Wir hatten schonmal das Vergnügen und freuen wir uns, dass es noch mal geklappt hat: Frank Turner erzählt uns Sachen kurz bevor er sein neues, das inzwischen sechste, Studioalbum auf den Markt bringt – vor Show 1687 in Salzburg. Mit Audiofiles!

art_turnerDa ist ganz schön was passiert, seit wir uns das letzte Mal mit Frank Turner unterhalten haben: An die Show der Dropkick Murphys im Zenith erinnert sich keine der beteiligten Parteien noch so genau – es könnte am Alkohol gelegen haben. Umso mehr freuen wir uns, dass sich Frank Turner am Mittwoch nicht lumpen ließ und mit uns über die letzten gut zwei Jahre redete: über die neue Platte, „Positive Songs for Negative People“, neue Tattoos, sein Buch „The Road Beneath My Feet“ und über diesen sagenumwobenen Auftritt in der erfolgreichsten deutschen Daily Soap. Und weil er soviel erzählt hat, könnt ihr den O-Ton bei den meisten Fragen nachhören.

Mittwochnachmittag in Salzburg, an der Schallmoser Hauptstraße tragen Mitglieder von East Cameron Folkcore, Vorband an diesem Abend, Geräte aus dem Bus und fahren Skateboard. Über ein paar Stiegen geht’s nach oben in den Backstage-Bereich und bitte sehr – mit einem Grinsen schüttelt mir Frank Turner die Hand. Los geht’s – viele Fragen habe ich, beantwortet werden sie vor einer weiteren feinen Show alle.

„England Keep My Bones“ ist inzwischen vier Jahre alt. Auf dieses Jubiläum hast du bei Twitter und Facebook hingewiesen. Bist du auf dieses Album besonders stolz?
Das klingt jetzt vielleicht politisch, aber ich bin auf alle meine Alben stolz. „England Keep My Bones“ ist meine erfolgreichste Platte, das ist natürlich schön. Aber ich mag sie alle – an allen hängt soviel: die Zeit, in der sie aufgenommen wurden, die Leute, alles, was danach passiert ist.

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„Tape Deck Heart“ ist jetzt zwei Jahre alt. Deine erste Platte, die in Deutschland zumindest auf einem Major Label, bei Universal Music, erschien. Hat sich da für dich etwas geändert?
Nicht wirklich. Ich bin immer noch bei X -tra Mile Recordings, einem unabhängigen Plattenlabel in England, unter Vertrag. Ein paar Jahre machten wir den internationalen Release selber, dann waren wir bei Epitaph – da bin ich sehr stolz drauf – und als dort der Vertrag auslief, haben wir uns für Universal für den weltweiten Vertrieb entschieden. Ein großes Label hat ganz andere Möglichkeiten, deine Sache nach vorn zu bringen. Und ich will ja erfolgreich sein.

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„Positive Songs For Negative People“, dein neues Album, erscheint demnächst. Der Titel klingt ein bisschen traurig. „Tape Deck Heart“ war traurig, „Positive Songs For Negative People“ klingt noch trauriger…
(lacht) Im Vergleich ist „Positive Songs For Negative People“ fröhlich! Der philosophische Ansatz hinter den Lyrics erklärt sich so: Ich hatte ein paar schlechte Jahre, unter anderem handelte ja „Tape Deck Heart“ auch davon, von einem Beziehungsende und Scheitern ganz allgemein. Noch dazu war ich wirklich ziemlich lange ein ziemlich bekannter Underground-Künstler; das änderte sich mit „Tape Deck Heart“ und meinen ersten Gehversuchen Richtung Mainstream. Wenn du ein Underground-Künstler bist, kennst du alle deine Fans und sie kennen und schätzen deine Musik – das macht das Leben einfach. Wenn du aber im Mainstream angekommen bist, dann hören auch Leute deine Musik im Radio oder Fernsehen, die gar nichts damit anfangen können – und das tun sie im Internet kund. Das beschäftigte mich eine Zeit lang sehr. Und die neue Platte handelt davon: das alles zu überleben und von trotzigem Optimismus.

Wieviele Song werden denn auf „Positive Songs For Negative People“ sein?
Zwölf. Das mag ich echt auch sehr gern an dem Album: Die Anzahl und auch die Reihenfolge steht schon lange fest. Bei „Tape Deck Heart“ entschieden wir das alles sehr, sehr kurzfristig: Es gab dann ja die normale Version, dann die Deluxe-Version mit fünf Songs mehr und die Deluxe Deluxe-Version. Es war etwas undurchsichtig, was eigentlich auf das Album sollte. Diesmal steht alles wirklich schon lang fest und das fühlt sich gut an: wie ein abgeschlossenes Projekt mit Konzept.

