Acht Jahre hat es gedauert, nun ist es endlich da: Das dritte Solo-Album von Roisin Murphy.  Was war ich nervös. Roisin Murphy an der Strippe. Trotz anfänglichen, durch die Aufregung bedingten sprachlichen Schwierigkeiten (ich verwechselte 1997 mit 1979, was sie ziemlich lustig fand) meinerseits, erzählte die Sängerin gelassen von den Aufnahmen zu ihrem neuen Werk „Hairless Toys“

Roisin-Murphy-by-Mark-Farrow_174272_med1„Es passiert sehr viel auf diesem Album“, sagt Roisin Murphy über ihre dritte Solo-Platte, „Hairless Toys“. Recht hat sie. Es passiert wahnsinnig viel. In den durchschnittlich sechs Minuten langen Songs wird geschmeidiger House mit Jazz kombiniert, eine Country-Melodie wird plötzlich von einem dezenten Dancefloor-Beat umschmeichelt, inhaltlich bricht die Disco-Diva eine Lanze für die schwarze schwule Subkultur, erinnert sich an ihre Zeit in einer WG und vergleicht ihren Liebhaber mit einem guten Buch.

„Hairless Toys“ ist ein elegantes Pop-Album geworden. Unterstützt wurde Roisin Murphy von Langzeit-Kollaborateur Eddie Stevens. Moloko-Fans kennen ihn von früher: Er ist der verrückte Hutmacher, der bei den Shows immer völlig außer Rand und Band über die Bühne fegte. Der Brite arbeitet seit 1997 als Musical Director ihrer Shows mit Roisin Murphy zusammen, und war zuletzt neben ihrem Partner Sebastiano Properzi an der „Mi Senti“-EP (2014) beteiligt, für die die Irin italienische Pop-Klassiker auf Italienisch einsang.

Es ist das erste Mal, dass Eddie Stevens und Roisin Murphy ein komplettes Album zusammen aufnehmen. Fünf Wochen werkelte das Kreativgespann im Studio. „Hairless Toys“ ist das gemeinsame Werk eines eingespielten Duos. „Es ist genauso seine wie meine Platte“, betont Roisin Murphy. „Wir kennen uns extrem gut und mussten gar nicht viel reden. Wir haben uns einfach zusammengesetzt, drauf los gespielt und die Platte gemacht.“

Pop & Poesie

Der intime Kreativprozess steht in krassem Gegensatz zur Produktion ihres letzten Albums, „Overpowered“. Für die Aufnahmen reiste Roisin Murphy damals rund um den Globus. „Ich arbeitete mit verschiedenen Menschen zusammen, war im Studio und schrieb Songs mit Leuten, die ich zuvor noch nie getroffen hatte“, erinnert sie sich.

Damals setzt Roisin Murphy für den Album-Release mit EMI Music zusammen. Das Kapitel Major-Label ist für die 41-Jährige mittlerweile abgeschlossen. „Ich habe ein bisschen Angst davor, nochmals zu einem Major-Label zu gehen. Und ich bin mir sicher, dass Major-Labels auch große Angst vor mir haben“, sagt sie trocken und fügt lachend hinzu: „Immerhin haben sie eine Million Pfund in mich gesteckt, die ich ihnen nicht wieder eingebracht habe.“

Popstar mit Ecken und Kanten

Ein Popstar ist Roisin Murphy nie geworden. Dafür ist sie wohl zu ehrlich. Obwohl sie immer wieder mit anderen Stilen experimentierte, blieb sie sich stets selbst treu. Sie lässt sich nicht verbiegen. Ihre Songs sind wie Rohdiamanten, die ihr schillerndes Potential erst nach und nach entfalten. Auch Moloko hatten den Durchbruch einem Dritten zu verdanken: Mit dem House-Remix von „Sing It Back“ des Hamburger DJs Boris Dlugosch eroberte das Duo Ende der Neunziger europaweit die Clubs. Der Durchbruch kam eher zufällig.

Einen offensichtlichen Hit sucht man auch auf „Hairless Toys“ vergeblich, für kommerzielle Radiosender sind die Titel deutlich zu lang, zu komplex, zu vielseitig. Da wird mittendrin das Genre gewechselt, die Lyrics sind nie eindeutig.

Am Ende von „Hairless Toys“ gibt es einen ganz kleinen großen Song, der für mich mittlerweile zu meinen Favoriten aus dem Roisin-Murphy-Repertoire zählt: „Unputdownable“. Die Sängerin vergleicht ihren Partner mit einem guten Buch. „Über diesen Song musste ich nicht sehr viel nachdenken“, so Roisin Murphy, „er entstand wie von allein.“

In „Unputdownable“ sind dezente Country-Gitarren zu hören, die dann gegen Ende von einem minimalistischen House-Beat ergänzt werden. Im verwegenen „Exile“ sind die Country-Anleihen noch deutlicher. Wie sie auf Country kam, kann Roisin Murphy nicht erklären. Grundsätzlich sei das eher weniger ihr Genre. „Aber da ich Irin bin, schlummert diese Art von Musik offensichtlich irgendwo in mir. Iren lieben Country“, sagt sie.

In „House Of Glass“, einem sphärischen Elektro-Track, erinnert sich Roisin Murphy an ihre Zeit in einer WG in Sheffield. Die „Glasshouse Girls“, mit Plastikperücken und Pelz, waren „full of joie de vivre and verve“, singt Roisin Murphy über entrückten elektronischen Beats. Musikalisch ähnlich verstrahlt ist der Titeltrack „Hairless Toys (Gotta Hurt)“.

Gone Fishing“ ist ein unaufgeregter, aber eleganter House-Track, getragen von Roisin Murphys unverwechselbarer Stimme. Der Song wurde von „Paris Is Burning“ inspiriert, einem Film über die schwarze schwule Queer-Szene. Im „Advisor“ hatte sie einen Artikel über die Ursprünge von House gelesen. „Ich wollte dazu beitragen, diese Historie wieder in den Köpfen der Leute zu verankern.“ Und „Gone Fishing“ sollte eine Art Broadway-Musical-Version dieser Geschichte werden. Sie verliebte sich sofort in den Film aus dem Jahr 1990 von Jennie Livingston. „Jede einzelne Einstellung ist unterhaltsam. Das ist wie Schokolade essen.“

Übrigens: Roisin Murphy war schon während der Aufnahme-Sessions klar, dass es ein weiteres Album mit diesem Material geben würde. „Es wird auf jeden Fall noch eine Platte geben, ein Compendium zur aktuellen“, verrät sie. Bis zur nächsten Roisin-Murphy-Platte dürfte es also nicht wieder knapp ein Jahrzehnt dauern.

Fotos: Mark Farrow