Er hat uns schon wirklich gefehlt, unser Turner Frank. Seit eineinhalb Jahren mussten wir auf eine Show warten und da er München auf dieser Tour-Rutsche ausgelassen hat, entschied es sich eben diesmal zwischen Innsbruck und Salzburg. Das Rockhouse hat das Rennen gemacht und so wurden am Mittwoch Abend in recht kompaktem Rahmen und mehr als würdig aufgewärmt von den großartigen East Cameron Folkcore die Fäuste gereckt, die Kehlen heiser geplärrt und hemmungslos getanzt.

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Das Konzert von Frank Turner und seiner Band The Sleeping Souls im Münchner Strom vor zwei Jahren gehörte für mich zu einem der besten des Musikjahres 2013, das nächste im Herbst des gleichen Jahres, in der Tonhalle hatte der „skinny half-arsed English country singer“ der Herzen dann unter erschwerten Bedingungen zu bestreiten. Turner hatte Rücken. Aber ordentlich. Wärs nach dem Arzt gegangen, hätte er wohl zuhause zu Physio und Kieser-Training gehen sollen, aber sicher nicht auf Tour. Undenkbar für den nimmermüden Troubadour und so kraxelte er eben in abgespeckter Version auf die Bühnen. Ohne seine Gitarre. Dafür gebührt ihm aller Respekt, aber um die Erkenntnis, dass zu Frank Turner einfach seine Klampfe gehört, kam man definitiv auch nicht herum.

Große Freude also, dass er diesmal wieder in alter Form und mit neuem Material im schönen Österreich aufschlagen würde. Dass wir da hinmüssen, war für Ursi und mich Ehrensache und eine weitere Turner-narrische Freundin machte das Konzerttourismus-Trio Infernale komplett.
Zu meiner Überraschung – ich hatte mich gar nicht wirklich schlau gemacht – waren als Support East Cameron Folkcore dabei. Ohnehin in Europa und sonntags noch im Münchner Ampere, stieg man quasi nahtlos für ein paar Termine als Turners Anheizer-Kombo ein. Hat mich sehr gefreut, da ich nach ihrem Support-Gig für Young Rebel Set vor zwei Jahren, ebenfalls im Ampere, extrem begeistert war. Auch in der Kombi eine sehr gute und stimmige Wahl, die beim Publikum ins Schwarze und einen Nerv traf.

ECFC_RockhouseAufwärmen Deluxe

Das wilde Band-Kollektiv aus Austin/ Texas – eigentlich zu elft – trat an diesem Abend mit acht Mann an, bzw. mit sechs Herren und zwei Ladies. Eng war’s auf der Bühne des Rockhouse zumal ihnen auch noch das verhüllte Drum Kit der Sleeping Souls im Nacken hing wie ein fieses Gespenst. Aber man arrangierte sich und gab Vollgas.
Das Folkcore im Namen ist Programm und trifft beschreibungsmäßig den Nagel auf den Kopf. Die großen Melodien, die Instrumentenvielfalt und das Prinzip des Geschichtenerzählens im Folk trifft auf die Kompromisslosigkeit und Intensität von Hardcore. Mit Unmengen Herzblut, Lungenvolumen und Körpereinsatz singen sich mal nur der Band-Anführer Jesse Moore – so etwas wie einen klassischen Frontmann gibt es fast nicht, denn meistens stehen da 5-6 phalanxmäßig an vorderster Front – mal bis zu fünf von ihnen in kraftvollen, mehrstimmigen Harmonien die Seele aus dem Leib. Dazu schüttelt Cellistin Mary Beth Widhalm hingebungsvoll in bester Apocalyptica-Manier ihre Mähne.

Aber nicht nur die Musik hat ordentlich Wumms, auch die Message hat Gewicht. East Cameron Folkcore sind eine politische Band. Sie haben etwas zu sagen und finden mit ihrer Musik einen sehr eindringlichen Weg, ihre Botschaft unters Volk zu bringen. Sie sind systemkritisch, prangern Missstände an, sind durchaus auch wütend, aber das kanalisieren sie in ihrer Musik auf eine positive, konstruktive Art und Weise, die mitreisst und Spaß macht. Das letzte Album „For Sale“ ist eine starke Nummer und gerade haben sie ihre neue Platte „Kingdom Of Fear“ herausgebracht. Die dazugehörige Video-Trilogie, in der sie drei Songs zu einer fortlaufenden Story verarbeitet haben, ist absolut sehenswert und wer die Gelegenheit hat, diese verrückte Horde mal live zu erleben, dem sei das sowieso uneingeschränkt empfohlen.

Wir waren also würdig aufgewärmt und nach einem feschen Zipfer, oder eher zwei, bereit für Meister Turner. Als er und seine Band gegen 21:45 die Bühne im ausverkauften Rockhouse entern, dauert es genau die ersten vier Takte von „Recovery“, dem Opener seines letzten Albums „Tape Deck Heart“, bis man angekommen ist im schmerzlich vermissten Turner-Live-Kosmos. Wir waren gehörig on fire, soviel steht fest.

