The Weeknd tritt auf seinem neuen Album „Beauty Behind The Madness“ auf die Bremse: Inhaltlich nimmt er dann doch auch mal ein Blatt vor den Mund, musikalisch schielt der Kanadier in Richtung Mainstream. Trotz der kommerzielleren Ausrichtung ist der 25-Jährige nach wie vor alles andere als ein züchtiges Schäfchen.

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Dem verführerisch schnurrenden Bass kann ich seit Wochen nicht widerstehen. Dazu der Falsett-Gesang und laszive Stöhner, die an Michael Jackson erinnern, das lässige Fingerschnipsen, der mehrstimmige Killer-Refrain. Mit „Can’t Feel My Face“ ist The Weeknd seine erste Nummer eins in den US-Charts gelungen. Auch das dazugehörige Album „Beauty Behind the Madness“ kommt verdächtig kommerziell und streckenweise sogar recht weichgespült daher. Nichtsdestotrotz gehört der Kanadier zu den innovativsten R’n’B-Künstlern der Jetztzeit.

Innerhalb weniger Jahre avancierte Abel Tesfaye, so The Weeknd bürgerlich, vom obskuren Netz-Phänomen und R’n’B-Wunderkind, das seine Identität geheimhielt, zum globalen Popstar. Der aus Toronto stammende Sänger und Produzent mit äthiopischen Wurzeln brach mit 17 die High School ab. An einem Wochenende verließ er die Schule, um zu feiern – und er kehrte nicht mehr zurück. Deshalb der Künstlername, Wochenende ohne e.

Three in one

2011 veröffentlichte The Weeknd innerhalb eines Jahres drei Gratis-Mixtapes: Im März erschien das Debüt „House Of Balloons“, gefolgt von „Thursday“ im August und „Echoes Of Silence“ gegen Ende des Jahres. Bereits das Erstlingswerk wurde allein in den ersten drei Wochen über 200.000 Mal heruntergeladen – und das, obwohl The Weeknd damals ein Neuling und Unbekannter im Biz war. Keine Fotos, keine Videos. Ein Phantom. „Das alles fühlte sich ganz schön durchtrieben an, nur holt einen das Netz dann ja doch irgendwann ein“, erinnert sich der Musiker, der optisch aufgrund seiner wilden Dreadlock-Frise an Basquiat erinnert.

Mit Remixen für Florence + The Machine („Shake It Out“) und Lady Gaga („Marry The Night“) zementierte The Weeknd seinen Ruf als stilprägender Beat-Bastler. Außerdem wurde er von Landsmann, Rapper Drake, gepusht, der ihn für sein Album „Take Care“ gewinnen konnte. Plattenlabels rissen sich um den Newcomer, der sich schließlich für Universal Music entschied. Der Major veröffentlichte im November 2012 die drei Mixtapes neu abgemischt und gemastert unter dem Titel „Trilogy“. Das Album erreichte Rang vier der US-Charts. Nur ein Jahr später folgte das Studioalbum „Kiss Land“, über das The Weeknd damals sagte: „Ich hab bis zu meinem 21. Lebensjahr kein einziges Mal meine Heimatstadt Toronto verlassen. ‚Trilogy‘ handelte dementsprechend nur davon, was ich mir in meinen eigenen vier Wänden ausgemalt habe. Auf ‚Kiss Land‘ setze ich diesen Ansatz fort, beziehe nun aber auch die ganzen Erfahrungen mit ein, die ich seither überall in der Welt gesammelt habe.“

Diese Erfahrungen sind bei The Weeknd oft sexueller, abgründiger Natur. Parties, Rausch, Extase. Vulgäre Texte unterlegt von eleganten Beats. Diesem Prinzip bleibt The Weeknd auch auf „Beauty Behind The Madness“ treu. Allerdings ist er im Vergleich zu seinem früheren Werk deutlich zurückhaltender geworden. Die 14 neuen Songs kommen teilweise recht glatt produziert daher, der düstere Charme bleibt dabei leider teilweise auf der Strecke. Außerdem wurde die Länge der Songs auf radiotaugliche drei bis vier Minuten reduziert – im Gegensatz zu den bis zu siebenminütigen Stücken auf „Trilogy“.

