Elliot Moss ist für uns in Europa noch ein relativ unbeschriebenes Blatt. Allerdings besitzt er in seiner Heimat, den USA, schon eine feine Fangemeinde, die sich stetig vergrößert. Über 20 Millionen Klicks für ein Video, in seinem Fall das zu „Slip“ – davon träumt auch mancher alter Hase im Business.

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Okay, die über 20 Millionen Klicks kamen nicht einfach so. Der Tänzer Philip Chbeeb hat eines seiner Tanzvideos mit Moss‘ Song „Slip“ unterlegt. Es ist ein fließender Song, der dem Pianisten und Sänger Elliot Moss da gelungen ist. Man vergleicht ihn gern mal mit James Blake. Lorbeeren, die der 21-jährige auch verdient. Er singt, er mischt gekonnt Elektro-Beats unter seine Tracks und schaft so ein spielerisches Zusammenspiel von Jazz, Ambient, Elektro und Pop. Ein Track als Synonym für ein ganzes Album? Wir hören da mal genauer hin:

Der Opener und albumgebende Track „Highspeeds“ ist eine sanfte, fast scheue Nummer. Erst bei knapp  zwei Minuten setzen die Elektro-Beats ein. Moss singt von der Müdigkeit, die der Schnelllebigkeit der Welt so sehr entgegensteht. „Big Bad Wolf“ hat dagegen eine sehr coole Bassline, sehr sehr cool. Moss spricht seine Strophen und singt nur den Refrain, der von einem Gitarren-Riff verstärkt wirkt. Seine Stimme flüstert manchmal fast, wirkt bedrohlich – wie der große böse Wolf also.

„Slip“ als dritter Song auf „Highspeeds“ also. Seht euch nur mal das Video an! Als wäre der Song nur dafür gemacht. Dominierend hier die Beats neben Moss‘ unaufdringlichem Gesang. Der New Yorker Moss schafft es also, in seinen ersten drei Albumtracks vier seiner Stärken herauszuarbeiten: Gesang. Beats. Gitarre. Klavier. Sauber.

Schön auch, dass es Zwischenstücke gibt, „Into the Icebox“  ist so eins. Man hört vor allem Elliot Moss am Piano klimpern, aber eher schon eine Ragtime-Melodie als alles andere, was wir vorher gehört haben. Plötzlich hört man eine Frauenstimme nach einem „Dr. Davis“ und einem „Dr. Player“ rufen. Sind wir etwa im Krankenhaus, der Vorstufe zu „Icebox“ des Lebens? Gut möglich, wenn man das Gepiepse und Geratter und den Sinus-Rhythmus danach einrechnet. Spannend.

Nahtlos geht das alles auch in „Pattern Repeating“ weiter. „Switch me off“ – fleht Moss da, zur Meloedie eines Vibraphons. Wie geil! Jeder, der bewusst Xylophone und Vibraphone in seine Songs einbaut, kriegt einen Preis von mir! Der Text scheint sich wirklich um einen Krankenhausaufenthalt zu drehen. Zwischen „switch me off“ und „please wake me up“, verlangt Moss ihm das Blut aus den Adern laufen zu lassen. Dazu gibt es Drums, das Vibraphon und ganz unaufdringlichen Elektro-Spielereinen.

Und natürlich darf das Stück mit der akustischen Gitarre auf „Highspeeds“ nicht fehlen, damit mir das Album gefällt: cover_elliotmoss„Even Great Things“ ist das. Bis jetzt hab ich mich gewundert, wieso Elliot Moss auch mit Bon Iver verglichen wurde, jetzt weiß ich es. Es ist ein trauriger Song über das Auseinandergehen, der sich erst ab gut über der Hälfte an Synthie-Sounds bedient. Es geht um Abschied, um das Nicht-Loslassen-Können. Die Synthie-Sounds treten nur so kurz auf, dass einem vielmehr die Gitarrenmelodie im Kopf bleibt. Großer, trauriger Song!

Elliot Moss kann sogar manchmal wie Adam Levine in nicht-nervig klingen, „I Can’t Swim“ zeigt das. Geschmeidig-kühler Track, der recht dissonant beginnt und endlich Moss‘ Stimme in den Vordergund schiebt, die Gitarre ist zwar da, aber ganz klar steht er bei dem tanzbaren Song im Vordergrund. Ganz schön lässig. „Farraday Cage“ erinnert mich an die mittleren Neunziger, aber im guten Sinn. Als damals Massive Attack das erste Mal in meinen Playlisten auftauchte oder Radiohead auf „Amnesiac“ zum ersten Mal hart in die Elektro-Kerbe geschlagen haben. Es ist verwunderlich, wie sehr Elliot Moss seine Stimme ändern kann. Vorhin der Vergleich mit Adam Levine und zum guten Schluss, in „Best Light“, klingt er so unterkühlt, so distanziert – Wahnsinn, dass das alles eine einzige Person hinbekommt. Moss entlässt uns mit einem Elektro-Popsong, der komplett ohne Klavier oder Gitarre auskommt.

Ich bin ja eigentlich nicht der größte Fan von poppigen Elektro-Geschichten, von Elektro ja ganz allgemein. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel und ganz ehrlich: Wenn mich ein Album nach den ersten paar Sekunden so hat wie „Highspeeds“ von Elliot Moss, dann darf das gern die Ausnahme sein. „Highspeeds“ hat so ziemlich alles, was es für mich zu einem gelungenen Album der Elektro-Pop-Schiene macht: Logo, Beats und Loops en masse und eine recht kühle, teils schon spärische Stimme, aber eben auch Gitarren und Klavier. Cooles Ding!

Elliot Moss ist für zwei Konzerte während des Reeperbahn Festivals zu Gast. Den schauen wir uns sicher an und vielleicht können wir ihm aus der Nase kitzeln, was es mit „Dr. Davis“ und „Dr. Player“ zu tun hat. Wen wir uns sonst noch vornehmen? Mehr noch zum Start des #rbf15 hier!

„Highspeeds“ von Elliot Moss erscheint am 25.09.2015 bei PIAS.

Foto: PR