Dies ist kein Musikfilm und auch kein Film über Musik. Dies ist einfach nur ein verdammt großartiger Film und nebenbei hat der geschätzte Nils Frahm den Soundtrack dazu geschrieben. So etwas wie Victoria sieht man nicht oft. Regisseur Sebastian Schipper nimmt uns mit auf einen wilden Ritt durch die Berliner Nacht und beim Abspann ist man so geschafft, als wär man selbst dabei gewesen. Kurzum, Victoria ist ein Meisterwerk, nicht nur des deutschen Kinos.

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Was für eine Idee, was für ein Projekt! Einen Film in einer Nacht, in Echtzeit, in einer einzigen 140 Minuten dauernden Kameraeinstellung drehen. Keine Schnitte, keine Tricks. Hätte auch gehörig ins Auge gehen können, ist es aber nicht. Im absoluten Gegenteil, lange hat mich kein Film mehr so umgehauen, wie dieser, schon gar kein deutscher.
Der Mann, der es mit diesen schier unmöglichen Rahmenbedingungen aufnehmen wollte, ist Schauspieler und Regisseur Sebastian Schipper. Bekannt für seinen Kult-Streifen „Absolute Giganten“, wählte er diesmal zwar statt Hamburg Berlin als Bühne, lässt aber wie schon in seinem wunderbaren Debut eine Runde Underdogs die Hauptrolle spielen.

Im Zentrum steht Victoria (Laia Costa). Die junge Spanierin ist seit drei Monaten in der Hauptstadt und auf der Suche nach Anschluss. Noch kennt sie praktisch niemanden, ziellos ist sie im Nachtleben unterwegs, als sie auf dem Heimweg die Bekanntschaft von Sonne (Frederick Lau), Boxer (Franz Rogowski), Blinker (Burak Yigit) und Fuß (Max Mauff) macht. Die vier „echten“ Berliner Jungs überreden sie, die Nacht noch ein bisschen zu verlängern und so gehts erstmal in den Späti zum Bierklau, verbotenerweise auf ein Hochhausdach, seines Zeichens der Abhängspot der kleinen Gang, und danach vermeintlich zum Abschluss in das Café, in dem Victoria in Kürze ihre Frühschicht antreten muss. Aber dann kommt alles anders.
Was als perfekter Schlüssellochblick einer x-beliebigen Partynacht mit spontanen Bekanntschaften beginnt, schlägt um in einen ausgewachsenen Thriller. Boxer steht nach einem Gefängnisaufenthalt in der Schuld seines kriminellen Schutzpatrons und da ist noch eine Rechnung offen, die in dieser Nacht beglichen werden soll. Was dann folgt, ist eine Tour de Force, bei der irgendwann klar wird, dass es am Ende Verlierer geben wird.

Schipper hat mit seinen Darstellern drei Monate geprobt. Die Dialoge wurden grob in einem 12-seitigen Skript festgehalten aber in den drei absolvierten, gefilmten Durchläufen weitestgehend improvisiert. Der erste war ihm wohl zu perfekt, der dritte und letzte ist der, den wir jetzt im Kino sehen.

Die Darsteller sind eine Schau, allen voran der 25jährige Frederick Lau als Sonne und Laia Costa als Titelfigur Victoria. Was zwischen diesen beiden auf der Leinwand passiert, ist magisch. Der Rest des Cast steht dem aber in nichts nach und dazu zähle ich neben den Schauspielern auch eine weitere Hauptrolle – die Berliner Nacht. Wenn neben Visionär Schipper noch einer einen Preisregen verdient hat, dann ist es Kameramann Sturla Brandth Grøvlen. Mit welch begrenzten Mitteln dieser die erst dunkle, dann dämmernde Hauptstadt in Szene setzt und es dazu noch schafft selbst Feinheiten des meist spontanen Spiels der Protagonisten einzufangen, ist atemberaubend.

Dabei hatte der Norweger den Knochenjob vom Dienst. 140 Minuten musste er den Schauspielern mit der Kamera am Körper auf den Fersen bleiben. Club, Straße, Späti, Aufzug, Hausdach, Straße, Cafe, Auto, Tiefgarage, spazieren, Rad fahren, rennen, im Auto heizen. Irrsinnig. Am Ende ist es also wohl nicht nur ein Ensemble-Film sondern ein Team-Film. So einen Gewaltmarsch kriegt man nur hin, wenn jeder, ob Regisseur, Cast oder Crew an den Wahnsinn glaubt und bedingungslos funktioniert.

