Endlich sind sie zurück! Faith No More, die Crossover-Götter aus San Francisco bringen nach 18 Jahren endlich wieder eine Platte raus. Und sie wissen immer noch genau, was sie da machen: Mega Mucke! Vor allem vielleicht für Jungs, aber auch für Mädels.

FAITH NO MORE San Francisco - October 28, 2014 Dustin Rabin Photography 2680

Ich muss etwas ausholen: 1997 fuhr ich auf mein erstes Festival, das „Bizarre“-Festival. Weil „Rock im Park“ wegen des Line-ups irgendwie ausschied, machte sich ein Grüppchen von etwa 15 Leuten, unter anderem mit Kerstin und mir, aus der südostoberbayerischen Provinz auf den Weg nach Köln. Die Festival-Künstler werden nie übertroffen werden können: Foo Fighters vor Beck, Bush vor Skunk Anansie, Marilyn Manson und Henry Rollins am Nachmittag, die Fanta Vier vor Paradise Lost und Rammstein als letzte Band (die fanden wir damals schon schwer grenzwertig). Und wenn man sich heute Videos vom „Bizarre“ 1997 anschaut, erschrickt man ob der wenigen Zuschauer. So oder so – mein persönliches Highlight war nicht der barfüßige Gavin Rossdale, sondern Faith No More, der Headliner am Samstag.

Seit ihrem Album „Angel Dust“ hatten die funkigen Crossover-Burschen einen festen Platz in meinem Herzen – sei es mit dem noch älteren „Epic“ oder dem für meine Jugend typischen „Midlife Crisis“. Ich mochte sie alle: den Kinderchor von „Be Aggressive“, die Coolness von „Evidence“, das Lionel-Richie-Cover „Easy“. Und ich sollte auch damals nicht enttäuscht werden: Irgendwann nach Skunk Anansie wurde es dunkel vor der Bühne, fast nur noch 2m x 2m-Typen vor der Bühne und dann die ersten Takte von Richard Strauss‘ „Also sprach Zarathustra“ und da – bäm! – standen sie im Anzug auf der Bühne: Mike Patton und seine Band.

FNM_frontUmso schmerzhafter war das Ende der Band im Folgejahr und umso mehr freue ich mich, dass sie nun endlich, endlich, endlich ihr neues Album „Sol Invictus“ raushauen. Und ja, ich meine wirklich raushauen: Heute machen Faith No More einen Sound wie immer, allerdings sind alle Bands, die damals so ähnlich wie sie waren und auf den ominösen „Crossing All Over“-Samplern mit dem Totenkopf zu finden waren, in der Versenkung verschwunden. Wodurch zeichnet sich der Sound nochmal aus? Bissl Funk-Bass, bissl harte Gitarren-Riffs, Klavierparts, wo man keine vermutet, und verdammt viel Mike Patton, dessen Stimme zwischen Flehen, Psycho-Geflüster und Megaphon-Anthems schwankt.

Von 2009 bis 2012 waren Faith No More auf Tour unterwegs, am Anfang etwas eingerostet, so Bassist Gould. Aber der Enthusiasmus der Fans übertrug sich auf die Band und so entschlossen sie sich zur Arbeit am neuen Werk. In Goulds Studio mit den Bandmitgliedern der letzten Alben aufgenommen, ohne Label-Mitsprache und komplett selber produziert, ist „Sol Invictus“ 100 Prozent Faith No More.

„Matador“ und „Motherfucker“ waren die ersten beiden Auskopplungen der Platte, erstere bleibt vor allem wegen der preschenden Gitarre im Kopf, zweitere wegen der politischen Botschaft. Keyboarder Roddy Bottum zieht gerade bei „Matador“ Parallelen zu ihrem ersten Album „We Care A Lot“: „Hypnotic and gothic, we’re coming back to where we were with our first album. Siouxsie and the Banshees, Roxy Music. Then Patton’s being Patton, crooning, screaming, with a bit of soul underneath it all. We’ve always taken strange influences and smashed them together.“ Oder anders ausgedrückt:

“We build it all up and break it all down.”

Faith No More behaupten gern von sich, sie wären das organisierte Chaos – mag sein. „Sol Invictus“ lässt sich jedenfalls nicht in nur eine Schublade stecken. Es gibt die Songs mit Funk Metal, dem Genre, das extra für Faith No More erfunden wurde: „Superhero“ ist so ein Track. Und über die Jahre wurden Faith No More nicht weniger politisch als sie es immer waren: „Leader of men, get back in your cage“ verlangt Patton da, bevor ein „Epic“-artiger Piano-Part die Aufmerksamkeit auf sich zieht. „Sunny Side Up“ ist wie eine Verschnaufpause, bevor man sich bei „Separation Anxiety“ unweigerlich an „We Care A Lot“ erinnert.

Wieso hat in den letzten Jahren eigentlich keiner solchen Sound produziert? Vermutlich kann es einfach keiner so gut wie Faith No More. Es gibt aber auch die feinen Rocksongs mit Spanisch-Anleihen: „Rise Of The Fall“ hält gut als Ohrwurm her, „Black Friday“ fügt sich da auch noch schön dazu ein. In „From the Dead“ stimmen Patton und seine Herren das an, was am ehesten als Faith-No-More-Popsong durchgeht. Und ja, sie hätten es gar nicht sagen müssen, aber sie sind „back from the dead“. Zum Glück.

Letztendlich schließt „Sol Invictus“ nahtlos an alle anderen Platten von Faith No More an. Vielleicht war das „Album of the Year“ im Jahr 1997 der laute Aussetzer. Wer „King For A Day, Fool For A Lifetime“ mochte, wird „Sol Invictus“ ebenso schätzen. Die Band ist für mich wie ein Schulfreund, den ich seit 1997 nicht mehr gesehen habe, mit dem ich aber noch gut den totalen Abriss feiern kann.

Glücklicherweise kommen sie auch auf Tour:

29.05. Nürburging – Grüne Hölle Festival
31.05. München – Rockavaria Festival
06.06. Berlin – Zitadelle
23.06. Hamburg – Sporthalle

“Sol Invictus” von Faith No More erscheint am 15. Mai über Reclamation/Ipecac über PIAS.

Foto: Dustin Rabin