Ein neues The-xx-Album? Irgendwie: Jamie xx, der Knöpfchendreher der britischen Melancholiker, veröffentlicht sein Solo-Debüt, an dem er sechs Jahre herumtüftelte. Unterstützung erhielt er von seinen beiden Band-Kollegen Romy Madley Croft und Oliver Sim. „In Colour“ nimmt uns mit auf einen Streifzug durch die britische Dance-Geschichte – und beschert uns gleich mehrere Sommerhits!

FlavienPrioreauJamiexxEin warmer, pulsierender Groove, eine zerbrechliche Stimme. Eine melancholische, sehnsuchtsvolle Melodie. Dann ein Flirren. Ein zaghafter Beat. Zu „Loud Places“ lässt sich nicht nur bestens auf dem heimischen Balkon Löcher in die Luft starren, man kann dazu auch an der Isar und der Limmat im Abendlicht schwofen, sich auf dem Rad – oder dem Skateboard – durch die Stadt treiben lassen und in Gedanken auf einer Sommerwiese über den Wolken schweben.

Jamie xx, bekannt geworden als Beatbastler der Indie-Band The xx, beschert uns auf seinem Solo-Debüt „In Colour“ den perfekten Sommerhit! Und es wird noch besser: Es gibt gleich drei davon!

Für „Loud Places“ hat Jamie xx ein Refrain-Sample von  Idris Muhammeds „Could Heaven Ever Feel Like This?“ aus dem Jahr 1977 verwendet. „Das Sample war ein letzter Versuch, um aus Romys wundervollen Worten einen sinnvollen Rahmen zu schaffen. Als es seinen Platz gefunden hatte, war es der Heureka-Moment des Albums.“ Wundervolle Worte in der Tat: „I go to loud places, to search for someone to be quiet with“, haucht die The-xx-Sängerin mit ihrer zurückhaltenden Stimme. Ein Happy End gibt es leider nicht: „You’re in ecstasy without me, when you come down, I won’t be around“, heißt es herzzerreißend dramatisch zum Schluss des Songs.

Neben „Loud Places“ ist auch das ebenso melancholische „Stranger In A Room“ sehr sommertauglich. The-xx-Bandkollege Oliver Sim singt mit seiner vertrauten, warmen Stimme zu einer flirrenden, reduzierten Soundcollage.

Es sind die mit Abstand berührendsten Songs auf „In Colour“, dem Debütalbum von Jamie xx. Seine beiden Band-Kollegen Romy Madley Croft und Oliver Sim verleihen den Stücken mit ihren gefühlvollen Stimmen eine prickelnde Intimität. „Wir verdanken uns gegenseitig alles. Ich hätte es nicht ohne sie machen können. Wir kennen uns so gut, dass wir verstehen, dass wir auch andere Sachen machen müssen“, so Jamie xx.

Auf dem sphärisch-kühlen „Seesaw“ ist Romy ebenfalls zu hören. Für The xx wäre das Stück wohl fast zu laut, zu sehr nach vorne preschend. Das Stück eignet sich hervorragend für frühe Morgenstunden im Club, wenn die letzten Schlaflosen auf der Tanzfläche ihre Kreise ziehen. „Sleep Sound“ erinnert zu Beginn aufgrund seiner zaghaften Beats und einer wohligen Wärme ebenfalls an The xx – allerdings entwickelt sich der Track zu einer tanzbaren Club-Nummer mit Drum’n’Bass-Anleihen. Überhaupt kommt „In Colour“ wie eine beschleunigte, cluborientierte Version von The xx daher. Jamie xx experimentiert mit allerlei elektronischen Spielarten der britischen Musikszene.

Von Garage bis Gospel

Inspiration fand der 26-jährige Soundtüftler in Mark Leckeys Video-Collage „Fiorucci Made Me Hardcore“ aus dem Jahr 1999, welche die englische Subkultur der letzten Jahrzehnte in knapp 15 Minuten Revue passieren lässt, angefangen bei Northern Soul über Acid House bis hin zu Manchester Rave. „Ich wurde besessen davon“, so Jamie xx.

