Wie versprochen und angekündigt: Rocky Votolato erzählt von einer Schaffenskrise, vom neuen Album „Hospital Handshakes“ und von der Split-EP „Kindred Spirit“ mit seinem Spezl Chuck Ragan. Mit Audiofiles!

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Vor zwei Jahren war Rocky Votolato noch auf großer Akustik-Tour unterwegs, nur für seine alte Band Waxwing holte er die E-Gitarre aus dem Schrank. Doch auf der Tour zu seinem aktuellen Album „Hospital Handshakes“ schlägt er neue, rauere Töne an: Er hat diesmal nicht seinen Bruder, sondern gleich eine ganze Band mit am Start. Man fragt sich am Anfang der Show: Können die Songs wie „White Daisy Passing“, „Portland Is Leavin'“ und „Suicide Medicine“ mit Band funkionieren? Einfache Antwort: Hell, yes! Drums, Bass und zweite Gitarre verleihen der ganzen Setlist ordentlich mehr Wumms und – schwupp – stehen die alten, schönen Songs in neuem, fetzigerem und nicht zuletzt rockigerem Gewand da. Gut anderthalb Stunden spielt er sich im Hansa 39 durch all seine Alben, zwei Zugaben müssen her – großer Abend, kein Zweifel. Vorher hat sich Ursi sehr nett mit unserem designierten Favorite Seattleite unterhalten:

„Hospital Handshakes“ hört sich etwas anders an als seine Vorgänger. Ein bisschen rockiger, die E-Gitarre fällt vor allem auf. Wie kam es dazu? Hatte die Waxing-Reunion von vor zwei Jahren etwas damit zu tun?
Ich glaube nicht. Diese Platte ist wie eine Mischung aus den frühen Sachen von Waxwing und all dem, was ich bisher gemacht habe.

Du hast überlegt, mit der Musik komplett aufzuhören…
Ja, ich dachte wirklich daran. Es war mir sehr ernst damit, das alles bleiben zu lassen. Ich fühlte mich ausgebrannt und uninspiriert und hatte über mehrere Jahre hinweg Probleme, Songs zu schreiben. Anstatt mich dazu zu zwingen, entschied ich einfach, zuhause zu bleiben und mal zu sehen, ob ich auch ein „normales Leben“ führen kann.

Verlief das erfolgreich?
Nicht so wirklich. Zum Glück eigentlich, denn schulussendlich weiß ich jetzt, dass sich mein Leben um Musik dreht. Ich feuerte mein ganzes Management und alle, mit denen ich arbeitete, und nach sechs Monaten stellte ich dann fest, dass ich ohne Musik durchdrehe. Deshalb ist es jetzt relativ egal, ob wenige oder viele Leute zu meinen Shows kommen oder meine Platten kaufen – ich muss für mich Musik spielen, um glücklich zu sein.

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Das Album ist ja insgesamt eher etwas melancholisch.
Ja, es ist sehr traurig (lacht sehr viel). Die Platte ist eine wilde Mischung aus Licht und Dunkelheit. Sie ist wirklich der direkte Ausdruck all dieser Traurigkeit und Melancholie, die ich verspürte. Für mich ist „Hospital Handshakes“ irgendwie auch die positivste, hoffnungsvollste Platte, die ich je aufgenommen habe. Man merkt ganz deutlich, dass Musik eine heilende Wirkung hat. Die Kreativität, die es braucht, hat mir geholfen und wenn das Album jetzt noch anderen Menschen helfen kann, umso besser. Das Leben besteht einfach aus guten und schlechten Geschichten, die wiederum dem Leben erst Sinn geben. Und genau diese guten und schlechten Dinge im Leben passieren oft im Krankenhaus. Dort werden wir normalerwiese geboren und „Hospital Handshakes“ ist für mich wie eine Wiedergeburt ins Leben als Musiker.

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In den Lyrics zu „The Hereafter“ heißt es: „I’m not so sure what matters so much here.“ Na, was ist denn wichtig?
Gute Frage. Menschen. Das zu tun, wofür du geboren bist. An dich selber glauben, nicht so viel an das, was andere über dich sagen. Das macht nur leider immer unser Ego aus: „Was denken die anderen über mich?“ Ich glaube, diese Frage war auch etwas an meiner kreativen Depression schuld. Man sollte nicht immer auf der Suche nach Bestätigung sein. Und etwas weniger Materialismus würde uns allen auch nicht schaden. Ich glaube fest daran, dass jeder zu einem bestimmten Zweck geboren wurde. Davon handelt auch das Album – von der Suche nach diesem Zweck.

