Kwabs legt mit „Love + War“ endlich sein Debütalbum vor. Darauf verschmilzt seine warme Soul-Stimme mit den kühlen Synthie-Sounds von Produzenten wie Sohn und Dave Okumu. Im Interview erzählt Kwabs, welche Musik ihn als Kind inspirierte und was er vom Buckingham Palace hält.Kwabs_New_Press_Picture_628

Fassungslose Gesichter. Offene Münder, große Augen. Vielleicht sogar ein paar Tränchen der Rührung. Als Kwabs vor vier Jahren im Buckingham Palace den Gospel „Sometimes I Feel Like A Motherless Child“ hinbutterte, unterlag sogar Prince Harry seiner samtweichen, warmen Bariton-Stimme.

Der junge Londoner Sänger hatte damals an der BBC-Show „Goldie’s Band: By Royal Appointment“ teilgenommen, bei der zwölf Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien mit unterschiedlichen Backgrounds aus ganz Großbritannien von dem britischen Drum’n’Bass-Pionier Goldie gefördert wurden. Das Finale fand nicht wie bei schnöden Castingshows in einer schmucklosen Mehrzweckhalle statt, sondern im Buckingham Palace. „Ein cooler Ort, aber die Ausstattung ist Mist. Sehr herausgeputzt, aber geschmacklos“, lacht Kwabs beim Interview in München. War er nicht aufgeregt? „Wenn das Licht angeht und man singt, fühlt es sich überall ähnlich an. Das Projekt war für mich als Musikstudent eine Möglichkeit, mal etwas Neues auszuprobieren“, so der Sänger, dessen leichtes Lispeln ihn noch sympathischer macht.

Eine Castingshow wie „X Factor“ oder „Pop Idol“ wäre für Kwabs nicht in Frage gekommen, wie er betont. TV-Macher, die auf Quoten schielen, inszenieren gerne die Geschichten ihrer Kandidaten gerne als tränenreiche Melodramen. Das sei für ihn nie eine Option gewesen, so Kwabs. „Mir ist klar, dass meine Story interessant wäre für solche Formate. Aber meine persönliche Geschichte ist mir sehr wichtig und ich möchte sie nicht ausschlachten, um meine Karriere als Musiker voranzubringen. Das ist zu billig.“

Von Gospel bis Jazz

kwabsKwabs, bürgerlich Kwabena Sarkodee Adjepong, dessen Eltern aus Ghana stammen, wuchs bei zwei Pflegefamilien auf. Die erste, bei der er im Alter von elf bis 14 war, war türkischstämmig und hörte viel orientalische Musik. Die zweite Familie war afro-karibischen Ursprungs und sehr christlich geprägt und hörte dementsprechend sehr viel sakrale Musik, darunter auch modernen Gospel und R’n’B. Eine Musiklehrerin brachte Kwabs zum National Youth Jazz Orchestra – bei dem auch Amy Winehouse einst Mitglied war. Dort sang das Jungtalent drei Jahre lang als Lead Vocalist. Später studierte Kwabs an der Jazz an der Royal Academy of Music.

Nachdem er 2012 zwei Cover-Versionen von Corinne Bailey Rae und James Blake auf YouTube gepostet hatte, wurde Atlantic Records auf den Newcomer aufmerksam und nahm ihn unter Vertrag. Das Label veröffentlichte 2014 drei EPs: „Wrong Or Right„im Februar, „Pray For Love“ im Mai und „Walk“ im Oktober. Mit dem Titelsong der letzten EP stürmte Kwabs im deutschsprachigen Raum die Charts. Anfang des Jahres fand sich der Brite plötzlich auf Platz eins der deutschen Hitliste wieder. Eine Erklärung, weshalb er gerade hierzulande so erfolgreich ist, hat Kwabs nicht. Nach Berlin wird er jedenfalls nicht ziehen, er habe sich gerade eine Wohnung in London gekauft, erzählt er.

