielung auf die Polizeigewalt in den USA und die Erignisse in Ferguson. „Who’s next, the bullet never knows, bang bang bang, goes the lazarino, hit the bulls eye, fi fi fi finito“, heißt es in dem Young-Fathers-Song. „Nest“ dagegen ist ein sehr subtiler Protestsong gegen den Nestlé-Konzern – angeblich ursprünglich als Werbesong (für Eistee!) konzipiert.

Rau & direkt

Allein der Album-Titel ist ein Statement. Im Song „Old Rock n Roll“, der die titelgebenden Zeilen enthält, heißt es: „I’m tired of playing the good black, I said I’m tired of playing the good black, I’m tired of having to hold back“. Der Album-Titel, der bewusst race-Fragen provoziert, wurde von der Band nicht bloß als billiges Marketing-Mittel gewählt, sondern wurde eingehend reflektiert, wie aus einem teilweise öffentlich gemachten E-Mail-Verkehr zwischen den Young Fathers und ihrem Management hervorgeht. Wieso sollten race, Politik, Sex oder Religion hinter vorgehaltener Hand diskutiert und nicht direkt angesprochen werden?

„How do we help tackle one of the biggest hinderances in people’s lives and the world by not putting the question forward and not letting people debate positively or negatively about the statement?“ fragt Rapper und Sänger Massaquoi Alloysious.

Musikalisch wollen die Young Fathers „White Men Are Black Men Too“ als Pop- und Rock-Album verstanden wissen. In Zeiten, in denen dem R&B oft der Blues abgehe, machten sie schlicht Rock und Pop, stellen die drei 27-jährigen Künstler klar. Sie wollen sich grundsätzlich nicht einordnen lassen, aber dieses Etikett erlaubt es ihnen, in alle Richtungen zu gehen und sich selbst zu sein. Das Resultat erinnert einige Kritiker zu Recht an die frühen TV On The Radio und den experimentellen Hip-Hop der US-Formation Shabazz Palaces

Wie bereits auf dem Debüt verschmelzen die Young Fathers auf „White Men Are Black Men Too“ dreckigen Hip-Hop, Pop und Rock. Der Leith Congregational Choir sorgt für Gospel-Feeling und sogar Krautrock-Einflüsse finden sich in den düsteren Tracks. Das Material enstand rund um den Globus, in einem Hotelzimmer in Illinois, einem Proberaum in Melbourne, einem kalten Keller in Berlin, einem Fotostudio in London sowie ihrem Hometown-Studio in Edinburgh.

Das Resultat dieses durch viele Reisen geprägten Aufnahmeprozesses sind zwölf raue, erstmal sperrige Lo-Fi-Arrangements, aus denen sich immer wieder unglaublich zugängliche Hooklines schälen. Politisch, direkt und dabei absolut pop-proof.

Young Fathers: So far…

„G“ Hastings, Alloysious Massaquoi und Kayus Bankole lernten sich im Alter von 14 Jahren bei einer U16-Hip-Hop-Nacht im Bongo Club in Edinburgh kennen. Auf einer alten Karaoke-Maschine, die sie an einen Kassettenrekorder anschlossen, nahmen sie im Anschluss erste gemeinsame Songs auf. 2008 hoben sie die Young Fathers aus der Taufe – alle drei Mitglieder wurden nach ihren Vätern benannt, deshalb der Bandname. 2009 erschien die erste Single, „Straight Back On It“, die den Newcomern u.a. BBC-Plays und Support-Gigs für Simian Mobile Disco bescherte.

Nachdem sie zwei Alben mit einer kleinen Produktionsfirma aufgenommen hatten, diese jedoch nicht veröffentlicht wurden, nahmen die Young Fathers innerhalb einer Woche ihr Mixtape „Tape One“ auf, „Tape Two“ folgte kurze Zeit später. Das in Los Angeles ansässige Hip-Hop-Label Anticon wurde online auf die Schotten aufmerksam und veröffentlichte die beiden Mini-Alben 2013, bevor sie Anfang 2014 ihr Debütalbum „Dead“ über das Londoner Label Big Dada vorlegten. Das Werk verkaufte sich bis Herbst gerade mal knapp 2500 Mal, bis zum Mercury Music Prize, welcher der Band endlich die verdiente internationale Aufmerksamkeit bescherte.

Young Fathers Tour 2015

Im Sommer sind die Young Fathers bei einigen Festivals zu Gast, bevor sie im Herbst dann auf Club-Tour kommen. Die Live-Shows der drei Schotten, die allein im letzten Jahr über 140 Gigs spielten, müssen ziemlich spektakulär sein – inklusive ausgeklügelter Boyband-Choreografien. Das wollen wir sehen!

Young Fathers Live 2015:
14.06. „Torstraßenfestival“, Volksbühne, Berlin
29.06. Wien, Arena
18.07. „Melt! Festival“, Ferropolis, Gräfenhainichen
23.08. „Dockville Festival“, Hamburg
05.10. Leipzig, Conne Island
07.10. Köln, Gebäude 9
08.10. Frankfurt, Zoom
09.10. München, Kammerspiele

Foto: Big Dada