Auf ihrer dritten Platte „How Big, How Blue, How Beautiful“ gibt sich Florence Welch, Mastermind der britischen Band Florence + The Machine, optisch und inhaltlich ungeschminkt. Musikalisch müssen wir dennoch nicht auf Theatralik und Opulenz verzichten.

florence2Kein Kajal, keine blutroten Lippen. Ungeschminkt und direkt blickt sie in die Kamera. Auf den Pressefotos zum neuen Album von Florence + The Machine, „How Big, How Blue, How Beautiful“, entblößt sich Frontfrau Florence Welch, gibt sich greifbar, verletzlich. Das sonst so entrückte Wesen hat sich geerdet. Auf dem Cover sieht die 28-Jährige dem Betrachter angriffslustig entgegen – im Gegensatz zu den bisherigen Album-Artworks, auf denen Florence Welch, den Blick zur Seite gewandt, immer abwesend wirkte.

Die sonst exzentrisch wirkende Sängerin, bekannt für ihre mutige Modeauswahl, gibt sich plötzlich natürlich. Weder ausgefallene Roben noch anderer optischer Schnickschnack sollen von der Musik ablenken. „Das neue Album handelt davon, die Welt, in der wir leben, lieben zu lernen, anstatt vor ihr zu fliehen“, erklärt Florence Welch und fügt hinzu: „Fühlt sich schon seltsam und sogar beängstigend an, weil ich mich nicht mehr hinter diesen abstrakten Ideen verstecke. Aber ich hatte einfach das Gefühl, diesen Schritt genau jetzt gehen zu müssen.“ Während sie sich früher als Songschreiberin eher auf Fantasiewelten und Metaphern konzentriert habe, haben die neuen Songs mehr Realitätsbezug, so die Sängerin.

Also kein Eskapismus in mythische Fabelwelten, keine Schutzhüllen mehr. Haben sich Florence + The Machine neu erfunden? Nein. Obwohl die Pressebilder tatsächlich Natürlichkeit und Offenheit suggerieren, hat sich das ganze „das persönlichste Album ever“-Bla-Bla vermutlich ein Marketing-Stratege ausgedacht. Sowohl inhaltlich als auch musikalisch machen Florence + The Machine da weiter, wo sie 2011 mit „Ceremonials“ aufgehört haben. Schon immer waren die Texte bei Florence + The Machine recht kryptisch, aber stets persönlich. Während Florence Welch auf dem letzten Album u.a. den Tod ihrer Großmutter verarbeitete, setzt sie sich dieses Mal intensiv mit gescheiterten Beziehungen auseinander.

Opulent und zart

Der Sound dazu ist groß, „big sounds“, wie Florence Welch sagt. Opulent und massiv, gleichzeitig aber auch zart, sanft. Unterstützt wurden Florence + The Machine für „How Big, How Blue, How Beautiful“ von Produzent Markus Dravs, der zuvor u.a. mit Arcade Fire, Björk und Coldplay gearbeitet hatte. Besonders Dravs‘ Arbeit an Björks Album „Homogenic“ (1997) begeisterte Florence Welch. Er bringe organische und elektronische Fähigkeiten mit sich, so die Künstlerin. Auch Kid Harpoon ist wieder mit von der Partie. Der britische Musiker (Haim, Years & Years, Jessie Ware) war bereits am Vorgänger „Ceremonials“ beteiligt.

Der Opener, „Ship To Wreck“, ist ein zwar harmloser, nichtsdestotrotz mitreißender Radio-Pop-Rock-Song, in dem die androgyne Rothaarige eine desaströe Beziehung verarbeitet. „Ich habe über meine eigene selbstzerstörerische Seite nachgedacht und wieso man im Leben etwas kreiert, nur um es dann wieder zu zunichte zu machen“, so Florence Welche über „Ship To Wreck“. „Wenn man in so einem Wirbelsturm steckt, zerstört man eben oft genau die Dinge, die man am meisten liebt.“

Wie ein kleiner Orkan fegt auch der nächste Song aus den Boxen: Das bereits vorab veröffentlichte „What Kind Of Man“ strotzt nur so vor Kraft, Wut und Leidenschaft. Nach dem gediegenen Intro preschen die Gitarren los, Bläser sorgen für die bei Florence + The Machine typische trotzige Theatralik.

