20 Jahre. Zwei Jahrzehnte. Sind wir denn wirklich schon so…? Lassen wir das. Am 15. August 1995 erschien das Debütalbum von Garbage, einer damals unbekannten neuen Band um Nirvana-Produzent Butch Vig. Wir erinnern uns, als, äh, wärs gestern gewesen.

Garbage-umgerechnet

Nachdem Produzent und Drummer Butch Vig das zweite Nirvana-Album – und damit einen späteren Meilenstein der Popkultur – „Nevermind“ und zahlreicher anderer Rockbands produziert hatte, hatte er Bock, mit neuen Sounds und Aufnahmetechniken zu experimentieren. Gemeinsam mit Steve Market und Duke Erikson remixte er Songs von Künstlern wie den Nine Inch Nails, House Of Pain und Depeche Mode. Schließlich gründeten die drei Musiker eine eigene Band. Was fehlte, war eine Sängerin. Market sah einen Clip der schottischen Rockband Angelfish auf MTV, daraufhin wurde deren Frontfrau Shirley Manson ausfindig gemacht und nach einer ersten verpatzten Audition schließlich an Bord geholt. In den Smart Studios in Madison entstanden dann die gemeinsamen Songs der neuen Band, Garbage.

Die vier Musiker kombinierten verschiedene Stile, mixten alles wild durcheinander – von Punk über Trip Hop bis Pop. Das Resultat ist ein frisches, sich vom damaligen Grunge-Trend abhebendes Album mit zwölf knackigen Alternative-Rock-Songs, in denen Themen wie Voyeurismus, Hedonismus, Besessenheit und Selbst-Zerstörung verhandelt werden.

Dank den Singles „Vow“, „Queer“, „Stupid Girl“ und „Only Happy When It Rains“ schafften Garbage den Durchbruch. Das Album verkaufte sich weltweit über vier Millionen Mal, hielt sich über ein Jahr lang in den US- und UK-Charts und wurde weltweit mehrfach mit Edelmetall ausgezeichnet. 1997 brachte „Garbage“ der Band eine Grammy-Nominierung als „Best New Artist“ ein. Zudem war „Stupid Girl“ als „Best Rock Song“ und „Best Rock Performance by a Duo or Group“ im Rennen.

Zwei Jahrzehnte ist das nun her. Wir erinnern uns…

Renzo
Eine Freundin empfahl mir das Album mit den rosa Federn auf dem Cover – vom ersten Gitarrenriff von „Supervixen“ war ich angefixt. Noch heute laufen Songs wie „Vow“, „Queer“, „Stupid Girl“ und „Only Happy When It Rains“, aber auch weniger bekannte Titel wie „As Heaven Is Wide“, „Not My Idea“ und „Dog New Tricks“ regelmäßig auf meinem iPod. Für einen Lieblingssong kann ich mich nicht entscheiden. Andersherum: „A Stroke Of Luck“ und „Milk“ sind die einzigen Titel auf dem Album, die ich weniger mag. Liegt vielleicht daran, dass es die beiden einzigen Balladen auf dem Garbage-Debüt sind.

Richtig weggepustet hat mich neben „Stupid Girl“ bereits beim ersten Hören „Vow“. Die hingefauchten Lyrics („I came to cut you up, I came to knock you down, I came around to tear your little world apart“), das Gitarrenriff – Shirley Manson und ihre Männer hatten mich sofort um den Mittelfinger gewickelt.

Die Songs dröhnten während meiner Rebellionsjahre regelmäßig aus dem Jugendzimmer, wenn mal wieder etwas nicht so lief, wie ich es mir vorgestellt hatte (Vermutlich kann meine Mama einige der Stücke ebenfalls auswendig!). Shirley Mansons (t)rotzige Attitüde hat mich von Anfang an in den Bann gezogen und Songs wie „Queer“ und die liberale Haltung der Band bestärkten mich in meinem Anderssein. So trug ich beim Deutschreferat gerne mal einen Jeans-Minirock über der Jeans, während die schwarz lackierten Fingernägel auf einer Folie Erich Frieds „Ein Soldat und ein Mädchen“ erläuterten. In London stolzierte ich dann in einem, äh, „Männerrock“ (eine zum Rock umfunktionierte graue Stoffhose) durch die Gegend (Danke, Mama!). Einmal mit Shirley um die Häuser ziehen und ein paar Typen vermöbeln, die mir das Herz gebrochen hatten, das wärs gewesen.

