Früher, vor WhatsApp und Facebook, hatte man Brieffreunde. Man schrieb sich Briefe. Auf Papier. Es dauerte jeweils mehrere Wochen, bis eine Antwort im Couvert im Briefkasten lag. Einer dieser Brieffreunde aus den USA ist nun der Protagonist eines Dokumentarfilms, der kommendes Jahr passend zum Revival von „Twin Peaks“ herauskommen soll. „Northwest Passage: A Doc About Growing Up in Twin Peaks“ beschreibt das Leben eines schwulen Teenagers in einer US-Kleinstadt, in der zufällig „Twin Peaks“ gedreht wurde – und wie die Serie ihm als Fluchtpunkt diente. northwest2Über seine Teeangerzeit und seine damalige Obsession für Laura Palmer und Co. schrieb Travis Blue in seinen Briefen damals nichts (stattdessen schickte er mir ein fabelhaftes Mixtape, das ich mir heute noch gerne anhöre). Erst über einen seiner Facebook-Posts wurde ich auf die Kickstarter-Kampagne aufmerksam, die die jungen Filmmacher für das Projekt lancierten. Die geplante Doku mit dem Titel „Northwest Passage“ – David Lynchs Originaltitel für „Twin Peaks“ – erzählt die „schräge, aber wahre Geschichte, wie die Besessenheit für ‚Twin Peaks‘ eines schwulen Teenagers ihn auf einen wilden und gefährlichen Trip ins Erwachsenendasein mitnahm“, heißt es auf der Kickstarter-Website.

Die Doku untersucht, welchen Einfluss David Lynchs Kult-Serie, deren zwei Staffeln Anfang der Neunziger liefen, auf einen jungen Superfan ausübte. Als Kind war Travis Blue verzweifelt auf der Suche nach einem Ausweg aus seinem oft brutalen Umfeld, den Hänseleien und dem Missbrauch, unter denen er litt. Und so flüchtete er sich in die verstörend-faszinierende Welt von „Twin Peaks“. Denn in seiner Heimatstadt drehte David Lynch gerade seine neue Serie, die später Kultstatus erlangen sollte. Travis Blue war fasziniert von der Idee, dass seine eigene Wirklichkeit in einen fikivten Ort transportiert werden könnte. Er habe zuvor nicht gewusst, wer David Lynch überhaupt sei, so Travis Blue in einem Trailer zum Kickstarter-Projekt vom „Northwest Passage: A Doc About Growing Up in Twin Peaks“. „Filmemachen verbanden wir mit New York oder Los Angeles. Doch plötzlich passierte es hier, an Orten, die ich kannte.“

Becoming Laura Palmer

laura_travis Das erste Mal traf er im Alter von neun, zehn Jahren auf das Filmteam, das bei den Snoqualmie Falls gerade die Wasserfall-Sequenz für die Credits drehte. Die Filmleute seien sehr nett zu ihm gewesen, erinnert sich Travis Blue in einem „Vice“-Interview. Er fühlte sich das erste Mal aufgehoben, geborgen. „Niemand hatte mir je zuvor diese Art von Aufmerksamkeit geschenkt.“

An Wochenenden suchte Travis Blue im Snoqualmie Valley im US-Bundesstaat Washington die Drehorte auf, traf Schauspieler und Crew-Mitglieder. Besonders die tragische Heldin der Serie, die Camel Lights rauchende Laura Palmer, hatte es dem jungen Fan angetan. Ihre verruchte Art gefiel ihm. „Sie konnte jeden Mann haben, den sie wollte“, schreibt Travis Blue in einem 2009 veröffentlichten Beitrag für das einflussreiche Schwulen-Magazin „Butt Magazine„. „Ich wollte so sein wie Laura. Unbedingt. Und so rauchte ich in meinem Zimmer Zigaretten zum ‚Twin Peaks‘-Soundtrack. Ich tat so, als würden alle Jungs der Schule auf mich abfahren, genau wie bei Laura.“ Im Yearbook der neunten Klasse posierte er sogar genau wie die zweifelhafte Serienheldin auf ihrem Homecoming-Queen-Foto.

Als er älter wurde und seine Sexualität entdeckte, wurde aus Travis Laura. Die Figur wurde zu einem Vorbild für ihn. Er ahmte ihre Handlungen aus der Serie in der Realität nach – angefangen beim Drogenkonsum bis hin zu den sexuellen Eskapaden. „I was hooking in the same bar that Laura Palmer was hooking in“, so Travis Blue.

