Die Königin ist zurück! Bei ihrem spektakulären Gig am 5. Juni in Zürich wurde deutlich, wie sehr Roisin Murphy gefehlt hat. Die irische Sängerin verwandelte das Zürcher Kaufleuten für zwei Stunden in ein schwitziges Disco-House-Cabaret. Zu hören gab es nicht nur die Songs ihres aktuellen Albums „Hairless Toys“, sondern auch den ein oder anderen Moloko-Klassiker.roisin2„We missed you so much!“ ruft ein Fan vor dem letzen Song verliebt durch den Raum. Roisin Murphy grinst verlegen. Die Disco-Queen genießt den Moment. Den großen Durchbruch hat die 41-Jährige nie geschafft. Ähnlich wie Pop-Ikonen wie Kylie Minogue oder Madonna experimentierte Roisin Murphy im Verlauf der letzten Jahrzehnte mit Sounds und Styles, verlor sich dabei aber nie aus den Augen oder biederte sich aus kommerziellen Gründen dem Zeitgeist an.

Unter ihrer Anhängerschaft genießt Roisin Murphy Kultstatus. Und so wurde sie vom Zürcher Publikum, größtenteils queer, im ausverkauften Kaufleuten während zwei Stunden wie eine Königin gefeiert – und die weiß genau, was ihre Fans wollen. Zum großen Finale singt Roisin Murphy „Unputdownable“, den besten Song ihres neuen Albums, „Hairless Toys“.

Eröffnet wurde die Show zwei Stunden zuvor mit „Evil Eyes“, das live recht elektronisch daherkam und dadurch etwas von seiner Quirligkeit verlor. Es folgten „Gone Fishing“ und „Dear Miami“, ein Song von der zweiten Solo-Platte der ehemaligen Moloko-Sängerin. Von „Overpowered“, mit dem Roisin Murphy vor acht Jahren zum globalen Popstar hätte avancieren sollen, wäre es nach ihrer Plattenfirma gegangen, spielte sie lediglich ein Stück. Als würde sie sich dem kommerziellen Druck und den Erwartungen bewusst verweigern.

Parli Italiano?

Auf Songs wie „You Know Me Better“ und „Let Me Know“ konnten wir gut verzichten. Denn Roisin Murphy schöpfte ihr umfangreiches Repertoire bestens aus. Neben weiteren Stücken vom aktuellen Album wie „House Of Glass“, „Exile“ und „Exploitation“ gab Roisin Murphy auch einige der zuletzt als Singles und EPs veröffentlichten Club-orientierten Tracks zum Besten. So spielte sie – unterstützt von einer grandios eingespielten vierköpfigen Band – einige Nummern ihrer italienischsprachigen EP „Mi senti“, darunter „In sintesi“ und „Mi credere“. Bei „Simulation“, einem groovy House-Stück von der gleichnamigen EP von 2012, schnurrte der Bass wie ein wohliger Kater und das Kaufleuten schwofte glückselig im Takt. Der elegante Club mit Stuckdecke bot übrigens den idealen Rahmen für die opulente Show.

FullSizeRender-16Zum Schluss packte Roisin Murphy dann noch ein paar Moloko-Klassiker aus: Der Funk-Stampfer „Pure Pleasure Seeker“ wurde in der Live-Version zu einem rockigen Rotz-Brett. Dazu fegte Roisin Murphy in einem zotteligen, schwarz-goldenen Kostüm, das Madonna höchstens zum Fasching tragen würde, wie ein wildgewordener Derwisch über die Bühne, schmiss sich zum grande Finale auf den Boden und strampelte auf dem Rücken liegend mit den Beinen.

Von ihrem Solo-Debüt „Ruby Blue“ gab es leider wenig zu hören. Immerhin wählte Roisin Murphy mit „Sow Into You“ einen der tanzbarsten Songs der Platte, ein mitreißender Elektro-Funk-Klopper, der live bestens funktioniert. Das Zürcher Publikum scherte sich nicht um die Affenhitze im Saal und gab noch einmal alles. Spätestens bei „Familiar Feeling“, dem Opener des letzten – und besten – Moloko-Albums „Statues“, gab es kein Halten mehr, bevor Roisin Murphy mit „Unputdownable“ einen würdigen Schlusspunkt setzte.

Fantasievolle Fummel

roisin3Unterbrochen wurden die einzelnen Stücke von kleinen, recht schrägen Einspielern, zusammengestückelt aus den Interludes des Moloko-Debüts, darunter „Dirty Monkey“ und „Do You Like My Tight Sweater?“. Optisch war wie immer einiges geboten. Drama-Queen Murphy warf sich nach fast jedem Song in einen neuen extravagenten Fummel. Eine Mischung aus Design-Anspruch und DIY-Trash. Für ein kurzes Intermezzo setzte sie sich sogar lediglich für wenige Minuten mit Kleid und einer Art Dildo-Einhorn auf der Stirn an den Bühnenrand und guckte traurig. Äh, ja. Gehörte wohl zum dramaturgischen Ablauf des Abends.

Fantasievolle, stets stilsichere Kostüme, die durch verspielte Gimmicks wie eine aus drei Puppenköpfen gefertigte Maske oder ein Mondgesicht abgerundet wurden, machten das ohnehin grandiose Konzert zu einem visuellen Spektakel.

Am Ende waren alle glücklich. Auch Roisin Murphy und ihre Jungs hatten sichtlich Spaß. Und wir, wir schwebten glücklich grinsend in die Zürcher Nacht – und orderten online die Tickets für die nächste Show. Denn: Sie kommen wieder! Am 10. November ist Roisin Murphy mit ihren Jungs erneut in Zürich zu Gast, dann im X-TRA. Zuvor werden wir uns aber noch am 9. Juli beim „Tollwood“ in München eine Runde Disco-Drama geben.

Fotos: Ursina Völlm / Völlm & Wathert (Tanka tuusig!)