Die berühmteste Perücke der Welt schreibt für die erfolgreichsten Stars der Welt die größten Popsongs. Erst vor einigen Monaten gelang Sia dank ihrer Hit-Single „Chandelier“ der weltweite Durchbruch als Solo-Künstlerin. Dabei kann auch ihr älteres Repertoire locker mit den zahlreichen Hits, die sie für andere produzierte, mithalten. Durch Zufall stieß ich vor ein paar Wochen in meiner iTunes-Bibliothek auf „We Are Born“, das fünfte Studioalbum von Sia. Ein brillantes Pop-Wunderwerk, das beim Release 2010 an mir vorübergegangen ist. Fünf Jahre später ist „We Are Born“ meine Sommer-Platte 2015. 

212319-47099I38786Sie gilt in der Musikbranche als schwierig. Ein Popstar, der nicht berühmt sein will. In einem „Anti-Fame-Manifest“ ließ Sia verlauten: „Wenn jemand außer promintenten Personen wüsste, wie es ist, eine bekannte Persönlichkeit zu sein, würde niemand berühmt sein wollen.“

Die Sängerin, Songwriterin und Produzentin, die sich via Twitter trotzig mit den Worten „geboren aus dem Poloch eines Einhorns namens Steve“ beschreibt, gibt nur ungern Interviews und mag es nicht, wenn Bilder von ihr gemacht werden. Für ein „Billboard“-Cover-Shooting zu ihrem aktuellen Album stülpte sie sich eine Papiertüte über den Kopf. Für ein Porträt der „New York Times“ ließ sie sich nicht fotografieren, die renommierte Zeitung titelte: „Sia Furler, der soziophobische Popstar“.

Ihre Identität versteckt Sia bei öffentlichen Auftritten hinter einer Perücke, einem blonden Pagenschnitt. Bei TV-Performances versteckt sie sich im Hintergrund und lässt beispielsweise „Girls“-Macherin Lena Dunham herumhampeln, Instagram verweigert sie sich, auf Tour geht sie schon gar nicht mehr und Promotion-Termine gibt es bei ihr nicht – das ist angeblich sogar in ihrem Plattenvertrag so festgehalten. Sia ist ein Kunstkonstrukt wie Lady Gaga, nur zu Ende gedacht. Vielleicht ist sie auch ein kleines bisschen verrückt. Aber ebenso genial.

Star-Flüsterin

Sia Furler hat Songs für unzählige Stars geschrieben. So hat die Australierin mit Pop-Sängerinnen wie Katy Perry, Beyoncé, Britney Spears und Kylie Minogue, aber auch mit R’n’B-Sänger Ne-Yo, mit Rappern wie Eminem, Angel Haze und Flo Rida sowie Produzenten wie Diplo und The Weeknd zusammengearbeitet. Die Songschreiberin mit dem untrüglichen Hit-Gespür steckt hinter Rihannas Über-Hit „Diamonds“ und schrieb „Perfume“ für Britney Spears. Eine neue Ballade mit dem Titel „Step By Step“ würde sie gerne Bruno Mars anbieten.

Auch in Hollywood ist Sia gefragt. Sie war an den Soundtracks zu Blockbustern wie „The Hunger Games: Catching Fire“ – für den sie den Song „Elastic Heart“ ablieferte – und „The Great Gatsby“ beteiligt. Zuvor war bereits Sias Song „Bound To You“ für den Film „Burlesque“, interpretiert von Christian Aguilera, für einen Oscar nominiert. Zuletzt steuerte Sia für den Film „San Andreas“ mit „California Dreamin'“ eine Coverversion der 60s-Ikonen The Mamas & The Papas bei.

Allein im Jahr 2013 verkauften sich Sias Songs insgesamt über 13 Millionen Mal. Sia Furler, so ihr brügerlicher Name, kann bestens von ihren Tantiemen leben. Sie ist ein ausgefuchstes Pop-Genie mit Hit-Händchen: Melodie und Lyrics von „Titanium“ waren in 40 Minuten fertig, für Rihannas „Diamonds“ und Flo Ridas „Wild Ones“ brauchte sie je knapp 15 Minuten.

Private Dancer

Während die heute 39-Jährige in Australien seit fast zehn Jahren ein mittlerweile mehrfach preisgekrönter Star ist, brauchte es insgesamt sechs Alben, bis ihr der weltweit Durchbruch gelang. Dabei hatte sie 2013 ihren Rückzug aus dem Musikbiz verkündet. „Kommerzieller Erfolg interessiert mich nicht“, sagte sie damals. Sie wollte sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen, verstärkt hinter den Kulissen kreativ sein, für andere Künstler schreiben. So verhalf Sia mal eben Rihanna mit „Diamonds“ zu einem globalen Smash-Hit. Sias Name tauchte dabei in den Credits und nicht auf den Titelseiten auf. Ihr Privatleben war ihr wichtiger.