„Northwest Passage: A Doc About Growing Up in Twin Peaks“ zeichnet zwölf Jahre aus Travis Blues – heute übrigens selbst als Filmmacher und Fotograf tätig – Leben nach. Regisseur Adam Baran interviewte den Protagonisten über vier Jahre. Baran, der zwischen 2006 und 2011 Redakteur beim „Butt Magazine“ war und Travis Blue über seine Sexkapaden bei einer Twin Peaks-Fan-Convention schreiben ließ, machte erstmals 2012 mit „Jackpot“ auf sich aufmerksam. Dem Kurzfilm liegt ein ähnliches Thema wie „Northwest Passage“ zugrunde: es geht um einen 14-jährigen Jungen, der sich in die Welt von Pornostars flüchtet. Als Executive Producer von „Northwest Passage: A Doc About Growing Up in Twin Peaks“ fungieren das Ehepaar P. David Ebersole und Todd Hughes, die zuvor u.a. eine Doku über Hole-Schlagzeugerin Patty Schemel, Stanley Kubricks Kultfilm „The Shining“ und Georgia Holt, die Mutter von Superstar Cher gedreht hatten, sowie Jonathan Caouette, bekannt für seinen von Gus van Sant und John Cameron Mitchell produzierten, mehrfach ausgezeichneten Film „Tarnation“ von 2004.

Nerd-Wissen

northwest1Neben Fans der Original-Serie soll die Doku auch Liebhaber von „Twin Peaks“-inspirierten Serien wie „Breaking Bad„, „True Detective“ oder „The Sopranos“ sowie Indie-Queer-Filmen à la „My Own Private Idaho“ begeistern, sind die Macher überzeugt. Es gehe um relevante Themen wie Sexualität, Alkohol- und Drogensucht, Missbrauch und Obdachlosigkeit. Dank des enormen Insider-Wissens von Travis Blue verspricht der Film außerdem viele neue Details über die Kult-Serie, die zuvor „noch nie in einem Buch zu lesen waren“.

Die Coming-of-Age-Doku soll kommendes Jahr fertig sein – passend zum „Twin Peaks“-Comeback auf dem US-Sender Showtime, der die Kult-Serie zurück ins Fernsehen holt und, sofern es denn tatsächlich klappt, die dritte Staffel der grusligen Geschichte zeigt.

Support!

Zu den Unterstützern von „Northwest Passage: A Doc About Growing Up in Twin Peaks“ gehört u.a. Regisseur Andrew Haigh, der u.a. hinter der US-Gay-Serie „Looking“ und meinem Lieblingsfilm „Weekend“ steckt. Und auch John Cameron Mitchell, Erfinder von „Hedwig And The Angry Inch“, ist von dem Filmprojekt überzeugt.

Bislang haben über 600 Unterstützer über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter mehr als 32.000 US-Dollar beigesteuert. Bis 3. Juni muss das Finanzierungsziel von 60.000 US-Dollar erreicht werden. Die Kickstarter-Einnahmen werden u.a. in Re-Enactments und die Digitalisierung von älterem Footage-Material investiert. Alles, was darüber hinaus geht, geht in die Produktion – von Crew-Gehältern über Equipment bis hin zu Drehgebühren.

Als Belohnung winken den Supportern von „Northwest Passage: A Doc About Growing Up in Twin Peaks“ u.a. verschiedene, an „Twin Peaks“ orientierte Mixtapes, exklusive Fotos, handsignierte Original-Filmpressebilder und T-Shirts mit „Twin Peaks“-Motiven. Oder wie wärs mit einer personalisierten Mailbox-Ansage von Schauspielerin Kimmy Robertson – genau, die Sheriff-Sekretärin Lucy Moran mit der fiepsigen Stimme oder einer persönlichen Besichtugungstour mit Travis Blue an den Original-Schauplätzen? Ok, eine Kaffeetasse tut’s sicherlich auch. Daraus schlürfe ich demnächst Kaffee und höre mir das alte Mixtape wieder mal an, u.a. mit Bikini Kill.

Übrigens: Nach seiner Laura-Palmer-Phase hatte Travis Blue ein eher fragwürdiges Gespür bei der Auswahl seiner Vorbilder: es folgten Madonna zur „Sex“-Bildbuch-Ära und das selbstzerstörerische „Bonnie & Clyde“-Paar Kurt Cobain und Courtney Love.

Fotos: Kickstarter, Stills aus Trailer