Von 0 auf 120

Bei Show Nummer 1687 (!) des Vollblut-Performers und tatsächlich seiner ersten in Salzburg gab’s keine Abnutzungserscheinungen, im Gegenteil. Dieser Mann gehört einfach auf die Bühne und hat dafür inzwischen ein mehr als ansehnliches Hitarsenal beisammen. So kündigt er auch an, es werde eine bunte Mischung geben aus „some old songs, some new songs and some mid-period songs“. So soll es sein! Der erste Smash-Hit kommt auch sofort mit „The Road“ und wird gefolgt von meiner Lieblings-Atheisten-Hymne „Glory Hallelujah“ und dem Oldie „Reasons Not To Be An Idiot“. Mit „Out Of Breath“ kommt der erste neue Song, ein Dance-Song, wie Turner ankündigt und tatsächlich: Wir sind kurz davor mit den restlichen 500 um uns rum einen wüsten Punkrock-Line-Dance-Mob anzuzetteln.

FrankTurner_RockhouseBeruhigung gibts mit „Eulogy“, wiedermal auf Deutsch vorgetragen. Zugegeben, auf Englisch wären wir textsicherer gewesen. Aber Frank Turner ist ein smartes Bürschchen, ein kleiner Streber und dazu hat er’s mit Fremdsprachen. So gibt’s auch wiedermal die ein oder andere Ansage in unserer Muttersprache und sein tradtionelles „Mein Deutsch ist Scheiße.“ wurde inzwischen zu einem überzeugten „Mein Deutsch ist perfekt!“ Sehr schön. Auch neu gelernt hat er auf dieser Tour „Die Crew ist langsam aber nützlich.“ Der war gut. (Kurzer Nachtrag: Wie sich später herausstellen sollte, sagte Turner nicht „die Crew“ sondern „die KUH“! Siehe dazu auch die aufklärenden Kommentare unten. Ich lach mich schlapp…)
Auch sonst beschäftigt sich der Musiker mit den Ländern und Städten, die er da so bereist und fällt nicht tagtäglich komplett verspult vom Tourbus direkt ins Venue. So hat er mit seiner Band tagsüber auch direkt einen Ausflug auf die Burg gemacht. Der blieb nicht ohne Anekdoten-Material, versteht sich. Ihre Seilbahn-Kabine blieb stehen und man malte sich in einem Anflug von Panik schon aufs Martialischste aus, wer als erstes verspeist werden sollte, bevor doch noch Rettung nahte.

Salzburger Gschichten

Immer wieder kommt Frank Turner mit einer Geschichte ums Eck; eloquent, charmant und stets ein spitzbübisches Grinsen im Gesicht. Das kann er, und das liebt sein Publikum. Diese Storys sind nämlich nicht am Reißbrett entstanden, keine Masche, er spult sie nicht tagtäglich ab für den kurzen kalkulierten Lacher. Sie passieren einfach zwischendurch und das macht ihn einerseits authentisch und sympathisch, andererseits hält es seine Shows genauso frisch wie neue Songs oder das Wechseln zwischen Band- und Solomodus. (Dass sich bei inzwischen über eineinhalbtausend Auftritten auch mal was wiederholt, ist klar. Aber so kleinkariert ist ja wohl kein Turner-Fan, dass er sich daran ernsthaft stören würde.)
Auch an diesem Abend spielt er ein paar Lieder allein an der Akustikgitarre und weil er halt ein Mann des Volkes ist und kein arschiger Rockstar, hat er auch im Vorfeld an ihn herangetragene Songwünsche berücksichtigt. Den Anfang macht das wunderbare „Vital Signs“ vom ersten Album „Sleep Is For The Week“, dann „Eva Mae“, eine Ballade, die er seinem 5-jährigen Patenkind gewidmet hat. Die erfährt hoffentlich nicht, dass er genau bei der Nummer einen ordentlichen Texthänger hatte. Auweh. Ehrlicherweise war’s in meiner zehnten Show von ihm der allererste. Und auch das kontert er gleich mit einer witzigen Schote. Als er den Song nämlich neulich in einer Show spielte, bei der die kleine Eva Mae im Publikum war, antwortete die auf seine Frage, wie sich das denn so angefühlt hätte trocken: „Well, I was the queen of the gig.“ Alles klar! Eine ordentliche Portion Selbstbewusstsein hat ihr der Patenonkel also schonmal mitgegeben.

Beim anschließenden Über-Song „I Am Disappeared“ ziehts uns dann erwartungsgemäß wiedermal die Gänsehaut bis über beide Ohren. Starker Move, den Song akustisch anzufangen und mit Band zu beenden. Extrem stark.