Für die 2013er Platte „Television Of Saints“ riefst du eine Kickstarter-Kampagne ins Leben und hast alles selber gemacht. Für „Hospital Handshakes“ hattest du wieder einen Produzenten an Bord, Chris Walla, den man bei uns vor allem als Ex-Gitarristen von Death Cab For Cutie kennt.
art_rockyvotoltoJa, diesmal bin ich den traditionellen Weg gegangen – mit Produzent und Plattenlabel. Ich nahm mit Chris Walla bereits „Suicide Medicine“ auf, also vor etwa zehn Jahren. Die Arbeit mit ihm war, gerade nach der etwas schwierigen Zeit, super: Wir gingen mit sehr viel Enthusiasmus an dieses Plattenprojekt und ich denke, das hört man auch auf dem Album. Wir hatten echt eine gute Zeit gemeinsam, hatten Bock, im Studio zu sein und nicht zuletzt waren alle, die auf der Platte mitgespielt haben, großartig. Chris suchte die meisten Musiker aus und spielte in sehr vielen Songs mit und ich arbeitete gemeinsam mit meinem Bruder Cody. (Anm. Cody spielte auch bei Waxwing, ist Mitglied bei The Blood Brothers und Headshot Wound und war vor zwei Jahren mit Rocky Votolato auf Tour hier.)

Du hast diesmal auch auf Tour eine Band dabei…

Ja, darüber freue ich mich wirklich sehr. Der Bassist von Waxwing, Andrew, ist mit mir unterwegs. Drummer Eike und Gitarrist Marcel kommen aus Deutschland, die kannte ich von anderen Tourneen und wurden mir außerdem wärmstens empfohlen.  Es macht sehr viel Spaß, wir können gut gemeinsam reisen und wir haben einfach  eine gute Zeit. Ich bin inzwischen zum elften Mal in Deutschland, schon Wahnsinn.

Geht dir das „Allein-auf-der-Bühne-Stehen“ manchmal ab?
Nicht wirklich auf dieser Tour. Das habe ich eigentlich lang genug gemacht. Ich mag es schon und mir würde es auch fehlen, wenn ich es nie wieder machen könnte. Ich mische es etwas durch, mit Band und solo auf der Bühne, aber mir ist es wichtig, das aktuelle Album so rüberzubringen, wie ich es mir vorgestellt und auch aufgenommen habe: als Rockband. Es macht auch einfach mehr Spaß mit mehreren Leuten.

Für die Berlin-Show habt ihr – Glitterhouse Records, True Blue Tattoo und du – einen Tattoo-Contest veranstaltet, bei dem sich Leute mit Lyrics von einem deiner Songs oder einem Cover bewerben konnten und dann eine Tätowierung geschenkt bekamen. Ist das eine Ehre, wenn sich Leute deine Texte stechen lassen?
Ja, das ist sehr schmeichelhaft. Ich meine, so eine Tätowierung ist ein großes Ding. Es ist eine große Ehre, wenn man eine andere Person so berührt hat, dass sie sich Lyrics oder ein Bild tätowieren lässt. Ich selbst habe ein Tattoo von einem Jawbreaker-Song auf meinem linken Unterarm: „We Kissed A Shot Of Kentucky Straight“ ist aus dem Song „West Bay Invitational“ vom Album „24 Hour Revenge Therapy“. Wenn man sich also einen Songtext tätowieren lässt, weil man den Künstler so schätzt, ist das schon ziemlich hardcore. Es hat eben einfach Bedeutung.

Du hast gemeinsam mit Chuck Ragan eben eine Split-EP veröffentlicht, „Kindred Spirit“. Waren die Aufnahmen ein großer Spaß(Zur EP gibt’s unten mehr)
Das Lustige ist, dass die Songs schon aufgenommen waren, bevor wir uns überhaupt dazu etnschlossen hatten, die Split-EP zu machen! Wir wollten unbedingt gemeinsam eine Split-EP veröffentlichen und überlegten dann, welche Lieder wir schon vorrätig hatten, die noch nicht auf Alben erschienen waren. Ich hatte übrige Songs von „Television Of Saints“ und er von „Till Midnight„. Es ist eine wirklich coole EP geworden. Es sollte einfach sein, denn auch die Bandmitglieder hatten irgendwie schon einmal alle miteinander gespielt. Chuck is super, er ist ein so guter Freund.