Auch Soul, Gospel, Dancehall und Hip-Hop sind als Inspirationsquellen auf „In Colour“ nicht zu überhören. Bei „Obvs“ kommen Steeldrums zum Einsatz und verbreiten Notting-Hill-Carnival-Feeling.

Die Black-Music-Einflüsse werden vor allem auf dem munteren „I Know There’s Gonna Be (Good Times)“ deutlich. Der dritte Sommerhit der Platte! Unterstützt wurde Jamie xx dabei von den beiden MCs Young Thug und Popcaan. Der Track ist in Brooklyn entstanden. „Ich bin jeden Tag über die Brooklyn Bridge in die Stadt gefahren, habe die Skyline betrachtet und Hot 97 FM gehört“, erinnert sich Jamie xx. „Dadurch verliebte ich mich wieder in Hip-Hop.“

Ganz anders „Gosh“: der Album-Opener ist ein krudes Elektro-Stück. Es ist der letzte Track, der während der Produktion entstand und war ursprünglich viel schneller. „Dann habe ich ihn 20 bis 30 Prozent verlangsamt“, erklärt Jamie xx, „und auf einmal hörte sich der Beat irgendwie sehr viel härter und erdiger an. Die massive Synth-Spur begann dagegen zu kicken und ich fühlte diesen Moment von Euphorie, den ich immer suche, wenn ich Musik mache. Das ist das letztliche Ziel.“

Das gedrosselte Tempo wird auf dem kompletten Album beibehalten. Auch die Euphorie ist auf allen elf Tracks von „In Colour“ spürbar. „Ich hätte das Album nicht ‚In Colour‘ genannt, wenn es sich düster angehört hätte.“

Dementsprechend bunt fiel auch das Albumcover aus, das von einer Farbpalette geziert wird. Das Artwork von Phil Lee, dem Haus-Grafiker von The xx, orientiert sich an der Optik der Band. Genau wie auf der Gil-Scott-Heron-Remix-Platte von Jamie xx findet sich auf „In Colour“ das angerissene X, das Markenzeichen von Jamie xx. Im Gegensatz zur schlichten Tristesse von The xx, die meist auf schwarz und weiß setzen, erinnert das Cover von „In Colour“ an einen aufgefächerten Regenbogen – und verdeutlicht damit die Vielseitigkeit des Werks.

Jamie xx fächert verschiedene Genres auf, ein abwechslungsreicher Stilmix, produziert von einem talentierten Nachwuchskünstler, der in Zukunft vermutlich – und hoffentlich! – mit den ganz Großen zusammenarbeiten wird. Bis es soweit ist, genießen wir sein melancholisches, verhalten tanzbares Solo-Debüt. Schillernd, brillant. Der perfekte Sundowner für heiße Tage. Der sanfte Puls des Sommers.

Jamie xx: Rewind

The xx wurde 2005 von den beiden Schulfreunden Oliver Sim und Romy Madley-Croft gegründet, Jamie Smith alias Jamie xx stieß ein Jahr später hinzu. Die Band veröffentlichte bislang zwei Alben, „The xx“ (2009) und „Co-Exist“ (2012). Mit ihrem zurückhaltenden, minimalistisch-melancholischen Sound trafen The xx den Nerv der Zeit. Zu den Fans zählen zahlreiche prominente Kollegen. Popstar Rihanna etwa verwendete das betörendschöne „Intro“ vom selbstbetitelten The-xx-Debüt als Sample für ihren Song „Drunk On Love“.

Neben seiner Arbeit mit The xx machte sich Jamie xx, bürgerlich Jamie Smith, mit erstklassigen Remixen für Adele, Radiohead und Florence + The Machine einen Namen in der Branche. Der Beatbastler, Drummer und DJ arbeitete mit Stars wie Drake und Alicia Keys und, weil er damit allem Anschein nach noch nicht ausgelastet war, interpretierte das letzte Studioalbum „I Am New Here“ des verstorbenen Musikers Gil Scott-Heron radikal neu. Das Resultat wurde 2011 unter dem Titel „We Are New Here“ veröffentlicht. Derzeit tüftelt Jamie xx gemeinsam mit seinen Band-Kollegen von The xx an Album Nummer drei.

„In Colour“ von Jamie xx ist über das Label Young Turks/Beggars erschienen.

Foto: Flavien Prioreau