Steaming Satellites aus Salzburg haben am Freitag ihr neues Album vorgelegt und das selbstbetitelte Drittwerk ist schon ein ziemlich starkes Stück Musik. Es klingt durchaus anders als seine beiden Vorgänger. „Steaming Satellites“ traut sich noch mehr, spielt gekonnt mit Erwartungen und sprengt noch ambitionierter Genregrenzen. Man pendelt zwischen Blueskneipe und Disko, zwischen Rockshow und Rotz-und-Wasser-Heulen. Trotzdem passt am Ende alles zusammen. Eine Reise, deren Weg das Ziel ist. Wie das Leben halt.

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Salzburg ist Festspielschmonz und Beislschmäh, luftige Nockerln und deftige Bosna, Andacht vorm Mozart-Geburtshaus und marodierende Touri-Horden im Mirabellgarten. So wunderschön dieses Schmuckstück an der Salzach auch sein mag, die Subkultur hats sicher nicht leicht zwischen Klassikwahn und Spießbürgertum.
Das hat ein paar Herren aus dem südlichen Umland aber nicht davon abgehalten sich vor gut 10 Jahren eines nicht gerade gängigen Genres anzunehmen. Spacerock sollte es sein, oder ist es einfach organischerweise geworden.

Nach den beiden sehr gelungenen und vielgelobten Platten „The Mustache Mozart Affaire“ (2011) und „Slipstream“ (2013) sowie einem der eindringlichsten Soundtrackmomente des vergangenen Kinojahres – „How Dare You“ zierte den formidablen Indie-Alpen Western „Das Finstere Tal“ – haben die Steaming Satellites ihrem aktuellen Album den eigenen Namen gegeben. Das heißt ja immer was.
In dem Fall, dass in der Brust dieser Band viele gleichberechtigte Herzen schlagen. Es kann der sensiblen Künstlerseele schon mal schwer fallen, sich durchzunavigieren durch diesen schier unendlichen Kosmos an Möglichkeiten, vor allem, wenn dann noch eine gehörige Portion Perfektionismus dazu kommt.
Denn Ankommen ist ja eine Sache, den interessantesten Weg finden wiederum die andere.
Erstmalig haben sie mit Sebastian „Zebo“ Adam (der u.a. schon mit ihren Landsmännern von Bilderbuch gearbeitet hat) einen externen Produzenten an Bord geholt. Der half beim Kanalisieren und Steuern, Abstriche wurden trotzdem nicht gemacht, die Platte sogar live eingespielt. War es in der Vergangenheit schon das ein oder andere Mal kurz vor knapp in Sachen Auflösung, hat man laut Band bei diesen Aufnahmen eigentlich das erste Mal wirklich als eine agiert.

SteamingSatellites_DPK6_2.indd„Leben ist das, was passiert während du andere Pläne machst.“, sagt ein Sprichwort. Die Vorgeschichte zu dieser Platte war keine leichte, es wurde viel gezweifelt, kurz vorm Studiotermin gar überlegt hinzuwerfen. Aber man hat sich besonnen und durchgezogen. Man hört es der Platte jetzt an, dass da Leben und Erfahrungen drinstecken. Und dass man mutig war, mehr zugelassen hat. „Steaming Satellites“ sprüht nur so vor Einflüssen, Eindrücken und Energie. Im Indie-Rock verwurzelt bandeln sie gekonnt mit Blues, Funk und Soul an, erlauben sich beherzt Pop-Ausflüge und lassen ihre Stücke mal kompakt und mit voller Wucht auf uns los, dann umschmeicheln sie uns wieder ganz behutsam. Lage um Lage gilt es beim Hören abzuschälen, dafür brauchts auch mal mehrere Durchgänge. Das ist dann nicht immer gradlinig und vielleicht auch nicht immer einfach, aber es ist spannend und lohnend. Wie sich da an eine eher klassische Rocknummer mit ausuferndem Jam-Outro („Circles“) ein bluesiger Walzer reiht („Unfold“ lädt zum wahrscheinlich schönsten Schieber des Jahres ein) und daran wiederum eine atemlose, so gitarren- wie synthies-lastige Rockkapriole („Back And Forth“), das macht schon Spaß.

Max Borchardt (Gesang, Gitarre), Emanuel Krimplstätter (Keyboards, Gesang) und Matthäus Weber (Schlagzeug, Gesang) haben sich zuletzt mit Manfred Mader (Bass, Percussion) wieder zum Quartett verstärkt. Zusammen wird der musikalische Geist von Legenden wie Led Zepellin oder den Flaming Lips heraufbeschworen und mit Einflüssen von Portugal. The Man, den Black Keys oder Kings Of Leon ins Heute geholt.
Neben dem allgegenwärtigen, lässigen Seventies Vibe, der immer noch über allem thront, ist es auch Borchardts wahnsinnige Stimme, die das Ganze stets zusammenhält und gleichzeitig auf eine höhere Ebene katapultiert. Irre, wie etwas gleichzeitig so wohltuend retro und modern klingen kann. Sie nehmen uns über die 13 Songs dieser Platte mit auf eine Reise, deren Tempo sich ständig ändert und die einen auf eine musikalische Mission schickt von vorgestern nach übermorgen.

