Leon Bridges hat vor gut zwei Wochen sein Debüt „Coming Home“ veröffentlicht, letzte Woche spielte er in Hamburg eines seiner wenigen Deutschland-Konzerte. Genau die richtigen Gründe, um in die Hansestadt zu fahren: Leon Bridges auf der Bühne und davor noch backstage zum Interview. Voilà, Audiofiles inklusive!

slide_leonbridges

Mittwoch vergangener Woche: Der Sommer ist da, es ist heiß – auch im Norden der Republik. Ich bin nach Hamburg gefahren, um mir Leon Bridges anzuschauen. Kennt ihr nicht? Obacht, denn bei Leon Bridges handelt es sich um einen der ganz heißen Neuen auf dem Pop-Pausenhof. Geboren in Fort Worth in Texas, vor einem Jahr noch ohne Label, dann von 40 umworben, letzten Mittwoch im Hamburger Knust vor etwa 600 Leuten zu Gast. In der Nachmittagssonne treffe ich den schwarzen Soul-Barden mit einem Faible nicht nur für authentischen Soul der späten Fünfziger, sondern auch für authentische Kleidung der Ära am Tourbus. Zwischen den Backsteinmauern und dem Kopfsteinpflaster der Venue steht die Hitze. Wie es denn gerade in seiner Heimatstadt wäre, frage ich den 25-jährigen Sänger. „Boiling!“, „kochend heiß“, antwortet er und lacht. Zeit, nach drinnen zu gehen und zwischen fleißigen Bartendern mit Leon Bridges über sein Debüt, seine Inspiration und die wieder aktuelle race-Problematik in den USA zu sprechen.

Schüchtern ist Leon Bridges. Bei den meisten Antworten zu meinen Fragen trommelt er auf die Tischplatte und sieht auf dieselbe. Er ist nett, er ist ehrlich, er will keinem etwas vorspielen. Trotz der Hitze draußen wie auch drinnen ist der Texaner topgestylt in hüfthoch geschnittenen langen Hosen, langärmligem, bestickten Hemd und Stetson-Hut. Los geht’s!

Dein Debüt heißt „Coming Home“. Wo warst du denn?
Achja, ich bin unterwegs gewesen. Aber selbst die schönsten Orte auf der Welt sind nicht zufriedenstellend, wenn du keinen Ort hast, an den du zurückkommen kannst. Für mich ist das alles nichts wert, wenn ich nicht zurück nach Hause, nach Fort Worth, kommen könnte.

Wie ist denn Fort Worth so als Musiker?
Klein. Die Musikszene ist sehr klein. Viel Country-Musik, Rock – das war’s.

Dann bist du die Ausnahme?
(lacht) Ja, das würde ich so behaupten. Ich war der einzige Soul-Künstler.

Ich habe gelesen, dass du am Anfang zu R’n’B-Beats auf deinem iPhone gesungen hast. Wie bist du denn davon zu authentischem Soul gekommen?
Als ich vor vier Jahren anfing, Songs zu schreiben, verfasste ich die Lyrics zu einem Lied über meine Mutter (Anm. „Lisa Sawyer) und ein Freund fragte mich, ob Sam Cooke eine Inspiration für mich sei. Ich hörte eigentlich nie Sam Cooke, aber dann fing ich damit an und hörte auch andere Künstler aus der Zeit. Und dann dachte ich mir: „Ich möchte dahin zurückgehen, wo alles anfing, zu den Wurzeln.“ Ich traf dann die Entscheidung, dass alle Songs in einem, diesem Stil sein sollten.

Du hast Gospel-Elemente, in deinen Songs, Gott kommt darin vor – alles in allem klingst du viel höflicher und netter als Künstler im Rap oder R’n’B. Ich finde das super. Denkst du, dass deine Art in unserer Zeit fast schon etwas altmodisch anhaftet?
Was ich mache, macht mich sehr verletzlich, vor allem wenn man sich Künstler ansieht, die von Geld oder Frauen oder anderen ich-bezogenen Dingen singen. Aber ich denke, dass die Leute das dankend annehmen. Vom größten Ghetto-Gangster bis hin zum Indie-Hipster, können sich die Leute daran erinnern lassen, wie es zu Zeiten ihrer Großeltern war oder wie es war, als sie ihren ersten Soul-Song hörten. Es ist schon auch mutig, wie ich in der Mainstream-Welt meine Songs fabriziere.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Du meinst, weil du nicht nur authentische Songs und Texte hast, sondern auch mit altem Equipment aufnimmst?
Ja. Von meinem Kleidungsstil bis zu der Art, wie ich Songs schreibe, oder singe – das bin alles einfach ich. Auch Gospel zum Thema in meinen Liedern zu machen, ist ein mutiger Schritt.