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Was kommt als nächstes?
Mehr Songs schreiben!

Na zum Glück! Und was macht man sonst noch auf Tour? Man lernt deutsche Redensarten und übersetzt Nicht-Übersetzbares ins Englische. Heute: Ich glaub‘, ich spinne!

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Ich dachte nach der ersten Show, als Rocky Votolato allein im Kafe Kult auftrat, dass es besser nicht werden könnte. Nach dem Konzert 2013 mit seinem Bruder Cody Votolato im Feierwerk wurde ich eines Besseren belehrt und hielt eine Steigerung danach für unmöglich. Da hab ich mich zweimal ganz ordentlich getäuscht: Das war ganz groß mit Band im Feierwerk. Ich bin jetzt schon gespannt, was er das nächste Mal auf Lager hat.

Von der Split-EP „Kindred Spirit“ mit Chuck Ragan gab es keine Hörprobe, aber – wie nicht anders zu erwarten – möchte ich euch dieses Sechs-Song-Werk ans Herz legen. Rocky Votolato bestreitet die ersten drei Tracks der EP, „Sparks of Recovery“ (hier das Lyric-Video dazu), „St. Louis“ und „Recovery“. Chuck Ragans Part umfasst „Justice And Fair Shake“ mit art_kindred-spiritDave Hause, „Vagabond“ mit Jon Snodgrass, Chad Price und Ben Nichols (auch hier ein Lyric-Video, aus der Mache von Jeff Rosenstock) und schließlich „Before Dust“ mit Ben Nichols. Es sind, wie sollte es anders sein, sechs Songs wie sie besser nicht in den Sommer passen könnten. Beide Künstler sind seit Jahren befreundet und kommen ursprünglich eher aus der raueren Musikecke, machen aber seit Jahren feine Musik mit Americana-Folk-Singer-Songwriter-Lässigkeits-Einschlag. Und das nicht als zweite Karriereoption, sondern aus Überzeugung. Gemeinsam waren sie schon auf Revival-Tour; ein Wunder eigentlich, dass das ihre erste gemeinsame EP ist.

Während Votolato nachdenklichere Töne anschlägt, liefert Ragan einmal mehr den Soundtrack für einen fetzigen Abend mit Bier und Schnaps. Man kann es sich so vorstellen: Ragans Split-Part für den Abend draußen, Votolatos Teil für den Moment, wenn das Lagerfeuer ausgeht und langsam die Morgendämmerung kommt. So oder so solltet ihr euch alle diese EP zulegen, denn vermutlich zählen gerade diese beiden Künstler zu den nettesten und dankbarsten Menschen, die es im Musik-Business gibt. Und dann machen sie noch so feine, ehrliche Mucke dazu! Anhören kann man sich die komplette EP im Stream hier.

Zu allem Überfluss touren die beiden Unermüdlichen auch noch durch das Land (wenn auch nicht gemeinsam, aber das kommt ja vielleicht wieder).

Chuck Ragan
20.08. St Pölten – Frequency Open Air | 21.08. Köln – Palladium (AUSVERKAUFT!) | 22.08. Chiemsee – Chiemsee Rocks Festival | 23.08. Karlsruhe – Substage | 24.08. Wiesbaden – Schlachthof | 25.08. Bremen – Modernes | 26.08. Dortmund – FZW

Rocky Votolato
04.06. Leipzig – Werk 2 | 05.06. Dresden – Beatpol | 06.06. Wien – B72 | 07.06. Innsbruck – Bäckerei | 11.06. Bern – Mahogany Hall
Danach geht er auf eine 44-Gig-Tour mit Dave Hause in den USA.

Und bevor er wieder aus Europa abreist, hat uns Rocky Votolato neben „Rumi“ noch einen weiteren Song auf dem Parkplatz vom Feierwerk dagelassen und vorgespielt. Damen und Herren, hier kommt „White Knuckles„:

„Kindred Spirit“ von Rocky Votolato und Chuck Ragan erscheint als 10″Vinyl, Download und CD am 5. Juni bei SideOneDummy Records/ Cargo Records.

Fotos: the music minutes (2), PR