Vier Jahre nach dem Überraschungserfolg ihres Debütalbums „Mutual Friends“ legen Boy den Nachfolger vor. Auf „We Were Here“ bleibt das Duo seinen eingängigen Pop-Melodien treu, die Produktion kommt insgesamt reifer daher.

BOY_2015_5_credit Debora Mittelstaedt

Sie lächeln sich immer wieder zu. Grinsen sich an. Valeska Steiner und Sonja Glass alias Boy wirken auf der Bühne wie zwei beste Freundinnen. Ein eingeschworenes Team. Eingespielt, vertraut, aufeinander abgestimmt. Auch im Interview führen sie jeweils die Sätze der anderen zu Ende. Im Studio geht es allerdings auch mal weniger harmonisch zu. „Die Fetzen fliegen zwar nicht, doch die Aufnahmen sind jeweils eine einzige permanente Auseinandersetzung zwischen uns“, erklärt die Zürcher Singer/Songwriterin und Wahl-Hamburgerin Valeska Steiner. „Wir müssen genau abstecken, was unser gemeinsamer Nenner ist.“

Ihre gemeinsame musikalische Basis haben sie bereits auf ihrem Debütalbum „Mutual Friends“ gefunden: Sanfte Folk-Pop-Songs mit einprägsamen Hooklines. Mit der quirligen Liebeshymne „Little Numbers“ landeten die beiden Boy-Girls, die sich einige Jahre zuvor beim Popkurs Hamburg kennengelernt hatten, im Spätsommer 2011 einen Mini-Sommerhit. Der dazugehörige YouTube-Clip wurde mittlerweile knapp 15 Millionen Mal angeklickt. Das mit Gold veredelte Album stieg im September 2011 auf Position 14 der deutschen Charts ein und kletterte danach bis auf Rang neun.

Hinter dem Überraschungserfolg steckt viel Arbeit. Im Studio nehmen Boy die Songs teilweise endlos auseinander, wie sie sagen. „Da wird sehr ernsthaft über einen einzigen Ton diskutiert“, so Valeska Steiner. „Schließlich wollen wir beide hinter jedem Stück stehen und uns damit identifizieren können. Da kommt es hin und wieder zu Auseinandersetzungen.“ Türen werden aber nicht geknallt. Stattdessen wird konstruktiv diskutiert und nach Lösungen gesucht, die sich für beide Boy-Girls gut anfühlen.

Dolce vita

Als Schiedsrichter stand dem Duo auch für Album Nummer zwei Philipp Steinke zur Seite. Während die Songs des Debüts in einem zwölf Quadratmeter kleinen Raum – Steinkes Kinderzimmer in seinem Haus in Berlin-Grunewald – aufgenommen wurden, entstand das neue Material an verschiedenen Orten: In Berlin und Hamburg sowie in Umbrien, wo Boy für zwei Wochen in einem Haus von Steinkes Eltern arbeiteten. „Orte, an die wir uns zurückziehen können. Und gutes Essen ist sehr wichtig“, lacht die Hamburger Musikerin Sonja Glass, die vor Boy u.a. als Bassistin für Ruben Cossani und Ex-Echt-Sänger Kim Frank tätig war. Was stand denn auf dem Menüplan? „In Italien wurden wir von Philipps Vater bekocht. Das war sehr lecker.“

Gutes Essen und Musik unter der italienischen Sonne? Unter Druck setzen ließen sich Boy für die Aufnahmen ihres zweiten Albums definitiv nicht. „Wir sind einfach ein bisschen langsam“, grinst Sonja Glass, „detailverliebt und perfektionistisch.“ Den beiden war es wichtig, wie beim ersten Album autark arbeiten zu können. Eineinhalb Jahre ließen sie sich für „We Were Here“ Zeit. Während des Kreativprozesses schrieben sie mehrere Songs, von denen auch jeweils verschiedene Versionen entstanden.

Ihr Label, Grönland Records, ließ den beiden Musikerinnen alle Freiheiten. Der Chef höchstpersönlich, Herbert Grönemeyer, versicherte: „Ihr müsst kein zweites ‚Little Numbers‘ schreiben. Ihr könnt euch darauf konzentrieren, was euch bewegt, was euch beschäftigt, und darauf, wie ihr euch entwickeln wollt.“

Take It Easy

Viel ist in den zurückliegenden Monaten passiert, Boy waren permanent unterwegs. Mit den Songs von „Mutual Friends“ tourten sie durch ganz Europa. Außerdem spielte das Duo u.a. beim Branchenevent SXSW und war gleich zweimal auf Nordamerika-Tour. Selbst die „New York Times“ konnten Boy mit ihrem Sound überzeugen. Und auch in Japan traten die beiden sympathischen Musikerinnen auf.

Es fällt ihnen schwer, einen besonderen Moment herauszupicken. Es gibt zu viele tolle Eindrücke. „Immer wieder wird uns einfach bewusst, wie weit weg wir gerade von zu Hause sind und wie krass es ist, dass etwa in Tokio ein Club voller Leute ist, die unsere Lieder mitsingen“, so Valeska Steiner bescheiden.