victoria_quadratEine Geschichte dann noch so zu erzählen wie hier, das ist ganz große Kunst. Man fühlt zu jeder Zeit, was in den Charakteren vorgeht. Victorias anfängliche Verlorenheit, ihre Sehnsucht nach Freundschaft, nach Nähe, nach aufgenommen werden und gemeinsam erleben, man spürt, wie sie über ihren Schatten springen muss, Mut fasst um sich Sonne und seinen Kumpels anzuschließen, wie sie sich den kurzen Glücksmomenten hingibt, diesen flüchtigen Gefühlen von Euphorie und Unbesiegbarkeit, wie sie nur manch irre, trunkene und kopflose Partynacht hervorbringt. Man spürt wie Sonne fasziniert ist von diesem fremden Mädchen, wie sie ihm gefällt und er gleichermaßen gefallen will, wie er ihr seine Welt zeigen will und irgendwann realisiert, dass es daraus kein Zurück mehr gibt, wie er hin und her gerissen ist zwischen beschützen wollen und vor Verzweiflung aufgeben, wie alles im Chaos unterzugehen droht.

Victoria ist eine emotionale Achterbahnfahrt. Mal leise, intim und berührend, dann wieder laut, intensiv und absolut bombastisch. Mal verzücktes Lächeln auf den Lippen, mal Kloss im Hals, mal Schläge in die Magengrube.
Diese Geschichte nimmt einen wirklich mit, irgendwann bemerkt man erste Erschöpungserscheinungen aber man steckt genau wie Victoria, Sonne und Co im Film so tief drinnen, dass man sich dem allen nicht mehr entziehen kann. Man muss da durch bis zum bitteren Ende. Und manchmal tut es weh. Beim Abspann war ich so fertig, dass ich am liebsten hemmungslos geheult hätte.

Dazu hat auch Nils Frahm seinen guten Teil beigetragen. Der Hamburger Wahlberliner, Klaviergenie, Multiinstrumentalist und Komponist hat den Soundtrack geliefert. Es ist sein erstes Projekt für einen Film und es passt wie die Faust aufs Auge. Bis auf die hektischen Club-Sequenzen, die mit Tracks von DJ Koze unterlegt wurden, gibt Frahm dem Geschehen mit seiner Musik einen feinen Puls. Die Musik fühlt sich so real an, wie der Rest des Films. Die Songs entwickeln sich langsam, es knarzt und rauscht hier und da, gewollte Atmo-Geräusche. Die Tracks unterstreichen mit passgenauem Understatement haarfein die Szenen. Aber es ist das Titellied „Them“, das auch im Abspann läuft, das für mich das musikalische Herz des Films ist. Wenn ich das heute höre, läuft alles nochmal im Schnellvorlauf ab in meinem Kopf, und da ist sie wieder, diese Gefühlsmischung aus Euphorie und Traurigkeit. Wahnsinn, Hut ab, Herr Frahm.
Unweigerlich kommt einem ein unsterbliches Zitat aus Schippers wunderbarem Debüt „Absolute Giganten“ in den Sinn. „Weisst du was ich manchmal denke? Es müsste immer Musik da sein. Bei allem was du machst. Und wenns so richtig scheisse ist, dann ist wenigstens noch die Musik da. Und an der Stelle wo, wo es am allerschönsten ist, da müsste die Platte springen und du hörst immer nur diesen einen Moment.“ (hier zum Anschauen)

Der komplette Victoria Soundtrack

Es ist beileibe nicht so, dass es keine ordentlichen Filme mehr gibt, aber die Unmittelbarkeit und Intensität dieser gut zweieinhalb Stunden sind einfach Mal etwas völlig anderes. Da werden Regeln gebrochen und Knöpfe gedrückt, die nicht viele andere finden. Dieser Film erwischt einen kalt, und das meine ich im allerbesten Sinne.

Kein Wunder, dass auch Hollywood – zumindest gerüchtehalber – schon in heller Aufruhr ist. Quentin Tarantino ist wohl begeistert, Jennifer Lawrence hätte sich um ein privates Screening bemüht. Na hoffentlich kommt keiner auf die Idee, das in L.A. hochglanzmäßig mit Hollywood-Jung-Promis zu verfilmen. Ja, die harten Akzente sind für den Ami-Markt sicher eine Herausforderung (die Dialoge sind zum Großteil auf englisch, da Victoria kein deutsch spricht), aber reißt euch doch bitte in dem Fall einfach Mal zusammen und kommt mit diesem absolut grandiosen Original klar!

Und euch allen lege ich hiermit eindringlichst ans Herz, geht in diesen Film, wenn ihr nur irgendwie könnt! Er ist gewaltig. Punkt.

 

„Victoria“ von Sebastian Schipper läuft seit Donnerstag, 11. Juni in den deutschen Kinos.

Fotos: www.facebook.com/VictoriaDerFilm