Regen draußen, Sonne im Herzen: Renzo und Ursi machen sich auf zum Reeperbahn Festival nach Hamburg. Sehr viele Bands finden sich in allen möglichen Locations rund um die Reeperbahn ein. Ursi hat einen straffen Zeitplan, den sie sowieso nicht einhalten wird, aber man kann es ja mal versuchen. Mit Playlist.

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Das Reeperbahn Festival, oder kurz #rbf15, findet dieses Jahr in seiner zehnten Auflage statt. Es orientiert sich am großen, legendären SXSW in Austin. Neben einem Haufen Bands und Showcases aus aller Herren Länder gibt es eine tägliche Show mit dem alten MTV-Fuchs Ray Cokes, der frühere MTV-News-Sprecher Steve Blame interviewt Terry Hall von den Specials und rundum das Thema Musik gibts auch noch Vorträge, Panels und Ausstellungen – alles, was das Herz begehrt. Woher alles kommt und wie es gedacht ist, könnt ihr in dieser Doku sehen.

Dann schau ma mal, was so geht: Mittwoch, heute, gehts schon los. Renzo und ich reisen gemeinsam an, dann verzieht sich jeder in seine Unterkunft (Ich sage an dieser Stelle nochmals: Danke, Altona!) und vermutlich treffen wir uns dann später wieder für einen recht elektronischen Start des Festivals:  The/Das aus Berlin, die ihren Style als „Techno Tenderness“ bezeichnen und früher Mitglieder bei Bodi Bill waren, treten mit ihren elektronischen Beats und „sanften Vocals“ im Mojo Club auf. Oder aber, und wahrscheinlicher für mich, man schaut sich Tim Vantol in der Spielbude an. „If We Go Down, We Go Together“ ist eigentlich zu gut um es sich nicht sofort live anzuschauen.

Um 22.30 Uhr könnte man zu GODS, dem Muiskerkollektiv aus Wales, Österreich und England, gehen. Is schon auch Elektro, erinnert mich ein bisschen an Chvrches und ihr „Unnatural“ war einer der Songs, die mich bei meinem Dauerstream von FM4 im Sommer aufhorchen ließ. Ebenfalls in Österreich beheimatet sind HVOB, im echten Leben Anna Müller und Paul Wallner. Die durfte ich letzte Jahr schon beim Utopia Island sehen  – sind live recht gut und bringen auf der Bühne auch ihren minimalistischen Stil rüber. Dann geben sich Sizarr noch ein Stelldichein, allerdings spielen die beim PULS-Festival mit dem Rundfunkorchester des BR und vielleicht schau ich mir den dann da an und geh lieber noch auf ein Bier am Anreisetag. Oder „Zur Geilen Knolle“, der Astra-Bühne – impliziert ja auch Bier.

Was man am Mittwochabend verpasst hat, kann man glücklicherweise am Donnerstagmittag nachholen: Tim Vantol spielt um 12.30 Uhr nochmals auf.  Oder aber man geht zum Musiknews-Altmeister Steve Blame und hört und sieht, wie er Terry Hall von den Specials befragt. Geplant ist ein Spaziergang durch die Musikgeschichte und eine Diskussion über Politik in der aktuellen Popmusik. Mit Paper Beat Scissors treffe ich einen alten Bekannten vom Theatron wieder. Der Brite Tim Crabtree, der sich Halifax als Wahlheimat ausgesucht hat, ist ein großer Bastler mit elektronischen Loops und gezupfter Akkustikgitarre und grade recht als gechillter Start in einen neuen Tag Festival. Wenn das Wetter gut ist, kann man danach fein zur Viva Con Agua Open Block Party gehen oder wenn es regnet zu Ray’s Reeperbahn Revue. Wer das frühere Krawallkind von MTV noch kennt, weiß, das bei „MTV’s Most Wanted With Ray Cokes“ oft sehr Unvorhersehbares passierte und die Anarchie beherrscht seine Show immer noch. Abends wird es dann folkig: Die Great Lake Swimmers aus Kanada machen Sechziger-Folk, also schieben kein Neo-Dings. Da schlägt mein leicht vernachlässigtes Folk-Herz natürlich höher.

