Sprachlos. Das ist man aktuell quasi permanent angesichts der nicht abreißenden Meldungen zur aktuellen Flüchtlingsthematik. Einer wunderbarerweise beispiellosen Welle der Hilfsbereitschaft, z.B. dieser Tage hier in München und zahllosen öffentlichen Solidaritätsbekundungen mit unseren hilfsbedürftigen Mitmenschen, schlägt leider und unbegreiflicherweise immer noch viel zu viel übelriechender Gegenwind entgegen. Ein so ignoranter wie gefährlicher Mob mitunter nicht mehr nur verbal zündelnder Menschenfeinde hält vermeintlich wacker gegen die verblendeten Gutmenschen. Da fehlen einem immer noch zu oft die Worte…

fb_weiss

 

Sprachlosigkeit ist aber genau das Problem. Denn wenn die vernünftige Mehrheit den Mund hält, weil der Sachverhalt ja so klar erscheint und die besorgten Wutbürger lauthals pöbeln, wen hört man dann? Genau. Die dumpfen, völkischen Parolen der unaufgeklärten „Ich bin/hab/will ja nicht, aber…“-Fraktion. Und eben deswegen machen aktuell immer mehr Leute mobil, ob jung ob alt, ob Promi oder Normalo, und sprechen sie immer wieder aus, die so simplen wie wichtigen Worte. Mal lang und breit, mal kurz und knapp, mal verbal, mal auf Transparente oder T-Shirts gedruckt, mal auf Facebook, mal im TV, mal auf einem Live-Konzert. Die Botschaft ist am Ende immer die gleiche: „Refugees Welcome!“

Gerade in der Musikszene passiert da gerade ganz schön viel und weil wir das richtig großartig finden, und in einem Blog, der sich mit Musik beschäftigt, auch definitiv Platz dafür sein muss, schauen wir uns mal ein bisschen um und verteilen gehörig viele Daumen nach oben, für jeden einzelnen der den Mund aufmacht.

Das Problem fängt ja beim Verständnis an. Wie um alles in der Welt kann man derartige Auffassungen vertreten, was geht in diesen Leuten vor?
Sehr einfach und prägnant auf den Punkt gebracht, hat das vor geraumer Zeit bereits Oberarzt Farin Urlaub in einem Interview mit dem Frizz Magazin. Seine Kernaussage:

„Solange es Leute gibt, die nichts können, nichts wissen und nichts geleistet haben, wird es auch Rassismus geben. Denn auch diese Leute wollen sich gut fühlen und auf irgendetwas stolz sein; also suchen sie sich jemanden aus, der anders ist als sie und halten sich für besser.“ – Farin Urlaub über Rassismus

Diese Erkenntnis per se löst natürlich nicht das Problem, denn die Herrschaften müssten ja selber erkennen, dass sie da gehörig auf dem Holzweg sind und auf der Überholspur zu Momenten schmachvoller Einsicht, spätestens wenn in 5, 10, 15 oder 20 Jahren die schmerzhaften Fragen kommen wie „Was hast du damals eigentlich gemacht, Papa?“

Musik ist ein wunderbarer Kanal, um Botschaften an den Mann zu bringen. Viele Menschen hören Musik, auch die rechtsrückenden Hohlköpfe, und wenn nur ein Bruchteil ins Grübeln kommt, wenn ihr Guitar-Hero ihnen von der Bühne oder der Facebook-Seite aus ins Gesicht sagt, dass sie sich mit ihrer Einstellung gepflegt verpissen können, dann ist schon soviel mehr gewonnen als verloren. Ganz zu schweigen von den vielen, die sich dadurch nur umso mehr in ihrer Haltung bestärkt fühlen.

Natürlich muss es nicht immer die Vollkeule sein. (Wobei es zugegebenermaßen bei vielen die einzige Möglichkeit ist. Mit subtil oder um die Ecke denken, ist es ja leider meist nicht so weit her.)
Die Österreicher fahren da gerade eindrucksvolle Kreativ-Geschütze auf. So hat der Wiener Künstler Raoul Haspel eine Schweigeminute „eingespielt“, als Antwort auf die desaströsen Zustände im Flüchtlingslager Traiskirchen. Der Track, 60 Sekunden Stille, schoss auf Platz 1 der iTunes-Charts, stieg von 0 auf 10 in den FM4 Charts und führt aktuell sogar die Hitliste des Mainstreamsenders Ö3 an.
Der Gesamterlös der Single, die man ganz einfach für 0,99€ downloaden kann, kommt Flüchtlingen zu Gute.
Auch die Sportfreunde Stiller fanden die Aktion famos und haben das gute Stück gleich mal „gecovert“. Schöner Zug, wo man doch auch einfach hätte teilen können (höhö).

Ebenfalls inzwischen in den FM4 Top 10 gelandet ist ein Cover von Jay-Z’s „99 Problems“. Umgesetzt von fluechtlingskinder.net, einem österreichischen Projekt von und mit Flüchtlingen aber auch Menschen ohne Flucht- oder Migrationshintergrund. Starke Nummer.
Hätten wir doch eigentlich auch genug Material (Was wird gleich wieder beim neuen Hauptstadtflughafen allein immer noch an Kohle versenkt?).