Von „England Keep My Bones“ gabs außerdem noch „Peggy Sang The Blues“ (das an dem Abend nicht nur er seiner Oma gewidmet hat sondern auch ich mit einem verdrückten Tränchen im Auge meiner.), „I Still Believe“, die ultimative Ode und liedgewordene Liebeserklärung an die Kraft der Live-Musik, „Wessex Boy“ und „If  Ever I Stray“. Das war’s soweit mit der Mid-Period. Gut reingemixt wurde noch mehr Neueres von „Tape Deck Heart“ – „The Way I Tend To Be“ oder das bittersüße „Plain Sailing Weather“ – und auch noch zwei weitere brandneue Songs seines Anfang Sommer erscheinenden sechsten Studio-Albums „Positive Songs For Negative People“. Das noch unbekannte „Josephine“, eine dem ersten Eindruck nach schmeichelnd-opulente und durchaus radiotaugliche Ballade, sowie das treibende „Get Better“, zu dem es bereits seit geraumer Zeit ein Lyric Video gibt. Wieder ein Song, der ultimative Parolen bietet: „Come on now, let’s fix this mess/ We could get better/ Because we’re not dead yet“. Ja, verdammt!

In guten wie in schlechten Zeiten

Seine so unglaublich guten Texte, das macht für mich nach wie vor einen Großteil meiner Faszination für den 33jährigen Musiker aus dem südenglischen Winchester aus. Wie oft ich allein mit seiner Musik im Kopfhörer trotzig, traurig oder verzweifelt vor der Anlage saß, oder völlig kirre tobend und lauthals mitgrölend durch die Bude gefegt bin? Kann ich nicht mehr zählen. „A song for every time you’ve lost and every time you’ve won“ eben. Frank Turner schreibt seit Jahren meinen Soundtrack zum Ausflippen und Ausheulen. Diese Musik ist Amphetamin und Medizin, das muss man erstmal schaffen.

So sind es dann auch die alten Nummern, schwerpunktmäßig von „Love, Ire And Song“ und „Poetry Of The Deed“, die nochmal besonders tief gehen. „Photosynthesis“, „Long Live The Queen“ oder einer meiner Lieblingssongs für immer, „I Knew Prufrock Before He Got Famous“, dessen Text ich ewig auswendig mitsingen werde können, auch wenn ich in 30 Jahren auf seine Konzerte stolpere. „Yeah, well life is about love, last minutes and lost evenings/ About fire in our bellies and about furtive little feelings/ And the aching amplitudes that set our needles all a-flickering/ And they help us with remembering that the only thing that’s left to do is live.“ Kann es ein schöneres Mantra geben?

FrankTurner_Rockhouse2Grande Finale

Zur Zugabe haut er dann mit „The Ballad Of Me And My Friends“ noch den Super-Oldie für alle Fans der ersten Stunde raus und schnalzt uns das jedesmal wieder oberfetzige „Try This At Home“ vor den Latz. Bäm. Einfach ein genialer Kracher. Nach zwei Stunden euphorischer, verschwitzer Konzertparty verlangt das Schlusslicht „Four Simple Words“ unseren heiseren Kehlen und müden Tanzbeinen noch die letzten Reserven ab. Aber auch Turner selbst schenkt sich nix, haut sich beim Zugabenset sogar in die Menge und dreht eine Runde auf Publikumshänden. Ja, a bissl Rockstar muss und darf dann schon auch sein.

Hut ab auch einmal mehr vor der Leistung dieser Band. The Sleeping Souls sind für Turner eine Bank. Die hätte sicher manch anderer auch gern im Rücken, und sie waren an diesem Abend in Höchstform. Es war eine Show ohne Längen, bei der einfach alles gepasst hat. Salzburg war schwer motiviert und hatte sichtlich Spaß, auch wenn man in Sachen Textsicherheit hier und da noch ein Schippchen drauflegen kann. Aber erstens war’s seine erste Show in der Stadt und zweitens sind wir Irren ja auch wirklich kein Maßstab. Also nur minimalste Kritik auf hohem Niveau. Ansonsten ein Konzert wie Halbmarathon und  Frischzellenkur gleichzeitig. Selig aber auch ziemlich paniert hingen wir auf der Heimfahrt in unseren Sitzen. Nun gut, kein Fleiß, kein Preis, oder? Einer unterschreibt diese Maxime auf jeden Fall. Herr Turner himself.
Danke Frank, dass du tust, was du tust. Und danke, dass du jetzt endgültig das Langarmhemd für dich entdeckt hast. Du bist und bleibst einer von den Guten. Wir freuen uns jetzt schon wieder wie die Kleinkinder auf die nächste Show. We Still Believe!

Vorher kommen wir aber ziemlich sicher erstmal in den Genuss seines neuen Albums. „Positive Songs For Negative People“ soll diesen Sommer erscheinen. Am Montag soll die Welt wohl den Release-Termin und das ein oder andere Detail erfahren. Wir bringen euch selbstverständlich so zeitnah wie möglich auf Stand.
Bis es soweit ist, haben wir später auch noch ein Interview mit Mister Frank Turner für euch. Jawoll! Ursi hat ihn am Nachmittag vor der Show ein bisschen gelöchert und einiges zu berichten. Dieser Freitag ist Turner-Tag. Happy Weekend, ihr Lieben!

 

Fotos: www.rockhouse.at (Titelbild), Rest von the music minutes (Kerstin)