Drei Jahre nach dem Release von „Garbage“ sah ich die Band endlich live. Beim „Open Air St. Gallen 1998“ – bei dem auch die Beastie Boys, Black Sabbath und die Foo Fighters spielten – sahen wir unsere Helden erstmals in echt. Vor allem auf Shirley Manson waren wir natürlich gespannt. Während ich mich (wie so oft) leider an keine Details des Auftritts erinnern kann (Hey, immerhin weiß ich noch, dass ich da war!), hatte meine Freundin in der ersten Reihe beste Sicht aufs Höschen von Shirley Manson.

Ursi
Drums, ein Gitarrenriff – für immer werde ich „Stupid Girl“ von Garbage vor allem an letzterer Komponente erkennen können.* Shirley Mansons ungewöhnlich tiefe und markante Stimme noch dazu – bäm, ein Hammersong, der bei keinem einzigen meiner DJ-Abende gefehlt hat. Der Song ist auf der Compilation „MTV The First 1000 Years: Rock“ vertreten, die ich in den USA im Jahr 2000 erstanden habe. Auch wenn seitdem viel passiert ist und der Sampler auch manchen grenzwertigen Milleniumstrack über den grünen Klee lobt (Breeders, Faith No More und Foo Fighters außen vor, eh klar), „Stupid Girl“ von den Schotten ist ein ganz großer Song – auch 20 Jahre später noch. Und vielleicht auch noch in 1000 Jahren.

Shirley Manson aus Edinburgh, der Stadt, die das Rätsel der englischen Aussprache perfektioniert hat. Was war sie damals für eine coole Socke! Ein 29-jähriges Role Model, nach dem wir Mädels um die 15 geiferten! Zu Recht, denn gerade in dem Video zu „Stupid Girl“ gibt die rothaarige Braut mit dem Kirschmund, umgeben von ihrer Jungsband, den Vamp, die Femme Fatale, die dem blöden Mädel, dem „Stupid Girl“, mal eben vormacht, was es mit „Girl Power“ und den Waffen der Frau wirklich auf sich hat. Die Liedzeile“Don’t believe in anyone, that you can’t tame“ reicht ja eigentlich schon als Beweis. Shirley Manson als die coole Überschwester einer ganzen Generation von Mädchen, jawoll.

Im Gegensatz zu Renzo mag ich allerdings auch „Milk“ sehr gern, als letzten ruhigen Song mit Querflöten.

„Supervixen“ als Opener verriet innerhalb von sechs Sekunden, was da für ein großes Album kommt, und das Video von „Only Happy When It Rains“ war aus der Heavy Rotation des damals noch rein englischsprachigen MTV Europe nicht wegzudenken.

Garbage waren vor 20 Jahren die perfekte Mischung aus guter Musik und exzellentem Producing. Eine Band, die Jungs-Sound machte, aber eine unfassbar coole Frontfrau hatte. Ohne Garbage und ihr Debütalbum wären viele von uns heute nicht die, die wir jetzt sind.

* Das Schlagzeug allein wäre schwer, denn das ist am Anfang genau so wie „Train In Vain“ von The Clash. Vermutlich steh ich deswegen so auf „Stupid Girl“.

Kerstin

Es gibt ein paar Bands, deren Sound einen gedanklich sofort zurück katapultiert in diese wilde und nostalgisch leicht verklärte Zeit zwischen Mittel- und Oberstufe. Die Zeit, wo sich neben einer gefestigten Persönlichkeit endgültig auch ein ernstzunehmender Musikgeschmack entwickelt hat. Die Smashing Pumpkins sind bei mir so eine Band, Nirvana oder Pearl Jam – und auch Garbage.
Irgendwo zwischen Grunge, Indie und Britpop aber mit einer erfrischend angepunkten Attitüde dieser fetzen-lässigen Braut am Mikro.