Der Titeltrack „How Big, How Blue, How Beautiful“ – inspiriert vom Himmel über Los Angeles, wo Florence Welch für die Aufnahmen zusammen mit Co-Songwriterin Isabella Summers hinzog – überrascht mit üppigen Trompeten-Sätzen. „Queen Of Peace“ überzeugt mit einem schillernden Refrain. Das eindringliche „Various Storms & Saints“ ist eine düstere, auf Gitarre und Gesang reduzierte Ballade. Auch „Long & Lost“ ist aufs Wesentliche beschränkt und kommt im Vergleich zu den anderen, schnelleren Songs recht schlicht daher, während sich „Delilah“ langsam aufbaut und nach eineinhalb Minuten seine ganze Kraft entfaltet. Letzterer Song dreht sich entweder um eine feierfreudige Freundin von Florence – oder ist als eine Art Party-Pille zu deuten. „It’s a different kind of danger, and my feet are spinning around, never knew I was a dancer, ‚till Delilah showed me how“, singt Florence Welch da. Passenderweise schreit „Delilah“ aufgrund des treibenden Beats geradezu nach einer clubtauglichen elektronischen Version.

„Caught“ ist eine zarte, etwa schwülstige Rock-Ballade, während „Third Eye“, eine Ode an das Leben, wieder mit voller Wucht zuschlägt. In „St. Jude“ singt Florence Welch erneut über eine zerbrochene Beziehung, für die an 70s-Rock erinnernde Nummer „Mother“ holten Florence + The Machine Hit-Macher Paul Epworth ins Studio.

„How Big, How Blue, How Beautiful“ ist ein persönliches, ehrliches Album geworden, mit satt produzierten Songs. Die orchestralen Kompositionen werden von der eindringlichen Stimme von Florence Welch getragen. Für die auf der ganzen Platte dominanten Bläser-Arrangements zeichnet Goldfrapp-Mastermind Will Gregory verantwortlich. Songs wie „Delilah“ und „Queen Of Peace“ packen sofort mit ihren Killerrefrains und auch die schwelgerisch-verträumte Melodie des Titelsongs summt man noch Tage später vor sich hin.

Rewind: Florence + The Machine

florence1Florence Leontine Mary Welch wuchs in Südlondon auf und besuchte dort das Camberwell College of Arts. Ihren Abschluss machte sie jedoch nicht – stattdessen widmete sie sich ausschließlich der Musik. Mit 18 schrieb sie erste eigene Songs, zusammen mit Isabella Summers, der Babysitterin ihrer jüngeren Schwester. Ursprünglich nannten sich die beiden Florence Robot/Isa Machine, nachdem weitere Bandmitglieder hinzugekommen waren – Gitarrist Robert Ackroyd, Drummer Chris Hayden, Bassist Mark Saunders und Harfist Tom Monier –, wurde der Name in Florence + The Machine geändert.

Heute zählen nicht nur Popstars wie Beyoncé, sondern auch Modehäuser wie Gucci und Yves Saint Laurent, die Florence + The Machine mit Bühnenkostümen für ihre Tourneen ausstatteten, sowie Designer Karl Lagerfeld zu den prominenten Fans der Briten.

Florence + The Machine sind vor allem in ihrer Heimat erfolgreich. Sowohl das Debütalbum „Lungs“ aus dem Jahr 2009 als auch der Nachfolger, „Ceremonials“ von 2011, erreichten Platz eins der britischen Charts. Hierzulande schafften es die Alben auf Rang 41 respektive Position sieben der Charts. Das Debütalbum verkaufte sich weltweit über drei Millionen Mal und bescherte der Band einen Brit Award für das beste Album des Jahres sowie eine Grammy-Nominierung als „Best New Artist“. Der Nachfolger und die Single „Shake It Out“ brachten Florence + The Machine zwei Grammy-Nominierungen ein.

Obwohl sich einige Songs von Florence + The Machine mit eingängigen Hooklines im Kopf festsetzen, sind die Songs aufgrund ihres orchestralen Bombasts nicht unbedingt radiotauglich. So landete die Band ihre größten Hits denn auch mit der Cover-Version von Candi Stadions 1986er Song „You’ve Got The Love“ und einem Remix. 2012 eroberten Florence + The Machine erstmals die Nummer eins der britischen Charts – mit der EDM-Version ihres Titels „Spectrum (Say My Name)“ von Calvin Harris. Wenige Monate später landete Florence Welch mit „Sweet Nothing“, einer weiteren Kollaboration mit dem schottischen Produzenten, einen weltweiten Top-20-Hit.

„How Big, How Blue, How Beautiful“ erscheint am 29. Mai über Universal Music. Live fegen Florence + The Machine hierzulande zwischen dem 19. und 21. Juni beim Hurricane und Southside Festival über die Bühne – bis dahin dürfte der Fuß, den Florence Welch sich beim „Coachella Festival“ in den USA gebrochen hatte, wieder in Ordnung sein.

Fotos: Universal Music