Shamir macht sich seine quietschebunte Welt, widewide wie sie ihm gefällt. Optisch eine Mischung aus „Prinz von Bel-Air“ anno 1990 und Prince, pfeift der Paradiesvogel aus Las Vegas auf jegliche Genre- und Gender-Grenzen.

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Was Disco-Legende Sylvester und Prince schon vor Jahrzehnten vorgemacht haben, ist heute zwar noch längst nicht im Mainstream angekommen, aber immer mehr Künstler spielen offen mit Gender-Rollen oder wechseln komplett ihre geschlechtliche Identität – allen voran Laura Jane Grace von Against Me!, Transgender-Rapper Mykki Blanco und Sängerin Nomi Ruiz von Jessica 6.

Auch der junge Shamir, optisch eine Mischung aus „Prinz von Bel-Air“ anno 1990, Prince und Grace Jones, lässt sich dank seines Aussehens und vor allem seiner androgynen Stimme nicht so schnell einordnen. „I have no gender, no sexuality, and no fucks to give“, lässt der 20-Jährige die Welt via Twitter wissen. Seine Stimme – ein Countertenor – sei weder feminin noch maskulin, sondern ein Happy-Medium, so Shamir.

Und auch musikalisch passt Shamir in keine Schublade. Auf seinem Debütalbum „Ratchet“, das über das geschmackssichere Label XL Recordingds erscheint, verschwurbelt er 80s-House-Beats und -Bässe mit poppigen R’n’B-Melodien zu einem durchgeknallten Sound, der vor allem Hipster-Herzen zum hüpfen bringen dürfte.

Von Punk bis Yeezus

Aufgewachsen in Northtown, einem Vorort von Las Vegas – angeblich gegenüber einer Schweinefarm –, kam Shamir Bailey in Anbetracht mangelnder Freizeitbeschäftigungsmöglichkeiten schon früh mit Musik in Berührung, da seine Tante als Songwriterin tätig war. Im Alter von neun Jahren erhielt Shamir seine erste Gitarre, das Spielen brachte er sich mit Hilfe der gelben „Guitar For Dummies“-Bücher selbst bei. Mit 16 gründete er dann die Punkband Anorexia.

An der High School begann Shamir, an eigenen Tracks herumzufrickeln. Freunde waren von dem Material begeistert, so dass Shamir, bestärkt von dem positiven Feedback, ein Demo nach New York zu Nick Sylvester von Godmode Records schickte. Der Musiker, der u.a. auch für Pitchfork schreibt, adelte Shamirs Songs als „R&B ‚Yeezus'“. Die Folge: Im Sommer vor einem Jahr veröffentlichte das Indie-Label Shamirs Debüt-EP „Northtown“ inklusive der hibbeligen, leicht hysterischen Single „On The Regular“.

Inspiration fand Shamir bei Größen wie Janis Joplin, Billie Holiday und Nina Simone, dereren androgyne Stimme ihn schon früh faszinierte, aber auch Ari Up von The Slits, Joanna Newsom, Outkast und die Indie-Rockband Vivian Girls sowie Folk und Country hatten es dem jungen Nachwuchstalent angetan. Eine kunterbunte Palette also, die den eklektischen Stil von Shamirs Debütalbum „Ratchet“ erklärt.

Auf dem Album dominieren fluffige House-Beats. Der Opener ist eine geschmeidige, zweideutige Hommage an Shamirs Hometown, „Vegas“, in dem Sünde zumindest nachts toleriert wird, gefolgt von der Ausgeh-Hymne „Make A Scene“. Auch zu „Call It Off“ lassen sich bestens ein paar Pirouetten vor dem heimischen Spiegel drehen, bevor es in den Club geht. Die schilldernde Ballade „Demon“ liefert den optimalen Soundtrack für den Morgen danach. Das sommerliche, von einem verträumten Safoxon getragene „In For The Kill“ erinnert an den eleganten House von Hercules & Love Affair und Queer-Ikone Sylvester. Lediglich das vorab veröffentlichte, funky groovende „If It Wasn’t True“ fehlt auf dem Album.

Shamir liefert mit seinem flauschigen House eine angenehm entspannte Alternative zum nach wie vor omnipräsenten Dance-Pop-Gedudel, das zum Glück peu à peu abgelöst wird durch funky Disco-Grooves von Mark Ronson, Giorgio Moroder, Nile Rodgers oder Daft Punk. Und mit seinem lässigen Umgang in Sachen Geschlechterrollen bringt der quirlige Paradiesvogel nebenbei frischen Wind in die Pop-Welt.

„Ratchet“ von Shamir erscheint am 15. Mai über XL Recordings.

Fotos: PR