Walk“ wurde mittlerweile über 80 Millionen Mal bei YouTube geklickt und 50 Millionen bei Spotify gestreamt. Ab und zu checkt Kwabs, welche seiner Songs wie oft gespielt werden, um zu sehen, wie Fans auf sein Material reagieren. „Da kommt ein wenig der Nerd durch“, grinst er. Zudem ist „Walk“ im Konsolenspiel „FIFA 15“ zu hören. Da er selbst keine Videogames mehr spielt, hat er aber noch nie zu seinem eigenen Song gezockt.

Auch prominente Kollegen wie Jessie Ware und Emeli Sandé sind Kwabs längst erlegen. Aufgrund seiner gefühlvollen Stimme wird Kwabs oft mit Größen wie Marvin Gaye und Stevie Wonder verglichen. Die samtweiche Stimme des Londoner Sängers mit ghanaischen Wurzeln trifft mitten ins Herz, die kühlen Elektro-Sounds setzen einen angenehmen Kontrast – ganz anders als etwa beim Old-School-Soul von Leon Bridges.

Den elektronischen Sound, von Kritikern auch als Synth&B bezeichnet, entwickelte Kwabs vor zwei Jahren gemeinsam mit Sohn in Wien, wo der britische Produzent lebt. Immer wieder werden die beiden mit Seal und Adamski verglichen, die in den Achtzigern ebenfalls Soul und Synthie-Sounds verbanden. Der von Sohn und Kwabs produzierte Track „Wrong Or Right“ wurde zu einer Art Benchmark für den Stil des Kwabs-Debütalbums. „Das war der Ursprung der Reise meiner musikalischen Identität.“ Die anderen Songs auf „Love + War“ orientieren sich teilweise daran. Unterstützung erhielt der 25-Jährige u.a. von bis dato eher in Szenekreisen bekannten Produzenten wie Dave Okumu, Sam Romans, Felix Joseph, Cass Lowe und TMS.

Während „Wrong Or Right“ und die zweite Single „Pray For Love“ mit einem düsteren, elektronischen Soul-Sound überzeugen konnten, kam“Walk“ bereits verdächtig glatt produziert und radiokompatibel daher. Leider wurden auch einige andere Songs auf „Love + War“ offensichtlich in Hinblick auf Radio-Airplay produziert. Manche der Songs wie „Layback“ kommen recht weichgespült daher und kommen der Grenze zum Kitsch gefährlich nah. Gospel, Jazz, Pop, Soul und Electronica verschmelzen leider zu einem Einheitsbrei. Nichtsdestotrotz: Im Fokus der Produktion steht stets die tiefe, warme Stimme von Kwabs, die sich wie ein warmer Honig-Karamel-Guss über ihnen ergießt.

Während manche Kritiker keinen weiteren Ohrwurm auf dem Album heraushören, kann man die aktuelle, ebenfalls von Sohn produzierte Single „My Own“ bereits nach zwei-, dreimaligen Hören mitsummen. Auch „Make You Mine“ sticht durch eine eingängige Hookline heraus.

Mit seinem Sound fühlt sich Kwabs bei Jazz-, Reagge und Pop-Festivals gleichermaßen aufgehoben. So trat er sowohl beim Melt! als auch beim Summerjam Festival auf. Er bewegt sich quasi zwischen den Genres bzw. verbindet sie. Und beim nächsten Album einfach den Weichspülgang raus. Ein bisschen Dreck schadet schließlich nie. Kwabs‘ Hammer-Stimme wirkt als Fleckenlöser Wunder. Äh, ja, ich hör jetzt auf.

Kwabs Tour 2015
Im November tourt Kwabs durch Deutschland und die Schweiz. Und was kommt danach? „Die Weltherrschaft“, lacht er. „Nein, im Ernst, ich weiß es nicht. Und das ist völlig okay so. Ich möchte erstmal abwarten, welche Möglichkeiten sich nach dem Album-Release ergeben. Ich bin sehr zuversichtlich, dass es weitergehen wird.“
8.11. Zürich, Kaufleuten
23.11. Berlin, Huxley’s Neue Welt
24.11. Hamburg, Große Freiheit 36
27.11. München, Muffathalle

Foto: Warner Music