SEΛ + ΛIR sind aller aktuellen schlechten Prognosen der Weltpolitik zum Trotz eine Vorzeigeband: Daniel, ein Stuttgarter, und Eleni, eine Griechin, sind ein Ehepaar und haben eben ein Album veröffentlicht, das „Evropi“, Europa, heißt. Es geht eben doch und das sehr gut!

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Schon klar, vor fünf Jahren war die Ehe zwischen einem Deutschen und einer Griechin nichts Besonderes, vor zehn Jahren, als SEΛ + ΛIR loslegten, noch viel weniger. Heute sieht das anders aus. Heute können SEΛ + ΛIR zwangsweise ein Beispiel dafür sein, dass die Wirtschaft und die Euro-Krise nicht unser Zusammenleben behindern müssen, dürfen, sollen. Eleni und Daniel haben nach dreijähiger Tour und anschließenden Aufnahmen ihr zweites Album „Evropi“ (dt. „Europa“) veröffentlicht. Zwölf Songs sind es geworden, elegisch und atmosphärisch, melancholisch und verzeihend, vom Leben und der Liebe, vom Umbruch und dem Unterwegs.

SEΛ + ΛIR bereisten  in drei Jahren 22 Länder und spielten 600 Konzerte. Portugal und die Aufstände gegen die Euro-Sparmaßnahmen, die Ukraine kurz vor dem Kriegsausbruch und der ganz normale Wahnsinn in Europa – all das und natürlich noch so viel mehr inspirierte Daniel und Eleni aka SEΛ + ΛIR zu ihrem Album, berichten sie an einem heißen Donnerstagnachmittag in München. Die beiden standen im Stau und sind unter Zeitdruck, ihr Set im Münchner Cord Club aufzubauen: Das letzte Konzert ihrer „Evropi“-Release-Tour steht bevor.

Europa stand Pate für die Album-Idee und auch den Titel. cover_saaAber was bedeutet das aktuell, „Europa“? „Ich hatte ganz stark den Eindruck, dass die jungen Leute alle Lust darauf haben, dass Europa zusammenwächst, dass Europa friedlich zusammenlebt. Die meisten sehen sich auch, so wie wir, eher als Europäer als als Griechen oder Deutsche oder Ukrainer. Das ist schön! Da hat sich einiges in der Wahrnehmung verändert“ so Daniel über die aktuelle Lage unseres Kontinents.

Wurde denn das Album auch gleich auf dieser Tour aufgenommen? Nein, sie wären mit all dem Erlebten im Kopf nochmals losgezogen in die weite Welt, unter anderem auch nach Kanada. SEΛ + ΛIR gewannen nämlich einen Preis und durften dann auf einer zum Studio umgebauten, einsamen Alpaka-Farm aufnehmen und das sogar noch live. Das war dem Duo wichtig, denn nur so ließ sich die Energie, die sie auf den Konzerten spüren konnten, auf das Album übertragen. Die Lieder für „Evropi“ schrieben SEΛ + ΛIR jedoch nicht nur auf der Europa-Tour durch 22 Länder, sondern sie komponierten auch im Kopf an ihnen und arbeiteten auch am Tracklisting. Summend liefen sie durch die Gegend, erinnert sich Daniel. Herausgekommen ist ein Konzeptalbum. Ein Konzeptalbum für Europa.

Wie klappt das bei diesem Duo, den atmosphärischen Sound live rüberzubringen? Auf den Platten kann man ja nicht wirklich erkennen, dass nur zwei Menschen hinter SEΛ + ΛIR stecken. Wird da viel mit Technikkram gewerkelt? „Wir sind zu zweit auf der Bühne und bedienen jeweils fünf Instrumente auf der Bühne. Anders geht’s nicht“, so Eleni. Es wäre eine Annäherung an die Platte, könne diese aber natürlich nie wiedergeben, so die Griechin weiter.