Im Sommersalon spielen zur gleichen Zeit Lokalmatadoren von daheim auf: Die Young Chinese Dogs aus München machen Indie-Pop unter anderem mit Kinderklavier, Gitarre und Ukulele. Das Trio trifft man aber mit Glück auch am Tresen einer Münchner Bar (Hi, Rennsalon!) oder bei einem Heimspiel. Kennt ihr nicht? Solltet ihr. Später am Abend wirds noch folklastiger: Die Handsome Family spielt im Knust. Wer die erste Staffel von „True Detective“ gesehen hat, kann sich hundertprozentig auch an den melancholischen Opener Track „Far From Any Road“ erinnern: Alt-Country trifft Americana trifft Bluegrass. Super wird das, was das Ehepaar Sparks da abliefern wird! Lauter wird es zur Geisterstunde, wenn Kid Wave um Mitternacht das Molotow übernehmen. Klingen verdammt noch mal nach der guten Seite der Neunziger und das möchte ich natürlich unbedingt sehen, is klar.

Freitag, Halbzeit. Da gehts auch gediegen los mit einer Band, die uns hier vom Blog sehr am Herzen liegt, mit den Crooked Brothers nämlich. „Thank You I’m Sorry“ ist ein absolut gelungenes Americana-Album und ich freu mich schon, die drei Herren live zu sehen. (Das geht übrigens später im Monat auch noch in München für alle Daheimgebliebenen!). Am frühen Abend überschlagen sich dann die Konzerte, wie für einen Freitagabend bei einem Festival ja üblich: Lucy Rose, die Folk-Britin, die von XFM so gehyped wurde und diverse andere Showcases aus England spielen etwa zeitgleich. Der Hooton Tennis Club könnte was taugen, ebenso wie Sundara Karma, beide imKonzert-Aufgebot der British Music Embassy. Allerdings kann man sich auch für schrammelig vom Feinstenntscheiden: The Courettes, ein Duo aus Dänemark, stehen ganz weit oben auf meiner Liste. Schauen ähnlich aus wie die White Stripes, spielen aber die Instrumente für ihren Sixties-Garagensound in umgekehrten Rollen. Und weil bei Renzo und mir bekanntlich bissl Hip Hop nicht fehlen darf oder eben auch nicht stört, wollten wir uns gern Oddisee anschauen: Gesellschaftskritische Texte treffen astreine Beats und coole Samples, ganz ohne Gangster-Attitüde.

Für den Tag sind wir aber noch nicht fertig: Cosmo Sheldrake aus London wäre da mit seinem Sound, der oft Alltagsgeräusche zur Instrumentierung mit einbaut, noch eine Option. And the Golden Choir wurde uns aber speziell ans Herz gelegt. Tobias Siebert, einziger Künstler des Projekts, war Vorband von Kettcars Marcus Wiebusch auf dessen Solotour und nachdem uns so sehr von besagterm Golden Choir vorgeschwärmt wurde, können wir gar nicht anders als hinzugehen. Vielleicht auch nur, um noch mal zur Ruhe zu kommen, bevor wir zum DJ Set von Arthur Baker wackeln.

Endspurt am Samstag: Ein Muss ist für mich ganz klar Elliott Moss,  ich hab ja schon genug von seinem Album „Highspeeds“ geschwärmt. Neben  Folk von Wakey  Wakey, dem Multitalent von Musiker, Schauspieler und Bartender, gibts dann endlich eine Live-Show von Luke Sital-Singh, mit dem ich ja vor einiger Zeit schon einmal über Ruhm, Ehre und plötzlichen Erfolg am Telefon gesprochen habe. Und bevor wir auf der letzten Party noch mal im Molotow durchdrehen, weinen wir gemeinsam bei  William Fitzsimmons. Der spielt in keiner geringeren Location wie davor schon Sital-Singh, nämlich im Hamburger Michel, seines Zeichens Wahrzeichen der Stadt. Herrlich wird das!

Hier die Playlist für alle möglichen genannten und ungenannten Acts:

Oder wir gehen einfach ganz woanders hin. Schauen uns ganz andere Konzerte an. Lassen uns von anderen mitziehen. Oder versumpfen in der Hasenschaukel. Oder oder oder. Ich freu mich auf vier Tage Konzertewahnsinn in Hamburg! Wie es denn ist, seht ihr auf unserem Instagram– und/oder Twitter-Feed und wie es dann wirklich war, erzählen wir nächste Woche dann hier. Bis dann, servus!

Foto: PR