Unterhaltsame E-Musik: Zum dritten Mal zeigte Chilly Gonzales in der Münchner Philharmonie, dass Klavier und Geigen durchaus mit Hip-Hop und Humor kompatibel sind. Der Kanadier präsentierte die Songs seines aktuellen Albums „Chambers“ mit dem grandiosen Hamburger Kaiser Quartett und einem Drummer live. Kerstin und Renzo ließen sich dieses Spekatkel nicht entgehen und waren zum dritten respektive zweiten Mal bei „Gonzo“ am Start.

chilly

Renzo
Ich hole mal ein ganz kleines bisschen aus: Mein Opa war einer der ersten Menschen, der mich mit klassischer Musik in Berührung brachte. Wenn er Klavier spielte, tauchte er in eine andere Welt ein – und nahm mich mit. Gerne hätte ich meinen „Neni“ zu einem Chilly-Gonzales-Konzert mitgenommen. Er hätte nicht nur die Musik, sondern auch den Humor des durchgeknallten Multitalents zu schätzen gewusst.

He’s feelin‘ it! Die erste Geige des Kaiser Quartetts, gespielt von Adam Zolynski, gibt alles. Er verrenkt sich, beugt sich nach hinten, nach vorne und bearbeitet seine Violine, als gäbe es kein Morgen. Damit ist er nicht allein. Der Star des Abends, ein Mann mit Wuschelfrisur in Morgenmantel und Pantoffeln, drischt derweil auf seinen Flügel ein. It’s Chilly, bitch!

Chilly Gonzales, vor über 15 Jahren nach Deutschland gekommen, damals noch mit Gender-Provokateurin Peaches im Underground unterwegs, und hier mal mehr, mal weniger sesshaft geworden, macht mal wieder in München Station. Zum dritten Mal innerhalb weniger Jahre bringt der Musiker und Produzent, der u.a. bereits mit Daft Punk, Feist und Rapper Drake arbeitete, im Gasteig, dem Epizentrum der Münchner Hochkultur, Klassik- und Pop-Fans zusammen. Herren älteren Semesters schütteln in der ersten Reihe ihre ergrauten, etwas dünner gewordenen Mähnen, Hipster schnippen mit den Fingern. Und alle grinsen.

Piano-Virtuose Chilly Gonzales spielt sich quer durch sein umfangreiches Repertoire. Zu hören gibt es u.a. Stücke aus den Alben „Solo Piano“ und „Ivory Tower“ (2010)  sowie aus dem letzten Studioalbum „Chambers“ (2015). Darauf verbindet der 43-Jährige Kammermusik mit einer nonchalanten Rap-Attitüde. Bei Chilly Gonzales werden Streichinstrumente zur Rhythmus-Sektion. Klassik meets Hip-Hop.

Das alles kommt teilweise recht cheesy daher, die Stücke sind eingängig, poppig. Das klingt dann durchaus mal wie Rondo Veneziano – nur in grandios. Genau das zeichnet Chilly Gonzales aus: Er nimmt klassischer Musik, E-Musik, ihren vermeintlichen Ernst, veräppelt Größen wie Richard Wagner. Am Ende eines Songs wird gerne mal ein trotziges „Bitch“ angefügt. Und der Bass, der „Bottom“, wird mit Nicki Minajs Hinterteil verglichen.

Chilly Gonzales ist nicht nur ein musikalisches Genie – selbsternannt! –, sondern auch ein durchaus begabter Musikpädagoge. Behutsam führt er in Sachen Klassik unbewanderte Popfans in die Welt von Violine, Bratsche und Cello ein. Wäre er Neil Young, so Chilly Gonzales, wäre das Kaiser Quartett – neben Adam Zolynski bestehend aus Jansen Folkers (Zweite Geige), Ingmar Süberkrüb (Viola) und Martin Bentz (Cello) – sein Crazy Horse. Der Drummer ist dagegen lediglich ein Musiker, der zu doof ist, sonst kein Instrument beherrscht und deshalb einfach auf etwas eindreschen muss.

Doch nicht mal der britische Lockenkopf hinter dem Schlagzeug kann ihm lange böse sein. Chilly Gonzales verfügt über einen schrägen Charme und jede Menge Humor. So verwechselt „Gonzo“ etwa die Beatles mit den Stones und lässt sich im Verlauf des zweistündigen Abends über das deutsche Wort „schunkeln“ aus.

Vor allem ältere Songs wie die Rap-Version von „Never Stop“ oder „Take Me To Broadway“ begeistern das Münchner Publikum, aber auch das neue Material wie „Advantage Points“ sorgen für dezente Kopfnicker-Action im Philharmonie-Pit. Bei „Knight Moves“ gibt’s dann noch ein wenig Gänsehaut. Hier wird deutlich, was für ein talentierter Musiker Chilly Gonzales ist: Das auf Platte elektronische Stück wird live mit Streichquartett und dezenten Drums zu einem mitreißenden, berührenden Stück moderner Klassik mit Pop-Appeal. Zur Zugabe schunkelt der ganze Gasteig grinsend im Takt. Und mein Opa, der grinst und schunkelt glücklich mit.