Auch darüber hinaus engagiert sich der Sender, informiert z.B. regelmäßig über Möglichkeiten als Privatperson zu unterstützen und startete so z.B. auf dem Frequency Festival die Initiative Zelt, Pavillion, Schlafsack, Gummistifel und Co. zu spenden. Dazu hat die klare Botschaft Einzug gehalten in ihr allseits beliebtes Merch-Sortiment. Der Sender vertreibt aktuell ein eigenes „Refugees Welcome“ Shirt, Spendenaktion inklusive.

Genauso wie die deutsche Punk-Rock-Band KMPFSPRT. Sie haben ihr Statement-Shirt in Kooperation mit Pro-Asyl fabriziert (kaufen kann man es z.B. bei Uncle M.) und haben direkt noch den passenden Song parat: eine schön krachige Version vom Tocotronic-Evergreen „Die Welt Kann Mich Nicht Mehr Verstehen“.

Das weitestgehend überflüssige bis nervtötende BuViSoCo-Spekatkel, das diesmal endgültig zum Raabschen Musikantenstadel verkam, nutzten diverse Acts immerhin um sich klar zu positionieren.

Die bereits seit vielen Jahren engagierten Donots brachten ihren Song „Dann ohne mich“ auf die Bühne und zeigten den Ignoranten unter den Zuschauern nicht nur textlich klar den Mittelfinger und fuhren damit den 2. Platz ein. Während der Performance wandte man sich sogar mit einer persönlichen Botschaft ans Publikum in der Halle und vorm TV. „Seid laut!“ hieß es da unter anderem, denn Schweigen – ohne die Donots. Gute, gute Jungs! Vor einer Woche hatte Frontmann Ingo, seines Zeichens frisch gebackener Vater, bereits mit einem persönlichen Statement auf seiner Facebook-Seite eine wichtige und recht wunderbar formulierte Ansage zur aktuellen Situation gemacht. Durchaus lesenswert!

Auch Pro7-Chef-Kasper Klaas-Heufer Umlauf, der vor Kurzem bereits zusammen mit Kollege Joko eine ebenfalls ziemlich stark formulierte Botschaft gefilmt hatte (die inzwischen auf dem Heimsender in den Werbeblöcken läuft), nutzte den Auftritt seiner Band Gloria, um an die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992 zu erinnern. Damals machte ein unsägliches Foto die Runde und alle fassungslos. Ein Mann im Deutschlandtrikot, mit eingepisster Jogginghose, den rechten Arm zum Hitlergruß erhoben. In eben diese mahnende Kluft wurde die begleitende Bläserfraktion gesteckt. Schön anzuschauen war das nicht, aber genau darum gehts. Es war ein weiteres klares Zeichen gegen Rassismus, Nazis, solche, die es werden wollen, und das ewig gestrige Gesocks.

DK_Refugees_WelcomeDas flaggezeigende Quartett machten komplett Ferris MC und Madsen, die die Solidaritätsbekundung auf ihren Klamotten trugen. Die „Refugees Welcome“ Jogger-Kombo von Deichkind, in der sie zum ersten Mal bei der letzten Echo-Verleihung aufliefen und die auch bei der diesjährigen Tour stets das Outfit der Wahl für den Ritt im Fass war, kann man übrigens käuflich erwerben.
Ein T-Shirt kann man sich leicht anziehen, mag der ein oder andere sagen, ist ja jetzt kein großes Engagement und recht billige Publicity. Umso besser, oder? Mögen noch Horden von Statement-T-Shirt-tragenden Mundaufmachern die Städte, Clubs, Bühnen, TV-Shows, Facebook- und Instagram-Accounts fluten.

Ich muss mir aber nicht zwingend ein T-Shirt anziehen. Ich kann  auch eins abgeben, oder 2 oder 10, denn zu Hauf formieren sich auch grade Sammelinitiativen. Neben klassischen Organisationen, wie der Diakonie, kann  man als Münchner am Wochenende z.B. auch im Backstage Kleider- und Sachspenden abgeben. Alle Infos zu Annahmezeiten und Bedarf findet ihr hier.

Wir wollen hier weder den Klingelbeutel auspacken noch euch zu iTunes- oder Klamottenkäufen zwingen oder predigen, dass ihr euren halben Kleiderschrank spenden sollt. Wir wollen auch unseren Mund aufmachen und Stellung beziehen. Wir tun alle unseren Teil, und dazwischen nehm ich mir, nehmen wir uns eben ein bisschen Zeit, um den Musikern, Labels, Sendern, Clubs, Veranstaltern, Veranstaltungszentren und zahlreichen Initiativen Respekt zu zollen, die es genauso tun, und ihre Reichweiten nicht nur für Entertainment einsetzen, sondern auch für dringend notwendige Education. Es gibt sicherlich noch so viele mehr, als diejenigen, die hier Erwähnung gefunden haben. Hoffentlich haben wir bald Stoff für Teil Zwei.

Bis dahin: Danke! Weitermachen!

 

Fotos/ Grafiken: alice-d25 bei openclipart (Titelbild, #mundaufmachen von uns), Deichkind Instagram (Deichkind in „Refugees Welcome“-Joggern)