Es steigt ein neuer Stern am Folk-Americana-Firmament auf: Christopher Paul Stelling aus Florida. Seine Stärken sind nicht das Mitschwimmen im gerade abebbenden Folk-Pop-Strom, sondern gezupfte Akustikgitarre und schlaue Texte. Gibt’s nicht so oft! Zu hören auf seinem dritten Album „Labor Against Waste“.

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Manch einer von uns hat sich kürzlich die Netflix-Serie „Bloodline“ über die Famliliendynastie der Rayburns im südlichen Florida angeschaut und quasi synchron mit den letzten Folgen nach Hotels auf den Miami Keys gegoogelt. So sieht in unseren Augen Florida vordergründig aus: Renterparadies, Sunshine State, Palmen im Wind, pastell. Christopher Paul Stelling, geboren in Daytona Beach, sagt über seinen Heimatstaat: „It’s a strange place to grow up. It’s a beach when you’re at a beach, but it’s a swamp when you’re everywhere else.“ Vielleicht begleitet deshalb einen Teil seiner Folk-Songs ein ordentliches Quantum Melancholie.

Diese Schwermut ist mindestens so dominant in Stellings Songs auf „Labor Against Waste“ wie sein außerordentliches Gitarrenspiel: Er schrammelt nicht, er zupft – und zwar immer. Hört man jetzt ja auch nicht alle Tage. Stelling hat das nicht von irgendwoher, sondern nach eigener Aussage spielte er in den letzten drei Jahren 400 Shows – einige vor vollen Sälen, andere vor ein paar Hanseln. Nirgendwo fühlte sich der 33-jährige zuhause: Von Daytona Beach zog es ihn in den verregneten Nordwesten der USA nach Seattle, ins sonnige Heartland nach Colorado und in den reichen Nordosten nach Boston. Wo blieb er hängen? – Ganz klar, in New York. Wenn er nicht in Second Hand-Buchläden gearbeitet hat, spielte er manchmal zehn Stunden am Tag Gitarre. Aha, daher also der exklusive Finger-Picking-Stil! Was trieb ihn denn zu seiner American Odyssee an? „Every six months I would just pick up and leave because I didn’t want people to get to know me“. Oder anders ausgedrückt: Sunshine State of mind my ass.

Offensichtlich hat es seiner musikalischen Ausbildung nicht geschadet. Begleitet von gediegenen Drums und einer Fiedel, hat er für „Labor Against Waste“ zehn Songs eingespielt. Beim ersten Song „Warm Enemy“ hatte er mich:

Und Texte schreiben kann er: „Ain’t no sweetness in revenge“ skandiert er da in „Revenge“, während er in „Warm Enemy“ einen Koffer voller Eier packt. Stelling singt vom Reisen und von den universellen Dingen und Fragen des Lebens. Seine Stimme erinnert mich manchmal an Ben Howard oder Ray LaMontagne, sein ganzer Stil sucht aber heutzutage wirklich seinesgleichen. Kaum ein Mensch macht sich doch noch die Mühe, so Gitarre zu spielen und gleichzeitig dazu zu singen! Okay, da gab es schon welche – Christopher Paul Stellings Vorbilder: die Blues-Gitarristen Skip James und Mississippi John Hurt, Dock Boggs und Roscoe Holcomb am Banjo. Americana halt, ohne jeglichen zeitgenössichen Schnick-Schnack, ab und zu eher mit Ansätzen von klassischer Gitarre.

Die traurigen, langsamen und die schnelleren Nummern halten sich auf „Labor Against Waste“ die Waage. Witzigster Song ist sicher „Horse“, da klingt Stelling als würde er im nächsten Moment auf einem Gaul in die Prärie davon galoppieren. Er singt was von Jesus, Vergeben, dem Fluss, der ihn von Sünden reinwaschen soll und allerlei anderem, was wohl dem amerikanischen Heartland oder eben auch dem eigenartig strenggläubigen Florida so eigen ist – aber er meint es nicht ernst. Melodramatisch an der Mandoline wird es auf „Dear Beast“, versöhnlich auf „Burial Shroud“, auf dem er von einer Frau im Gesangsteil begleitet wird und einen schlicht und ergreifend schönen Abschluss findet „Labor Against Waste“ in „Too Far North“.

Christopher Paul Stelling macht Folk-Musik; aber er leiht gleichermaßen auch beim Blues aus und orientiert sich bei den alten Songs aus den frühen Siebzigern von Van Morrison und The Band. Geschichten kann er in seinen Songs erzählen wie Tom Waits – immer vom Tod, vom Teufel, der Läuterung und allem, was da noch  dazugehört, von der Freiheit und der immer währenden großen Suche nach dem Sinn des Lebens. Abkupfern ist aber nicht Stellings Intention: Seine dritte Platte ist in sich so geschlossen, dass man zwar sieht, wer ihn inspirierte, aber auch Stellings ganz eigene Art erkennen kann.

Christopher Paul Stelling kommt auf Tour und ich hoffe, dass er hier nicht vor leeren Hallen, sondern vollen Hütten spielen kann. Noisey bemerkte zu den US-Shows des Gitarreros: „People cried. No one spoke. It felt like being in a church without any guilt.“ Ich bin dafür!

Wer den Herrn aus dem Video bei uns in Aktion erleben will, findet sich bitte hier ein:

26.06.2015: Duisburg – Grammatikoff
28.06.2015: Witten – Knuts
29.06.2015: Köln – Stereo Wonderland
30.06.2015: Essen – Banditen Wie Wir
01.07.2015: Leipzig – Wärmehalle Süd
04.07.2015: Berlin – Prachtwerk
05.07.2015: München – Backstage

„Labor Against Waste“ von Christopher Paul Stelling ist am 12. Juni 2015 bei Anti/Indigo erschienen.

Foto: Jenn Sweeney