Gospel hat ja immer etwas Hoffnungsvolles und ist mitunter auch als aufbauender Protest in Zeiten von Ungerechtigkeit entstanden. Denkst du, dass Hoffnung  und hoffnungsvolle Songs das sind, was es in den USA gerade im Moment braucht – gerade, wenn man nach Ferguson oder Charleston blickt und die Ungerechtigkeit gegenüber Afroamerikanern betrachtet?
Ja, ich denke schon. Im Gospel geht es immer um Hoffnung und Positivität. So etwas [wie in Ferguson oder Charleston] gab es immer, vieles wurde nur einfach nicht aufgedeckt oder erschien in den Nachrichten. Letztendlich geht es doch darum, in das Herz eines Menschen zu blicken und das zum Guten zu wenden. Meine Lieder sind nicht alle Gopselsongs und ich bin auch nicht der einzige, der welche singt. Ich denke, dass ich jetzt, wo ich eine Plattform habe und die Leute zuhören, etwas sagen und auch zum Besseren verändern kann.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Du hast acht Songs in drei Tagen [Anm. für EPs und Demos] aufgenommen. Sind die denn alle noch auf „Coming Home“?
Ja, das stimmt. Wir fingen im August mit den Aufnahmen an und hatten das Studio nur für drei Tage und pressten alle Songs in diesen Zeitraum. Aber es hat geklappt! Live aufzunehmen macht so viel Spaß! Manchmal muss man mehrere Versuche starten, aber dann klappt alles beim ersten Mal, dann ist es ein „done deal“. Es lief nicht so: Gitarre am Montag, Klavier am Dienstag, Back-up-Sänger am Mittwoch. Nein, wir haben es gemeinsam aufgenommen, alle auf einmal. „Coming Home“, „Better Man“, „Brown Skin Girl“ und „River“ stammen aus dieser ersten Session und als wir sie im Oktober für das Album neu einspielen wollten, klangen sie einfach nicht so gut wie beim ersten Take vom August. „Shine“ und „Flowers“ sind dann im Oktober im Studio entstanden. Aber vier Songs auf der Platte sind von dieser ersten dreitägigen Session.

Du bekommst im Moment sehr viel Presse und Aufmerksamkeit. Setzt dich das unter Druck für alles, was jetzt kommt – dein zweites Album, die große Tour im Herbst?
Ja, das setzt einen schon unter Druck. Wenn Leute anfangen, einem das Label „Next Big Thing“ aufzudrücken, sind manche verärgert. Ich will gar nicht das „Next Big Thing“ sein, ich versuche nur die Musik der Vergangenheit zu reflektieren und Leon Bridges zu sein. Ich habe schon eine Menge neuer Songs geschrieben. Meine zweite Platte wird um 100 Prozent besser als mein Debüt sein. Da setze ich mich nur selber unter Druck.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Was können die Leute von dir auf Tour erwarten?
Wir haben zwei Gitarren, Bass, Drums, ein Saxophon und eine Back-up-Sängerin dabei. Es hört sich live noch besser an als auf Platte, weil ich meine Band damals eigentlich noch nicht kannte. Seitdem sind wir zusammengewachsen. Jedes Konzert ist eine energiegeladene Performance!

Im Vergleich zu Juli 2014 hast du also eine gute Zeit?
Oh ja. Letztes Jahr im Juli war ich Tellerwäscher. True Story! Ich schämte mich, Leuten zu sagen, wo ich arbeitete. Ich wollte immer Musiker sein und jetzt ist es super, diese Entwicklung rückblickend zu sehen.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Gab es denn zwischen Juli 2014 und Juli 2015 ein Konzert, an das du dich besonders gern zurückerinnerst?
Ja, das Afro-Punk-Festival in Paris, das war ein schönes Konzert für mich. Viele meiner Shows spielte und spiele ich vor weißem Publikum, das ist nicht schlimm, aber den Mix von verschiedenen Leuten zu sehen, war toll. Ich möchte, dass meine Musik so wird: Musik für alle – egal ob schwarz oder weiß, einfach für alle.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Fast-Forward 21.46 Uhr: Ich komme auf den ersten Takt genau pünktlich im Knust an. Es ist immer noch heiß draußen, nur jetzt drinnen mit 600 Leuten noch etwas heißer. Leon Bridges spielt ein äußerst art_leonbridgesgelungenes Set, alle schwofen trotz der Hitze mit – auf der Treppe, am Eingang, neben mir fordert ein Mann seine weibliche Begleitung zum Tanz auf. Es ist voll und es ist unfassbar toll.

Was Leon Bridges da vorn auf der Bühne mit seiner spektakulären Live-Band vollbringt, kann man kaum
in Worte fassen: Man fühlt sich gar nicht mehr so sehr wie in Hamburg im Jahr 2015, sondern eher wie in einer Jazzbar in den USA in den späten Fünfzigern. Er hat recht, wenn er sagt, dass es live noch besser als auf Platte klingt.

Der ausgebildete Tänzer Bridges legt mit seiner Background-Sängerin, die ein Stimmvolumen besitzt, dass einem der Mund offen stehen bleibt, eine Tanzeinlage hin, dann noch eine. Trotz der gefühlt 43 Grad im Raum bleibt der Texaner bis obenhin zugeknöpft, die Ärmel werden nicht hochgekrempelt. Er bewegt sich geschmeidig im Rythmus, er bedankt sich, er überträgt seine Freude über all das auf sein Publikum. Leon Bridges spielt sich ausnahmslos durch sein ganzes Debüt „Coming Home“, am Schluss legt er noch neue Songs oben drauf.

60 Minuten Glückseligkeit, die mit dem Song „Mississippi Kisses“ von Leon Bridges beendet werden. Was bleibt? Die Erinnerung an einen heißen, stickigen und trotzdem absolut perfekten Konzertabend und die Vorfreude auf die Tour im Herbst:

09.09. Frankfurt, Gibson
14.09. Berlin, Kesselhaus
15.09. München, Technikum

Fotos: the music minutes