Mumford & Sons veröffentlichten am 1. Mai ihr neues Album „Wilder Mind“. Es klingt irgendwie ganz anders als die Vorgänger. Was ist das passiert?

rsz_1mumford_&_sons_2015_-_cms_sourceZwei Wochen lang habe ich nun versucht, mich mit der neuen, der dritten Platte von Mumford & Sons anzufreunden – es klappt nicht so gut. „Wilder Mind“ hat nichts von Wildheit, sondern ist für mich leider zahm wie ein Stubentiger.

Ich mochte Mumford & Sons schon immer – bei den Shows im Atomic Café und auch noch beim letzten München-Konzert im Zenith. Vielleicht mochte ich sie deswegen so gern, weil sie Folk wieder bühnentauglich gemacht haben, ohne dass man hinter dem Banjo den nächsten Hobo und dessen erfundene Lebensgeschichte vermutet hat. Ich mochte ihre Doku von Emmet Malloy, den „Big Easy Express“, in der sie mit dem Zug in Städte im US-Süden fahren und gemeinsam mit Old Crow Medicine Show und Edward Sharpe & The Magnetic Zeros Konzerte spielen. Ohne großen Schnickschnack, im Zug, auf der Bühne, weil man die Musik unter die Leute bringen will.

„Babel“ hörte ich auf einem Roadtrip rauf und runter. Das würde mir mit „Wilder Mind“ vielleicht nicht passieren. „Was ist nur mit den Mumfords passiert?“ las ich diverse Male in meiner Facebook-Timeline. Okay, was passiert ist: Die Banjos und der Folk-Feel fehlen. Es klingt halt poppig, es klingt nach Radio-Musik, ab und zu nach Coldplay. Böse Zungen würden jetzt sagen „beliebig“.

Ich sag’s gleich: „Tompkins Square Park“ und „Wilder Mind“ sind für mich lahme Nummern. Bei „Believe“ fehlt der Wumms und erst bei „Just Smoke“ nimmt man nicht nur Marcus Mumford am Mikro wahr, sondern auch den Rest der Band. Aber es dauert alles lang, viel länger auf dieser Platte.

„Broad Shouldered Beast“ ist ein großer Song – größer als alle auf „Babel“ gemeinsam. Passt gut in ein Stadion – vielleicht ist ja genau auch das der Masterplan von Mumford & Sons. Bei den vielen langsameren Stücken singt sich Marcus Mumford alles aus der Seele, schlimmerweise sehe ich schon manche Konzertbesucher mit Feuerzeugen schunkelnd auf dem Konzert vor mir stehen. Es gibt ein paar Uptempo-Songs, die zwar nett sind, aber denen man unmöglich den bisher üblichen Mumford & Sons-Folk-Stempel aufdrücken kann. Und es gibt einige Balladen, denen sicher tolles Songwriting zugrunde liegt, aber es sind halt Balladen und kein „Little Lion Man“.

„Wilder Mind“ ist ein schönes Pop-Album. Allerdings wollte man „Mumford & Sons“ und „schönes Popalbum“ auch nie wirklich in einem Satz nennen. Irgendwie hätte man von den Briten was anderes erwartet, wild oder gar wilder ist hier nämlich nicht so viel. Bleibt zu hoffen, dass sie bei ihren Konzerten manchmal doch wieder die Banjos rausholen und so Gas geben wie früher. Oder vielleicht ist genau das der „Wilder Mind“ – das zu tun, was von ihnen keiner erwartet hatte und einfach nicht mehr wie Mumford & Sons zu klingen.

Schon klar, dass sich Bands und Künstler weiterentwickeln wollen, sollen und dürfen – keine Band hat verdient, für alle Zeiten in ein und dieselbe Schublade gesteckt zu werden. Nur haben uns Mumford & Sons mit „Wilder Mind“ ins kalte Wasser geworfen – mit diesem Stilwechsel hatte wohl wirklich keiner gerechnet.

Auch wild an und für sich.

 

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