BOY_2015_4_credit Debora MittelstaedtWenn man so viel unterwegs ist, was oder wer muss backstage unbedingt vorhanden sein, damit die beiden sich wohlfühlen? „Valeska ist essentiell“, lacht Sonja Glass. „Valeska und Essen. Sonst kann ich nicht spielen.“ Gutes Essen könne auf Tour die Stimmung entscheidend mitbestimmen, betonen beide. Der Koch ist also eine der wichtigsten Personen auf Tour? „Auf jeden Fall! Leider haben wir noch keinen eigenen dabei. Das wäre ein Zeichen für den Durchbruch, wenn wir einen eigenen Koch mitnehmen könnten!“

Ihr letztes Konzert zum Debütalbum spielten Boy im Herbst 2013 in San Diego. Danach begannen die beiden direkt mit der Arbeit an neuen Songs. Gerade mal eine Woche Urlaub gönnten sie sich nach der letzten Tour. „Ich fand’s schon schwierig, als wir von der Tour zurückkamen“, erinnert sich Valeska Steiner, aus deren Feder, bis auf „Flames“, die Lyrics stammen. „Wir hatten schließlich keine Lust, ein Album über unsere zwei Jahre auf Tour zu schreiben. Zehn ‚Hotel‘-Songs“, so die Boy-Sängerin.

„On The Road“ sehen Hotelzimmer irgendwann alle gleich aus. Mini-Bar, frische Laken, flickernde Fernseher. Die Nächte unterscheidet man anhand des Gemütszustands und der Form des Mondes, wie Boy im Song „Hotel“ singen. „A hotel room is a hotel room is a hotel room“. „Wir waren meist in Hotels, in denen Leute keine Ferien machen, sondern lediglich eine Nacht verbringen und dann weiterziehen“, erklärt Valeska Steiner. „Es wird nichts hinterlassen. Jeder ist für sich.“ Boy fragten sich, was hinter den Türen dieser austauschbaren Räume passiert.

Hamburg statt New York

Auf der Suche nach Inspiration für die neuen Songs wollten Boy nach New York reisen. Zehn Minuten meinten sie es richtig ernst, schmunzelt Valeska Steiner. Sie überlegten hin und her, wollten bereits Flüge buchen, überlegten es sich dann aber doch kurzerhand anders und blieben in Hamburg. Und siehe da: Auch im Alltag, im Supermarkt um die Ecke oder in der Lieblingsbar, finden sich spannende Geschichten und interessante Lokalhelden. Im Song „New York“ geht es um die Wiederentdeckung der Wunder im vermeintlich Altbekannten: „Let’s go outside and let’s pretend it’s New York“. New York kann überall sein: „The truth is, I was wrong when I said I was bored. Any street that I’m walking on with you, anywhere with you could be New York“.

In „Hit My Heart“ nehmen Boy in Textfetzen („If nobody takes a picture we take a picture of ourselves“) die omnipräsente Selfie-Kultur und den Social-Media-Zwang auf die Schippe, der leicht abgehackte Rhythmus macht die Schnelllebigkeit spürbar. In Kontrast dazu singt Valeska Steiner in „We Were Here“: „We need no photographs (…), I find us everywhere“, jeder Mensch hinterlässt andere bleibende Spuren. In dem mit schwelgerischen Bläser-Arrangements ausgestatteten Titelsong thematisieren Boy die Bedeutung von wertvollen persönlichen Erlebnissen, die für die Ewigkeit bleiben.

Für einige der Drum-Parts engagierten Boy übrigens erneut Phoenix-Drummer Thomas Hedlund. Den Franzosen, der bereits auf „Mutual Friends“ mit von der Partie war, hatten Boy vor einigen Jahren nach einem Konzert der befreundeten Band Fotos in Zürich kennengelernt.


Auf „We Were Here“ finden sich neun charmante Folk-Pop-Songs mit persönlichen Texten, die fast jeder nachfühlen kann. Die eingängigen Melodien flirren im Kopf nach. Überhaupt muss man Boy irgendwie einfach mögen – was ihnen von Kritikern auch immer wieder zum Nachteil ausgelegt wird: zu harmlos, zu brav. Klar, für Krawall-Grrrls und Bounce-Boys dürften die Songs von „We Were Here“ zu zahm sein – alle anderen genießen, glücklich grinsend.

Boy-Tour 2015

Die Club-Tour im September zum zweiten Album „We Were Here“ war innerhalb weniger Wochen ausverkauft. Deshalb buchte Veranstalter Four Artists eine ausgedehnte Boy-Hallentournee für Oktober/November. Die „We Were Here“-Hallentour führt Boy ab 29. Oktober bis Ende November durch insgesamt 21 Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Wir freuen uns, den Boy-Gig am 9. November in der Muffathalle mit präsentieren zu dürfen. Einlass ist um 19.30 Uhr, Tickets gibt’s ab 29 Euro u.a. bei CTS Eventim und MünchenTicket.

Boy – „We Were Here“-Hallentour 2015
29.10. Bremen, Schlachthof
30.10. Düsseldorf, Tonhalle, „New Fall Festival“
31.10. Erlangen, E-Werk
02.11. A-Wien, Arena
03.11. A-Graz, PPC
04.11. A-Linz, Posthof, „Ahoi! Pop 2015“
05.11. Ulm, Roxy
08.11. Stuttgart, Im Wizemann
09.11. München, Muffathalle
10.11. CH-Bern, Bierhübeli
12.11. CH-Luzern, Schüür
13.11. CH-Basel, Volkshaus
14.11. CH-Zürich, Kaufleuten
15.11. Heidelberg, Halle 02
17.11. Frankfurt, Gibson
18.11. Dortmund, FZW
20.11. Osnabrück, Hyde Park
22.11. Leipzig, Werk 2
23.11. Berlin, Tempodrom
24.11. Hannover, Capitol
25.11. Hamburg, Grosse Freiheit 36

Foto: Debora Mittelstaedt