Sonntagabend, eigentlich wieder Zeit für einen schlechten Tatort. Deichkinds Rotschopf Ferris MC spielte mal einen Bösewicht beim Bremen-Tatort, war auch schlecht. Deshalb: Gestern Abend gegen alles Schlechte und für das Großartige – Deichkind im Zenith in München!

slide_dk

Kerstin: Über meiner Schüssel Smacks mit Blattgold habe ich heut morgen nochmal eine ausgiebige Runde über dieses Spektakel gestern sinniert. Wo fängt man da an? Wo hört man auf? Diese Show kann und muss man nicht minutiös nacherzählen, diese Show muss man mitmachen.
Wer Deichkind nur als hyperaktiven Haufen Spinner abtut, der hat etwas nicht verstanden. Das hier ist kein Karnevalstrupp, das ist Kunst. Deichkind sind die bandgewordene Parabel auf unsere irre Zeit. Sie zeigen mit dem Finger (oder auch mal dem Curser) auf die Absurditäten von heute und verpacken es in „Reiß-die-Hütte-ab“-Remmidemmi-Tunes. Das geht schon beim grandiosen Intro los – die Welt steckt voller Wunder, wir finden trotzdem YouTube geiler – und zieht sich thematisch durchs ganze Konzert. Über all den wahnsinnigen Show-Elementen, den makellosen Choreos (Hut ab, das war ne Menge Holz!), der Polonaise und den Regenschirmen, den Bungeeseilen, dem Solarium, dem Schlauchboot und dem Fass sprechen gerade die Texte vom neuen Album eine andere Sprache. Das hier ist alles unglaublich schlau und macht dabei doch so viel Spaß.
Die Leute sind standesgemäß on fire, das Zenith ist ein tobender, verschwitzter Neon-Mob. Zwei atemlose Stunden zwischen kopflosem Krawall und cleverer Gesellschaftskritik. Ganz schön doppelbödig, würde der Herr Hader wohl anmerken. Das Schöne dabei ist aber, dass jeder diese Show feiert wie er will. Alles kann, nichts muss. Sich vom Gesamtkunstwerk wegblasen lassen? Bitteschön. Nur saufen und abspacken? Auch gut. Mit Niveau oder ohne, nehmt von uns was ihr wollt, ist die Devise.
Und am Ende bleibt ein abgekämpfter Haufen. Die Federn an den nassen Körpern tragen sie wie Orden. Zurecht. Sie haben Ferris, und was haben wir so? Ja, was eigentlich? Ich bin sehr gespannt, was man in 20 oder 30 Jahren über Deichkind sagen wird. Für heute sage ich danke für diese moderne Oper mit der richtigen Dosis Wahnsinn, aber eben auch ganz viel Methode.

 

Ursi:  Ich stehe mit meinen drei Mädels, meiner „Deichkind-Gang“, in der Mitte des Zenith. Klingt episch, ist auch so. Zwei Stunden lang zappeln, singen und springen wir zu dem Repertoire der Band, bis ans „Limit“ quasi. Wir nicken mit dem Beat, wackeln mit dem Arsch, liken, sharen, bücken uns hoch, hören gut zu und drehen einfach komplett durch. Als kurz vor 20.30 Uhr die letzten Takte von Rage Against The Machines „Killing In The Name Of“ – bäm bäm bäm, bäm bäm bämmm – erklingen, flüstere ich meiner Nachbarin zu „Jetzt geht’s los. Durchdrehen!“ Deichkind kommen und verwandeln das ausverkaufte Zenith in einen Zirkus.
Bildschirmfoto 2015-04-27 um 11.08.03
Das liegt nicht nur an den Lichtern, der Choreo und dem Schlauchboot, das angeblich vorn auf der Bühne unterwegs ist (Man sieht von der Mitte der Mitte aus nicht gut. Muss an der Zwergengröße meinerseits und der wogenden Masse an Händen über den Zuschauerköpfen andererseits liegen), sondern auch an den Texten, die so ironisch und gesellschaftskritisch sind, dass man schon genau hinhören muss, um sie zu verstehen. Es ist ein ganz großes Konzert, das wird einem schon bei den ersten paar Songs bewusst. Deichkind wissen ganz genau, was sie da auf der Bühne machen. Sie nehmen sich nicht zu ernst, aber verfallen auch nicht in den Clownsmodus: Das ist ein ganz schmaler Grat, auf dem sie da wandeln – aber sie stolpern kein einziges Mal. Ihr aktuelles Album „Niveau Weshalb Warum„, das eigentlich viel feinsinniger und schlauer daherkommt, als es vielleicht beim ersten Mal Hören klingt, funktioniert also auch bestens live. An die Zeit von 20.30 Uhr bis 22.30 Uhr an jenem Abend werde ich mich immer nur verschwommen erinnern können. Das liegt nicht an der Cola, sondern an dieser grandiosen Show, die manchmal schon an Reizüberflutung grenzt: Das Intro aus dem Videozusammenschnitt, das mich an die Opening-Sequenz aus „World War Z“ erinnert. Die Hüpfburg. Das Fass. Die Leute um mich herum, die bis zum letzten Takt springen, was das Zeug hält. Die Setlist, die ein reines Wunschkonzert ist. Der Schweiß und das Kondenswasser der tanzenden Meute, die uns von der Decke des Zenith auf die Schultern tropfen. Danke, Deichkind.

Fotos: the musicminutes, instagram.com/deichkind_official