Mehr Mainstream-Appeal

„In The Night“, „Can’t Feel My Face“ sowie die schamlos seichte Schnulze „Shameless“ entstanden in Zusammenarbeit mit Pop-Produzent Max Martin, der zuvor u.a. Britney Spears, den Backstreet Boys und Taylor Swift zu Hits verhalf. The Weeknd lernte den Schweden im Herbst 2014 kennen, als die beiden an „Love Me Harder“ arbeiteten, ein Duett von The Weeknd mit Pop-Sternchen Ariana Grande. Ebenfalls mit an Bord ist Stephan Moccio, der u.a. an Miley Cyrus‘ Hit „Wrecking Ball“ beteiligt war.

Passendere Partner sind da Kanye West, der The Weeknd bei der Produktion von „Tell Your Friends“ unterstützte, der Kanadier Carlo Montagnese alias Illangelo, der bereits an den drei Mixtapes von The Weeknd mitproduziert hatte sowie der britische R’n’B-Sänger Labrinth, mit dem das sphärische Soul-Duett „Losers“ entstand.

Die Mainstream-Masche wird auch bei der Auswahl der Featuring-Gäste wie dem derzeit weltweit erfolgreichen Ed Sheeran deutlich. „Dark Times“ ist eine recht gewöhnlich geratene Ballade. Für „Prisoner“ holte sich The Weeknd Lana Del Rey ins Studio. Das Resultat ist ein düsteres Duett, in dem sich die beiden gegenseitig mit ihrer fatigue, ihrer Verdrossenheit übertreffen. „I’m a prisoner to my addiction, I’m addicted to a life that’s so empty and so cold“, singt The Weeknd, bevor Lana Del Rey wehklagt: “I think I’ve been in Hollywood too long, ’cause I can feel my soul burning, feel it burning slow“.

Bereits mit dem geschmeidigen „Earned It“ aus dem Soundtrack zum Soft-Pörnchen „50 Shades Of Grey“ schielte The Weeknd in Richtung Mainstream. Mit Erfolg: Der Song knackte weltweit die Top 10 der Charts. Auch „Can’t Feel My Face“ ist ein eingängiger Disco-Pop-Song. Doch die Hit-Single hat es in sich: The Weeknd vergleicht hier sein Verliebtsein nämlich mit einem Koksrausch, bei dem man wohl manchmal sein Gesicht nicht mehr fühlt.

Dirty Talk

The Weeknd - Beauty Behind The Madness - CMS SourceIn „Often“ und „The Hills“ geht es dann sehr eindeutig zur Sache – The Weeknd lässt seinem inneren Schweinehund dann doch noch freien Lauf: „I usually love sleeping all alone, this time around bring your friend with you, but we ain’t really going to sleep at all“ und „I can make that pussy rain, often, make that pussy pop and do it how I want it“, frohlockt der 25-Jährige im Falsett in „Often“.

In „The Hills“ macht er auf seine zweifelhafte Vorliebe für Partydrogen aufmerksam: „Always tryna send me off to rehab, these drugs got me feeling like it’s decaf.“ Außerdem lässt The Weeknd tief blicken: „I only love it when you touch me, not feel me“, singt er da, mit verzweifelt-verletzlichem, sehnsuchtvollen Unterton. Und: „When I’m fucked up, that’s the real me“. Da ist ein gewisser Hang zur Destruktion spürbar.

Die musikalischen Einflüsse sind nicht zu überhören: Neben dem Sex von Prince und R. Kelly ist es vor allem Michael Jackson, der genau wie auf dem älteren Material von The Weeknd (auf „Trilogy“ findet sich eine großartige Cover-Version von „Dirty Diana„) stets präsent ist. So wurde etwa der Groove von „In The Night“ vom Swing von Jacksons „The Way You Make Me Feel“ inspiriert (Inhaltlich schwere Kost: Es geht um ein Mädchen, das als Kind missbraucht wurde). Auch das Video zu „Can’t Feel My Face“, in dem The Weeknd geschmeidig über die Bühne fegt, erinnert an Jacksons Clip-Ästhetik.

Ob er nun der neue Michael Jackson ist, wie einige Medien postulieren, sei mal dahingestellt. Dafür ist es definitiv noch zu früh. Feststeht: The Weeknd ist ein talentierter Sound-Tüftler, der dem modernen R’n’B gut tut. Bleibt nur zu hoffen, dass der innovative R’n’B-Erneuerer sich nicht allzu sehr dem Mainstream annähert.

Fotos: Universal Music