Kerstin
Meine erste Berührung mit Klassik kam nicht über meinen Opa, sondern beim jahrelangen Ballettunterricht. Plié, Relevé, Tendue, Frappé und dazu mal heitere, mal bedrückende Klavierklänge. Schnell verlagerte sich aber mein Interesse zum modernen Tanz, der zwar die klassische Basis nutzt, das Ganze aber neu und zeitgemäß interpretiert – freier, mutiger. Geht nicht, gibt’s nicht im Modern Dance, aber die alte Schule scheint immer durch. Vielleicht ist es genau deswegen die für mich fesselndste Disziplin im Tanz-Kosmos.

Im Grunde ist es bei Chilly Gonzales genauso. Dieser Mann und seine Musik übten schnell eine ähnliche Faszination auf mich aus. Ein klassisch trainierter, virtuoser Pianist und wandelndes Musiklexikon pfeift auf Regeln und Konventionen und schöpft mit seinem Können, seiner Kreativität und einer angenehmen Portion Wahnsinn die ganze Bandbreite beider Übergenres aus und schafft etwas mehr oder weniger Einzigartiges. Ein E-U-Musik-Mash-Up, der genauso aufs politische Gipfeltreffen passt, wie in den Club. (Apropos Gipfeltreffen: Wir wissen jetzt, dass auf Schloss Elmau ein Geist in Mäusegestalt sein Unwesen treibt. Die fiese Elmaus.)

chilly2So saß ich gestern nach zwei Gasteig-Shows 2013 wieder in der Philharmonie und freute mich auf den unvergleichlichen Piano-Weirdo.
Auch beim dritten Mal innerhalb recht kurzer Zeit sind keinerlei Abnutzungserscheinungen zu vermelden. Im Gegenteil. Chilly und sein Kaiser Quartett sind gut drauf und liefern eine extrem beeindruckende 2-stündige Performance. In Aufmachung und Gangart leicht anders als die letzten beiden Auftritte, der entertainige Moderationspart etwas zurückgeschraubt, aber im Gesamten perfekt dosiert, dafür keine Kompromisse bei den Stücken.

„We’ve come a long way, since we’ve been here the last time.“ bemerkt „Gonzo“ nach seinem Solo-Auftakt, bevor er seine „Band“, das einmal mehr großartig aufspielende Kaiser Quartett und seinen britischen Drummer (Jon Snow lebt!) ankündigt und er hat Recht. Das ein oder andere neue und vor allem auch alte Stück kommt in einer abermals überarbeiteten Inszenierung mit atemberaubender Wucht daher. Bei „Knight Moves“, da sind Renzo und ich uns einig, da hat man gegen Ende kurz die Luft angehalten, da hat sich jedes Haar am Körper aufgestellt. Völlig zurecht wurde es, unter anderen Stücken, mit anhaltenden Jubelstürmen vom Publikum gefeiert. Was da gestern an bombastisch klingenden Arrangements aufgefahren wurde, das kann an der Live-Erlebnis-Front problemlos mit Krachern von Muse und Co. mithalten.

Generell lag der Fokus diesmal mehr darauf, möglichst viel Material zu präsentieren. Es gab keine Impro, keine Spontan-Kompositionen, keine Live-Klavierstunde. Das war gut so, denn erstens kannte man das bereits und zweitens fand er trotzdem hier und da Raum um wieder eine Mini-Lektion in Sachen Musikwissenschaft rauszuhauen, die man auch als musikalisch Minimaltalentierter versteht. Ich warte ab sofort nur auf den Moment, in dem ich irgendwem völlig zusammenhangslos ein verwegenes „Deceptive Cadence, Motherfucker!“ vor den Latz knallen kann.

chilly_buttonBeim Verlassen der Philharmonie fallen dann ein paar zur Mitnahme ausliegende Devotionalien auf. Absurd große Buttons mit dem Konterfei des Meisters verziert. Erster Gedanke: „Ja, kann man schon machen als Musical Genius.“ Humor hat er schließlich reichlich und selbstironisch kann er sowieso. Tatsächlich wurden bei der Bestellung aber ganz einfach Zentimeter und Inches verwechselt.
Vielleicht wirds ja ein Sammlerstück. Sollte jemand von euch also verzweifelt einen dieser skurillen Orden sein Eigen nennen wollen, kann er sich den bei mir abholen (Auch Brief mit frankiertem Rückcouvert ist natürlich eine Option. Einfach Kommentar hinterlassen.)

Wir können euch Chilly Gonzales und seine Kunst nur wärmstens ans Herz legen. Seine neue Platte „Chambers“ ist wieder ganz wunderbar geraten. Wenn ihr die Gelegeheit habt, den Bademantel-und-Puschen-Fan und bekennenden Moll-Fetischist live am Flügel zu erleben, tut es. Musikalisch, pädagogisch und an der Entertainmentfront mehr als wertvoll.

 

FotoAlexandre Isard, the music minutes (Kerstin)