Die beschauliche Heimat von zwei Dritteln unseres Projekts hier bekommt ein eigenes Indie-Festival? Potzblitz! Wir sind erfreut und sagen: Sauber! Was musikalisch abgeht bei Wöhrsee Songs am ersten Juli-Wochenende im malerischen, deutsch-österreichischen Grenzgebiet, dem Ursi und ich so verbunden sind, und was man im schönen Burghausen drumherum noch so anstellen kann? Wir verratens euch gern.

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Natürlich hat Burghausen bereits ein Festival, die weltbekannte Jazzwoche, die dezentral einmal jährlich in quasi allen verfügbaren Lokalen, Clubs und Veranstaltungshallen der Stadt ausgetragen wird und schon Legenden von B. B. King und Dizzie Gillespie über Chick Corea und Nina Simone bis neue Wilde wie Trombone Shorty nach Bayern gelockt hat.
Und natürlich komme ich an der Stelle auch nicht umhin das legendäre Thema „Protone Festival“ zu erwähnen. Ein Eintages-Indoor Festival, das Ende der 90er/ Anfang der 2000er 3 Jahre in Folge stattgefunden hat, im letzten Jahr sogar begleitet von einer sehr erfolgreichen Club Serie. Meine Güte, waren das Zeiten! Damit habe ich damals, zusammen mit zwei Handvoll weiterer Wahnsinniger meine sämtliche Freizeit zugebracht, beseelt von dem Gefühl einen unschätzbaren Beitrag zur lokalen Jugendkultur zu leisten. So wars tasächlich auch und dass wir trotz beachtlichen Erfolgs allesamt hochmotiviert unsere persönliche Urlaubskasse versenkt haben, scheiß drauf! Jugendlicher Idealismus rules! Wir Vögel vom MusikStadtBügeln e.V. (was für ein Name eigentlich?!) haben also durchaus unseren Platz in der Festivalhistorie dieser kulturell schwergewichtigen Stadt.

Aber ich schweife ab. Ein echtes Outdoor Festival, zwei Tage, eine Bühne, viele Bands, das gabs bisher nicht so wirklich. In herrlicher Atmosphäre, am malerisch-gemütlichen Wöhrsee, wo wir uns früher die Sommernachmittage um die Ohren gehauen und uns beim Beachvolleyball blamiert haben, wird die Bühne stehen.
AmiWarning_4_konradfersterer_blankomusikDas Programm ist heimatverbunden, ausschließlich bayerische und österreichische Bands bestreiten das Line-Up. Gute und absolut stimmige Idee. Eine coole Mischung ist es aber trotzdem geworden. Ein pures Festival, ohne viel Chichi, es soll ums Wesentliche gehen. Die Musik, die Leute, die Stimmung. Mal wirds akustisch reduziert, mal mit mehr Wumms dargeboten, aber Unplugged ist wohl die Devise. Alles in allem klingt das doch recht flauschig!

Ami Warning (Foto), erst 18 Jahre alt, ist ein erstaunliches Singer-/Songwriter-Talent und tritt zusammen mit ihrem musikalisch recht umtriebigen Vater Wally als Ami Warning Duo auf. Ihre Wurzeln hat das Stimmwunder in Aruba, ihre Heimat ist München und ihr Herz gehört Folk, Soul und Reggae, die sie zu einer wilden und warmen Mischung verschmilzt, die Ohr und Seele gleichermaßen schmeichelt. Ein bisschen Tracy Chapman 2.0 vielleicht. Des BRs Jugendsparte puls hat sie schon für sich entdeckt, als nächstes sind die Burghauser dran.

pressefoto_1_(c)RonnieNiedermeyer_grGanz klar, die nicht nur durch die geografische Nähe immer stärker rüberschwappende „Neue Österreichische Welle“ bahnt sich ihren Weg auch zum stillen Gewässer Wöhrsee. Zwischen den Ramones und Wolfgang Ambros möchte sich der Liedermacher und FM4-Liebling Der Nino aus Wien nicht entscheiden. Beim „Wöhrsee Songs“ hat er seinen 20 Jahre älteren Kumpan Ernst Molden im Gepäck, mit dem er sein letztes, bereits sechstes Album „Unser Österreich“ aufgenommen hat. Man sieht sich aber nicht als Teil des eingangs kurz angerissenen Hypes um hipsterig zeitgeistige Ösi-Mukke. Schließlich macht der Nino nun auch schon seit 2008 ernstzunehmende zeitgemäße Musik in Mundart, jenseits von zweifelhaft volkstümelnden Eskapaden eines Andreas Gabalier.

Dem Nino seine Label-Kollegen, Das Trojanische Pferd, kommen auch gleich noch mit. Auf gehts in die inhaltlich anspruchsvolle Indie-Disko mit Hitmelodien für eine bessere Welt und famosen Textzeilen wie „Ich schlag der Zeit den Schädel ein – willst du vielleicht mein Mädel sein?“. Na sicherlich!