Doch es kam anders. Und schuld ist – David Guetta! Das ursprünglich angeblich für Alicia Keys geschriebene Stück „Titanium“ wurde 2011 von dem französischen DJ mit Sias Demo-Vocals veröffentlicht. Der Dance-Track knackte weltweit die Top 10 der Charts und Sia stand plötzlich wieder im Fokus. Mit ihrem letzten, im vergangenen Sommer veröffentlichten Studioalbum „1000 Forms Of Fear“ und der Single-Auskopplung „Chandelier“ startete Sia schließlich als Solo-Künstlerin international durch. „Chandelier“ brachte ihr vier Grammy-Nominierungen ein.

Aber auch Sias älteres Material kann sich hören lassen. Vor allem das Album „We Are Born“ von 2010 überrascht mit Killerrefrains – dagegen wirkt selbst Lady Gaga wie eine unbeholfene Anfängerin. Über die Hälfte der 13 Songs auf „We Are Born“ kriegt man nicht mehr aus dem Kopf. Das im Sommer 2010 veröffentlichte Album erreichte hierzulande lediglich Rang 73 der Charts. In Australien landete Sia dagegen auf dem dem zweiten Platz.

„We Are Born“

88697694122Mit „The Fight“ geht’s mit einem fluffig-federnden Rhythmus gemählich los. Den Refrain kann man bereits beim zweiten Mal mitsingen. „You’ve Changed“ ist ein simpler Pop-Song über einen geläuterten Gigolo, „Clap Your Hands“ ein Feel-Good-Song. „Come on dance, take a chance on romance, we only get one shot at love“, singt Sia. „Never Gonna Leave Me“ ist ein vor (Über-)Mut strotzendes Liebeslied über Sias erste große Liebe, die bei einem Autonfall ums Leben kam. Ein trauriges Thema, verpackt in einen perfekten Popsong.

Aufgenommen wurden die Songs von „We Are Born“ in den Echo Studios in Los Angeles, nicht weit von Sias zu Hause. Im Studio stand dem australischen Multitalent – genau wie für „1000 Forms Of Fear“ – US-Produzent Greg Kurstin (u.a. Lily Allen) zur Seite. Inspirieren ließ sich Sia u.a. von so unterschiedlichen Künstlern wie Cindy Lauper, The-Strokes-Gitarrist Nick Valensi, Blondie und Madonna. Der Pop-Queen erweist Sia am Ende von „We Are Born“ mit einer Coverversion der Ballade „Oh Father“ die Ehre. Die Mehrheit der 13 Songs sind schnelle, tanzbare Nummern, lediglich drei Balladen – „Be Good To Me“ und „I’m In Here“ und „Oh Father“ – nehmen ein wenig Tempo raus.

„We Are Born“ liefert clevere, harmlos-unbeschwerte Popsongs mit einem sommerlichen Feel-Good-Faktor. Sicherlich nichts für Rockfans oder Leute, die bei Popmusik die Nase rümpfen. Aber vielleicht für alle, denen Britney Spears zu poppig und Roisin Murphy doch irgendwie zu anstrengend ist. Sia will do. Und für Nachschub ist bereits gesorgt: Möglicherweise noch dieses Jahr soll unter dem Titel „This Is Acting“ ein neues Sia-Album erscheinen.

Sia: Rewind

Sia Kate Isobelle Furler wuchs in Adelaide auf. Erste Erfahrungen sammlöete sie mit der Jazz-Band Crisp. Schon damals brauchte sie Alkohol, um auf der Bühne stehen und vor Publikum performen zu können. Nach dem Release ihres Debütalbums „OnlySee“ ging sie 1997 nach London, wo sie u.a. als Background-Sängerin für Jamiroquai arbeitete. Als Künstlerin machte sie dann erstmals als inoffizielle  Lead-Sängerin der Band Zero 7, mit der sie drei Alben aufnahm, auf sich aufmerksam. 2001 erschien ihr zweites Solo-Album „Hearing Is Difficult“, auf dem sie den Tod ihrer ersten großen Liebe verarbeitete, gefolgt von „Colour The Small One“ (2004). 2005 zog die australische Songwriterin nach New York. In den USA wurde sie dank „Six Feet Under“ einem breiteren Publikum bekannt. Ihr Song „Breathe Me“ lief in der letzten Folge der HBO-Serie. 2008 veröffentlichte Sia „Some People Have Real Problems“, zwei Jahre später erschien „We Are Born“.Lange Zeit hatte die Sängerin mit Alkohol- und Tablettensucht zu kämpfen. Heute lebt Sia, die u.a. mit JD Samson von Le Tigre und Men zusammen war, in Los Angeles.

Fotos: Mary Ellen Matthews