Für mich gings bei dieser Band eigentlich immer nur um die Frontfrau. Shirley Manson hat mich damals wirklich ziemlich fasziniert. Sie war einerseits kein Gör, sondern eine gestandene Frau Ende 20, hatte aber trotzdem immer etwas mädchenhaftes, ohne dabei süß zu wirken. Sie war tough, auf eigenwillige Weise hübsch, machte geile Musik und selbstbewusst ihren Mund auf.
Meine Güte, wie oft ich mir das Video zu „Only Happy When It Rains“ angeschaut hab. Ich wollte dieses Kleid. Genau dieses Kleid, einmal in blau, einmal in pink. Was hab ich nach so einem Kleid gesucht? Ich war kurz davor, die Nähmaschine meiner Mama rauszureißen, ohne den blassesten Schimmer, wo man die überhaupt anschaltet, aber sie wusste Schlimmeres zu verhindern. Und natürlich die Stiefel. Jedes Mal stand ich wieder im Grünberger in Simbach und hab nach solchen Tretern geschaut (Am Ende bin ich doch wieder mit Docs heimgekommen.). Und dann noch diese Haarfarbe! Ja, Shirley Manson war ein bisschen (unerreichte) Style-Ikone.

1995 gings rückblickend also auch los mit meinem Faible für alles, was aus Schottland kommt. Das Geburtsjahr dieser Platte mit dem pinken Federcover war auch das Geburtsjahr von „Braveheart“. Ich schäme mich nicht, hier zuzugeben, dass ich das leicht wahnwitzige Mel-Gibson-Epos so oft auf VHS gesehen habe, dass das Band an manchen Stellen leierte. Jetzt wisst ihrs. Und auch heute noch würd ich mir jederzeit irgendeinen coolen Schotten ins Wohnzimmer setzen, der mir wahllos aus Büchern vorliest (vorzugsweise natürlich Simon Neil oder James Mc Avoy). Dieser Akzent ist schon ein bisschen irre.

Shirley Manson ist auch immer noch eine coole Sau. Kein Wunder, dass sie extrem dicke mit Brody Dalle ist und auf derem ersten Solo-Album stimmlich geholfen hat. Dazu sagt sie auch  immer noch, was sie denkt. Ob’s jetzt darum geht auszusprechen, dass sie niemals Kinder haben wollte, oder dass sie ihre Rotzlöffeligkeit in frühen Interviews rückblickend schon grenzwertig findet. Nebenbei bläst sie dann auch mal Kanye im Machtrausch per Social Media den Marsch, ohne ihn dabei gleichzeitig künstlerisch zu diskreditieren. Ja, die Shirley weiß Bescheid!

Ach so, ums Album sollte es hier ja auch gehen… Meine Favoriten finden sich ganz klar in der ersten Hälfte. „Stupid Girl“ in allen Ehren (Zweifellos geiler Song, und dieser Emma-Peel-Gedächtnislook im Video – wieder so ein stylemäßiger Schmachtanfall.), aber mein CD-Player sprang phasenweise fast manisch zwischen den ersten 3 Songs. Der Einstieg „Supervixen“ war eine Ansage. Wie er zwischen reduzierten Strophen und diesem dreckigen Refrain voll verzerrter Gitarren pendelt ist schon stark. Dann das so fluffig wie bedrohlich schwelende „Queer“, großartig! Und mein Dauer-Repeat-Kandidat „Only Happy When It Rains“. Der Song ist immer noch cool. Die Kleider auch. Verdammt, ich muss nochmal nach Mamas Nähmaschine schauen…

Pünktlich zum Album-Jubiläum veröffentlicht PIAS am 2. Oktober eine „20th Anniversary Edition“ des selbstbetitelten Garbage-Debüts. Darauf enthalten sind neben den remasterten Original-Songs u.a. bislang unveröffentlichte Versionen der Stücke sowie Remixe. Außerdem spielt die Band am 31. Oktober im Rahmen ihrer „20 Years Queer“-Tour eine Show im Kölner Palladium. Und übrigens: Garbage arbeiten derzeit an ihrem sechsten Studioalbum, das 2016 erscheinen soll.

Fotos: Presse/PIAS