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Wenn du „Postive Songs For Negative People“ in einem Satz zusammenfassen müsstest, dann wäre das…
Eigentlich ist der Titel ja schon der Satz, um den es geht. Ich unterhielt mich eines Abends mit einem sehr guten Freund über alles, was ich musikalisch so gemacht habe in den letzten zehn Jahren. Manche Leute wollen ein Manifest, ich nicht.  Als ich dann einfach die fünf Wörter [Anm. Positive Songs For Negative People] gesagt habe, war klar, dass das der Titel für das nächste Album sein muss. Es ist eben einfach auch das, was ich und die Band die letzten Jahre über gemacht haben. Wir spielten nie so gut wie jetzt. Ich glaube, es ist das mit Abstand Beste, was wir je gemacht haben. Und ich freue mich sehr darüber.

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Du spielt immer noch abartig viele Konzerte. Heute abend ist es Show…
1687. Das hab ich eben nachgeschaut, auswendig weiß ich das nicht.

Wow. Letztes Wochenende hast du bei Festivals gespielt. Was ist dir lieber – Festival- oder Clubbühne?
Es ist super, dass ich beides machen kann. Da muss ich mich deshalb nicht wirklich entscheiden, denn beide Möglichkeiten haben ihre ganz eigenen Vorteile. Ich bin da recht synchron mit den Jahreszeiten: Wenn der Sommer losgeht, bin ich immer ganz wild auf die Festival-Shows und gegen Ende dann bin ich auch wieder froh, dass es vorbei ist und wieder kleinere Venues kommen. Wenn es denn sein müsste, würde ich eine Clubshow vorziehen, aber ich bin echt froh, dass ich da nicht wählen muss.

Du spielst dieses Jahr auch wieder auf dem Glastonbury-Festival. Schaust du dir da eigentlich noch Shows von anderen Künstlern an?
Ja, ich kehre nach Glasto zurück! Ich habe dort früher oft gespielt, aber jetzt seit fünf Jahren nicht mehr. Eigentlich läuft das alles immer nach folgendem Schema: hinfliegen, spielen, wegfliegen. Ich checke dank bitterer Erfahrungen inzwischen gar nicht mehr das Line-up, das wäre Selbstquälerei: Entweder man ist an einem anderen Tag da oder dann macht man Presse.

Gibt es denn Unterschiede beim Publikum, je nach Kontinent?
Nur kleine. Es ist schön, wenn wir lange in den USA spielen und dann zurück nach Hause, nach England, kommen: Dort kennen dann alle 2000 Zuschauer den Text von jedem Song und drehen durch. Das fühlt sich wie eine Belohnung an. Ich tourte durch Israel, Osteuropa und China – da ist das Publikum dann schon anders als in Amerika, England oder Deutschland. Aber eigentlich sind wir doch alle „awkward Indian punk kids“, oder?

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Du hörst dich an als würdest du nie müde werden das zu tun was du eben machst. Machst du denn jemals Urlaub?
2011 hatte ich mal zwei Wochen frei, da war mir sehr schnell sterbenslangweilig. Naja, jeder hat beschissene Tage in seinem Job. Ich habe wahrscheinlich einfach nur weniger als andere Menschen. Manches ändert sich auch, wenn man älter wird: Wir touren nicht mehr so exzessiv wie früher.  Am Ende der Tour zu „Tape Deck Heart“ waren wir alle, die Band, die Crew und ich, echt fertig. Mein Rücken war hinüber. Heute läuft es so: Vier Tage Show, dann einen Tag frei. Früher haben wir schon auch mal 20 Tage hintereinander gespielt und  hatten dann einen Tag Pause. Wir sind aber auch einfach keine 23, 24 Jahre mehr alt! Ich liebe das, was ich tue. Als wir Ende letzten Jahres öfter ein paar Tage frei hatten, war mir fad. Gut, dass wir wieder auf Tour sind! Ich liebe das.

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Wenn du nicht auf Tour warst, hast du ein Buch geschrieben.
Ja, das war auf Tour am Vormittag.

