Leon Bridges macht Soul. Ist nichts Besonderes? Pustekuchen! Der 25-jährige war echt Tellerwäscher und jetzt ist er auf dem Weg zum Star mit seinem authentischen Fifties-Soul-Debüt „Coming Home“. Eine Platte, die perfekt in den Sommer passt.

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Anfang des Jahres hatten wir es schon einmal von Leon Bridges. Da gab es nur sehr dürftige Informationen zu ihm. Nur, dass er verdammt guten Soul macht, das stand fest. Warm und wohlig, unaufdringlich und zeitlos – schön und perfekt zum Mitwackeln. Bridges macht nicht Soul wie ihn Amy Winehouse wieder aufleben ließ, sondern so richtigen Soul – keine Spur Retro. Soul, der einen im Geist an die Anfänge des Genres transportiert. Soul, der nach den USA klingt, nach Zeiten um und vor dem Civil Rights Act von 1964, nach Hitze, nach Südstaaten – unpoliert und roh oder eben einfach: ganz zauberhaft.

Leon Bridges‘ Stimme hat mächtigen Wiedererkennenungswert. Wieso? Weil es in der Unterhaltungsmusik kaum noch Musiker gibt, die das Stimmvolumen eines Tenors so ausfüllen. Percy Sledge, Otis Redding und Sam Cooke sind die Vorbilder des jungen Texaners aus Forth Worth. Das Brass-Set spielt akzentuiert, die Drums halten sich dezent im Hintergrund, der Backing Chor wird nur dort eingesetzt, wo es ihn wirklich braucht. Sein Debüt „Coming Home“ klingt insgesamt so, als hätte man es grad aus dem elterlichen verstaubten hinteren Regal des Plattenschranks gezogen.

Die bisherigen Auskopplungen „Coming Home“, „Better Man“ und „Lisa Saywer“ waren nur der erste Vorgeschmack auf dieses rundum gelungene Debüt. 50 Plattenlabels schlugen sich um die Unterschrift von Leon Bridges auf einem Vertrag ihres jeweiligen Hauses. Kein Wunder, wenn ihr mich fragt. Beim diesjährigen SXSW musste die St. David’s Episcopal Church wegen Überfüllung geschlossen werden und Hunderte Besucher schauten nur auf die Kirchentüren. Anscheinend war er wirklich der Act, den entweder alle wegen Überfüllung der jeweiligen Venue verpasst oder über den alle gesprochen haben.

„Coming Home“ klingt aber nicht nur wie aus den späten Fünfzigern, frühen Sechzigern, manche Themen werden auch so galant angeschnitten wie es heute großteils nicht mehr üblich ist: Mädels bezeichnet er in „Brown Skin Girl“ als „Cutie Pie“, in „Better Man“ will er durch den Mississippi schwimmen, um besagtes Girl zu beeindrucken. (In echt war das „Brown Skin Girl“ seine Freundin, die indische Wurzeln hat. Die Hautfarbe ist ihm aber prinzipiell wurscht, so Bridges.) Sind wir ehrlich, das Mädel ist heute im gängigen Sprachgebrauch bestenfalls „Shorty“ und Mutproben für Mädels beschränken sich auf peinliche Tanzeinlagen, Schlägereien oder Autowippen. Schön, wenn man das Gefühl hat, dass es eben auch doch noch anders geht. Irgendwie netter. Er singt, als ob er einem Freund erzählen würde: von der Liebe, vom Verlieren dergleichen und noch dazu von Mutterliebe. Ich sag doch: nett!

Die ganze Platte ist höflich. Da fallen keine Four-Letter-Words, nichts. Es klingt so schön nach Sommer und nach der lang ersehnten Hitze. Schon klar, man muss dem den USA typischen Sound der Prä-Beatles-Ära was anfangen können, man muss sich ein bisschen auf Jazz, Blues und auch Gospel einlassen. Wenn man das allerdings tut, dann ist „Coming Home“ von Leon Bridges das Debüt, auf das man gewartet hat. Der ausgebildete Tänzer bietet mit seinem Old-School-Style bei Musik und Kleidung einen schönen Gegensatz zu allem anderen, was grad so draußen unterwegs ist. Noch dazu nahm er seine Platte analog auf; ganz einfach, weil ihm nie in den Sinn kam, dass man das auch anders handhaben könnte. Er dachte einfach nicht daran, dass man den Fünfziger-Soul auch künstlich, digital erstellen könnte.

Leon Bridges ist dankbar. Das hört man und er erklärte es dem Bilboard Magazin so: „It’s insane, man. I was washing dishes at a restaurant and playing music on the side a year ago. I always wanted the world to hear my music, but I didn’t know how I was gonna go about it.“ Glücklicherweise ist das jetzt möglich. Falls ihr es noch nicht gemerkt habt: Ich bin großer Fan dieses Albums! Also, für gute Laune ist Reinhören ist Pflicht!

Und bitteschön, der Texaner kommt auf Tour. Wer Lust auf einen Good-Vibes-Abend mit einem exzellenten, dankbaren und zurückhaltendem Musiker hat, ist hier richtig:

art_leonbridges30.06. Köln, Stadtgarten
01.07. Hamburg, Knust
09.09. Frankfurt, Gibson
14.09. Berlin, Kesselhaus
15.09. München, Technikum

Fotos: Rambo