Balloon_Pilot_flying-600x400Dazu gibts die Münchner Folk-Kombo The Moonband, die letzten Monat erst die Milla aufgemischt haben und die ebenfalls aus München stammenden Balloon Pilot (Foto). Die 5köpfige Kombo um die musizierenden Gebrüder Tobi und Andi Haberl (seines Zeichens auch Drummer der hochverehrten The Notwist) können groovig, poppig, punkig und indierockig, beschwingt und bedächtig, leiser und lauter. Die Einflüsse der Band sind ebenso vielfältig, von den Beatles über Simon & Garfunkel, Bob Marley und Elliott Smith hin zu Postrock und Jazz. Tolles Songwriting, tolle Musiker, eine gute Show. Die sollte man nicht verpassen.

Komplettiert wird das Programm mit dem bayerischen Singer-/Songwriter Mathias Kellner und Dreiviertelblut. Von der Nockherberg-Band um Bananafishbone Sebastian Horn und Musiker und Komponist Gerd Baumann – der Lieblings-Soundtrackmann von „Wer früher stirbt ist länger tot“-Regisseur Marcus Rosenmüller – gibt’s aufs Charismatischste Walzer und Zwiefache serviert und das vielleicht sogar im Sitzen, wie schon beim 2014er Heimatsound-Festival.

Das Line-Up verteilt sich wie folgt auf die beiden Tage:

Freitag,  3. Juli
Das Trojanische Pferd, Mathias Kellner, Dreiviertelblut
Samstag, 4. Juli
Ami Warning Duo, Balloon Pilot, The Moonband, Ernst Molden & Der Nino aus Wien

Es gibt noch Tages-Tickets ab 23,20 € oder Kombitickets für beide Tage ab 34,20 € z.B. hier bei Inn-Salzach Ticket.

Und einen feschen Trailer für den Spaß gibts obendrein. Schaut’s her!

Und wenn ihr schonmal da seid, im wunderschönen Burghausen, vielleicht braucht ihr ja noch Ideen für das ein oder andere kulturelle Rahmenprogramm oder vertrauensvolle Tipps, wo man es sich rund um den Wörsee in der Altstadt gut gehen lassen kann.

Auf jeden Fall sollte man…

… sich ein Bier oder auch vier bei unseren gastronomischen Schutzheiligen Peter und Gitti im Piffer (offiziell: Burgkeller-Bar) genehmigen. Diese Kneipe ist eine Institution. In dieser Kneipe wurden wir sozialisiert. Ich stöhne heute als eine der wenigen in meinem Freundeskreis nicht auf, wenn statt Augustiner und Co mal Löwenbräu ausm Zapfhahn kommt.

wöhrsee_marlene… einmal die über 1km lange und immer wieder ziemlich beeindruckende Burg ablaufen. Ist nicht halb so angestaubt wie es klingt, man kann Napoleon spielen oder ein bisschen rumfoltern und dazu hat man einen spektakulären Blick auf den Wöhrsee und damit das Festivalgelände. Kommt schon, ihr braucht es doch, das bisschen Game Of Thrones Feeling! (Ich steh auch sicher nicht im ersten Burghof und trage mein Referat aus der 8. Klasse vor.)

… durch die Grüben und über die güldenen Ruhmestafeln unzähliger Jazz-Legenden flanieren. Genug Einkehrmöglichkeiten gibts auf dem Stückchen auch.

… zum Beispiel das kürzlich generalüberholte Café am Bichl besuchen, mit einer formidablen Bierauswahl (Schönramer, Tegernseer, Unser Burghauser, Berger usw.) und Burgern, die sich vorm großstädtischen Pflanzerl-Hype auf keinen Fall verstecken müssen.

… wenns der harte Stoff sein soll, ins Brennstüberl Geistreich abbiegen. Da werden live und direkt über 100 verschiedene Brände, Liköre und andere gefährliche Feuerwasser gebrannt und eine Gratisprobe ist eigentlich immer drin.

… dort wieder irgenwann herausstolpern, denn dann ist man hergerichtet fürs Knoxoleum. Hier wäre Alice wohl gelandet, wäre sie in einen Kaninchenbau im Burghauser Umland gekrochen. Sehr skurril das alles. Stets zwischen der Frage „Ist das Kunst oder kann das weg?“ und „Bin ich immer noch im gleichen Laden?“ lässt sich in mittelmäßig psychedelischer Atmosphäre durchaus unterhaltsam das ein oder andere Getränk einnehmen.

Weitere wertvolle Tipps und vogelwilde Vorschläge von Burghausern an solche, die es demnächst besuchen wollen, immer gern in den Kommentaren kundtun! Ich bin ja jetzt seit über 15 Jahren kein top-informierter Local mehr.

All denen, die die Premiere von „Wöhrsee Songs“ in zwei Wochen besuchen, wünschen wir eine gute Zeit und schicken herzliche Grüße mit, in die schöne alte Heimat!

 

Künstlerfotos: Konrad Fersterer/ blankomusik, Ronnie Niedermeyer, PR, Wöhrsee-Songs-Artwork: geklaut beim BR, Wöhrsee Foto: Marlene Lindhuber