Was war der Anlass für das Buch? Gab es Dinge, die du gern teilen wolltest, die aber keinen Platz in deinen Songs fanden?
Irgendwie schon. Man musste auch erst etwas auf mich einreden, bevor ich anfing zu schreiben. Ich
bookwollte auf keinen Fall eine Autobiographie verfassen, weil ich 33 Jahre alt bin. Was soll das, das wäre ja lächerlich – so wie Fußballer-Autobiographien mit 27. Absoluter Schmarrn! Ich lese ständig Bücher von Musikern, gerade habe ich Charlie Louvins Memoiren zu Ende gelesen, bald kommt das von Rex Brown von Pantera. Mich stört, dass viele Bücher über Musiker oft essentielle Teile auslassen, bei vielen läuft es so: „Wir haben Songs im Keller geschrieben, wir waren auf Tour und dann spielten wir im Madison Square Garden.“ Da denke ich mir: „Moment, du hast den interessanten Teil ausgelassen!“ Ich möchte wissen, wieviele Mitglieder die Crew hatte, in welchem Gefährt man auf Tour war, welche Venues bespielt wurden und wie man es geschafft hat von 200 auf 400 auf 800 Zuschauer pro Show zu kommen. Das finde ich interessant! „Get in the Van“ von Henry Rollins war da anders und daran wollte ich mich orientieren.

Du klingst wirklich sehr glücklich und zufrieden. Du hast auch noch eigenes Bier gebraut.
Nein nein, gebraut haben es die Leute von Signature Brew. Ich habe es vor allem getrunken.

Und dann warst du noch Gaststar in einer deutschen Daily Soap…. (Für alle, die es nicht wissen oder – wie ich – verdängt haben: Frank Turner hatte mit den Sleeping Souls im August 2013 einen etwas seltsamen Auftritt auf der Bühne der Mauerwerks in GZSZ und ich konnte das nur schwer fassen)
Ui, ja, das war lustig. Uns war nicht wirklich bewusst, was das war, bis wir vor Ort standen. Rund um die „Tape Deck Heart“-Tour bekam ich ungefähr eine Million Emails und in einer stand eben was von einem Auftritt im deutschen Fernsehen. Das ist ja eigentlich gut. Aber wir kamen dann dort an und alle waren Schauspieler in dieser Serie und wir dachten uns: WTF?! Aber bitte, das Leben ist kurz und man sollte einfach Sachen ausprobieren und „Ja“ zu Dingen sagen.

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Gibt’s noch was außer Sänger, Autor, Gaststar im Fernsehen und eigenes Bier vermarkten, das du gern machen würdest? X Factor Juror? Reality Star? Schauspieler?
An erster Stelle steht für mich immer die Musik, alles andere ist nebensächlich.

Bei deinen Live-Shows spielst du gern mal Coversongs: „Somebody To Love“ von Queen. Gibt’s da eins, das du noch mal gern spielen willst?
Ohja, ich arbeite gern mit den Songs von anderen. Vor Jahren las ich einmal in einem Interview mit Evan Dando von den Lemonheads, dass man als Singer-Songwriter nicht nur seine eigenen Songs spielen solle, sondern eben auch die anderer Künstler neu interpretieren. Ich höre im Moment viel traditionellen Country: Die meisten Country-Künstler schrieben ihre Songs nicht, sondern performten sie nur. Oder Elvis! Mit dem beschäftige ich mich auch gerade viel: Hat nie auch nur einen einzigen Song geschrieben, ist aber ein gottverdammtes Genie! Im Moment werkle ich an Meat Loafs „Bat out Of Hell“ und „Suspicious Minds“ von Elvis. Keine Ahnung, ob ich die je live spiele oder sie aufgenommen werden, aber es macht Spaß an und mit ihnen zu arbeiten.

Du hast ’nen Song über Tattoos geschrieben. Jetzt erzähl mal: Was ist dein neuestes Tattoo?
Der Totenkopf mit den Knochen hinter dem linken Ohr und gleichzeitig ließ ich mir noch „222“ am linken Knöchel stechen. Das war dann doch etwas schmerzhaft und unangenehm.

Letzte Frage: Was ist mit deinem zweiten Projekt Möngöl Hörde?
Möngöl Hörde darf einfach nie Arbeit sein, sondern immer nur Spaß. Wir unterhielten uns neulich über Riffs und machen sicher noch ein Album, ein paar Songs gibt es schon. Auch wenn das dann vielleicht noch zwei Jahre warten muss, bis es fertig ist.

Jetzt aufgepasst, Freunde: Am kommenden Montag sind wir der selbst ernannte, super-inoffizielle Frank Turner-Infokanal. Denn dann gibt er bekannt, wann das Album „Positive Songs for Negative People“ veröffentlicht wird. Und nicht nur das: Videos werden aus dem Nichts auftauchen und zu allem Überfluss verrät er auch noch Tourdaten. Weil wir ihn aus vollster Überzeugung schätzen, sind wir an den Themen dran, eh klar. Also, Friends – stay tuned!

Foto: the music minutes (Ursi)