Apropos Instrumente: SEΛ + ΛIR benutzen hier auch außergewöhnliche – Cembalo, Lyra und Bouzouki (ebenfalls wie die Lyra ein Saiteninstrument, einer Laute nicht ganz unähnlich). Mussten die alle extra erlernt werden oder sind das für die beiden Äquivalente zu Klavier, Geige und Blockflöte (d.h. jeder lernt das irgendwann mal mehr oder weniger erfolgreich)? Eleni sagt von sich selbst: „Ich bin Autodidaktin, das heißt, ich erlerne jedes Instrument neu für mich.“ Die Wahl der Instrumente wäre aber eher unbewusst getroffen worden, zumindest bei Bouzouki und Cembalo. Gerade letzteres ist für Daniel seit der Kindheit ein Alltagsinstrument, auf dem immer mal wieder geklimpert wurde. Mit der Bouzouki wäre es ähnlich verlaufen. „Man merkt eben, das liegt einem, das könnte man ja verwenden“, so der Stuttgarter.

„Peace Begins At Home“, „Pain Is Just A Cloud“ oder „Hahahahaha“ heißen Songs auf „Evropi“. Aber welcher ist der zentrale Track, der für die beiden von SEΛ + ΛIR das Album ausmacht? Eleni überlegt nicht lang: „Der Anfangstrack, ‚We All Have To Leave Someday‘, ist mein Lieblingssong. Das Stück ist für mich sehr speziell, weil der Entstehungsprozess für dieses Lied genau so lange gedauert hat wie für alle anderen Lieder zusammen. Das war eine schwere Geburt, ist dafür aber geil geworden.“

Ahaaaa, schwere Geburt. Der Song klingt gar nicht so: Wellen am Anfang, dann elegischer Chorgesang.  Wieso war es so schwer? Kompositorisch wäre es sehr tricky gewesen, so Eleni. Das Arrangieren und die aufgenommenen Chöre, die letztendlich sechs Minuten durchsingen, hätten ihren Tribut gefordert. Sechzig Gesangsspuren finden sich in dem Opening-Track von „Evropi“ wieder zu einem großen Ganzen – eine Kunst, wenn man so wie Eleni und Daniel keine Noten lesen kann und auf keinerlei instrumentale Unterstützung beim Aufnahmeprozess zurückgreifen kann.

Daniel kann sich bei der Wahl seines Lieblingssongs nicht ganz festlegen: „Should I Care“ mag er, weil es so ein schöner, leichter Popsong geworden ist, und „Lady Evropi“ würde das ganze Album für ihn recht gut in nur einen Song packen.

„You Are“, ein Liebeslied und der letzte Song auf „Evropi“, klingt versöhnlicher als viele der anderen Tracks der Platte, die manchmal in die Melancholie abdriften. Wieso sticht dieses Lied so heraus? „Das ist eines von zwei Liedern, das nicht auf der dreijährigen Tour entstanden ist. Es war bei unseren Konzerten immer der letzte Song und ist deswegen irgendwie das Verbindungsstück zwischen der letzten Tour und der Entstehungsgeschichte der aktuellen Platte. Irgendwann war klar, dass das am Schluss auch auf das Album muss“, so Daniel. Es passe außerdem sehr gut zur Familiengeschichte, dieses Lied von der Liebe, und zu all den Liebeskonstallationen, die es in einer Familie nunmal so gibt: Eltern, Kinder, Liebespaar.

„Die Versöhnichkeit am Ende war auch ganz wichtig und wenn es Leute zu ‚verliebt‘ ist, dann ist es zum Schluss auch richtig aufgehoben. Die Leute können dann nämlich einfach wegskippen“, so der Multiinstrumentalist. Ist es immer noch der letzte Song auf den Konzerten? Nein, die Reihenfolge hätten sie jetzt geändert, sagen SEΛ + ΛIR. Wer diesen Song hören will, müsse nun eben einfach die Platte kaufen.

Herrlich normal sind SEΛ + ΛIR. Sie haben viel gemeinsam erlebt, durchlebt, gesehen und verarbeitet. Herausgekommen ist „Evropi“, ein Album, das in einer schwierigen Zeit unseres Kontinents Hoffnung spendet. Weil es Leute wie Eleni und Daniel, eine Griechin und einen Deutschen, gibt, die eine Botschaft an uns haben: „We Understand You“. Danke.

Wer für die kleinen Club-Shows keine Karten ergattert hat, muss nicht traurig sein: SEΛ + ΛIR sind ab November auf großer Deutschland-Tour.

„Evropi“ von SEΛ + ΛIR ist am 21. August auf Glitterhouse Records erschienen. 

Foto: Daniel Weisser