Es beginnt mit zarten Gitarrenklängen, gefolgt von einem prägnanten Pianostakkato, bevor sich „Together“ zu einer leichten, groovy Ouvertüre auswächst. Der Song wird übrigens ab Mitte Oktober im österreichischen Coming Of Age Film „Beautiful Girl“ zu hören sein (einen deutschen Kinostart gibt es bisher noch nicht). Bei „Rocket“ wird dann die Discokugel angeworfen, das Tanzbein zuckt, und bei „Unreal“ umspinnen flirrende Synthies ein treibendes Duo aus Beat und Bassline. Starkes Stück, mit extra starkem Outro.

Und dann ist da „Honey“. Meine Güte, ist dieses Lied schön. Die filigrane Gitarrenmelodie am Anfang, der feinsinnige Text („Sweet little Honey/ You’ve got to take me broke as I am/ Cause I’m wasting my money/ Can’t you see I need help from a friend“), das butterweiche Harmonie-Himmelbett am Ende.
Am Samstag hat die Band im Rahmen eines FM4 Überraschungskonzerts im rappelvollen Innsbrucker Weekender das Material der neuen Platte zum allerersten Mal live vorgestellt, und in der Bühnen-Version ist dieser Song quasi überirdisch.
Man will die Sonne aufgehen sehen, sich die flauschige Decke über beide Ohren ziehen, Leute umarmen, am Besten alles gleichzeitig. „Honey“ ist der Inbegriff von musikalischem Balsam. So unfassbar geschmeidig und genau richtig gezuckert. Ein brutaler Hit. (Ok, Entschuldigung. Ich steh echt unfassbar auf diesen Song… Weil es einfach so verdammt schwer ist, eine wirklich gute, halbwegs klassische Ballade zu machen, für Leute, die klassische Balladen eigentlich gar nicht leiden können.)

Ein weiterer Liebling ist „Door“. Das geht runter wie Öl. Die zunächst zarten Gitarrenklänge verdichten sich schnell, dazu erst ein leicht düsterer, dann versöhnlicherer Grundton und mehrstimmige Gesangsharmonien. Extrem atmosphärisch – Gänsehautmaterial. Und auch das Schlusslicht „Move On“ muss noch Erwähnung finden. Dieser Song klingt so 100% nach ihnen, dass es zum Ende nochmal eine echte Wohltat ist. „Let me talk about some things/ I think it’s critical/ Still at the center filed/ Still behaving typical/ Repeating memories/ Defeating my old enemies/ I guess it’s time to say good bye.“ heißt es hier. Kampfansage und Katharsis in einem. Interessanterweise war der Song in einer früheren Arbeitsphase mal der Opener des Albums. Wäre genauso stimmig gewesen.

Diese Platte ist nicht weniger kompromisslos als die beiden anderen, aber auf ihre eigene Art und Weise. Sie ist weniger abstrakt als ihre Vorgänger, zugänglicher könnte man sagen oder auch einfach menschlicher. Banal wird es dabei trotzdem nicht, sie geizen nie mit musikalischer Rafinesse. Aber, auch das ist sehr lässig, nirgends berechnendes Rausziehen oder unnötiges Wiederholen, kein „Fishing for Compliments“ und mancher Song geht anders zu Ende als man es erwarten möchte. Zum Schluss wird auch mal unverhofft Gas rausgenommen, ein dezenter Haken geschlagen. Wo die Melodien und Arrangements sich immer schmeichelnd und wohltuend aufbauen, driftet man über die Länge der Songs trotzdem nie in Gefälligkeit ab.

„Steaming Satellites“ ist eine wunderbar geratene Platte. Abwechslungsreich und zugleich so stimmig, musikalisch dicht und tiptop arrangiert, mit krachigen Hits, gandenlosen Ohrwürmern und der richtigen Mischung aus mal wilderen, mal sanfteren Zwischentönen.
Sie selber sagen ja, die Band der Stunde kommt aus Australien, in Form von Tame Impala. Das mag sein. Aber was die Band der Zukunft angeht, würde ich mal getrost ein paar Buchstaben umarrangieren und sagen, die kommt aus Austria.

Wir freuen uns jetzt schon extrem auf alles, was wir noch von den Steaming Satellites hören werden.
Zuerst sind das jetzt mal die Live-Shows, die das Quartett im Oktober und November auf zahlreiche Bühnen in Deutschland, Österreich und der Schweiz führen werden. Für ihre hervorragenden Konzerte sind sie bekannt und berüchtigt – man darf sich also auf durchtanzte, verschwitzt-euphorische Konzertnächte freuen. (Könnte auch gut sein, dass wir da bald noch was für euch haben…)

Steaming Satellites live on Tour, präsentiert von The Music Minutes:

Sa. 10.10.15 A – Salzburg – 22nd Rockhouse Birthday Party pt. 2
Do. 22.10.15 A – Wien – WuK
Fr. 23.10.15 A – Graz – PPC
Sa. 24.10.15 A – Linz – Posthof
Mo. 26.10.15 D – Rüsselsheim – Das Rind
Di. 27.10.15 D – Münster – Sputnik Cafe
Mi. 28.10.15 D – Nürnberg – MuZ
Do. 29.10.15 D – Berlin – BiNuu
Fr. 30.10.15 D – Dresden – Beatpol
Sa. 31.10.15 D – Erfurt – Franz Mehlhose
Mo. 02.11.15 D – Hamburg – Molotow
Di. 03.11.15 D – Dortmund – FZW
Mi. 04.11.15 D – Köln – Luxor
Do. 05.11.15 D – Karlsruhe – Substage
Fr. 06.11.15 CH – Bern – Dachstock
Sa. 07.11.15 CH – St Gallen – Grabenhalle
Mo. 09.11.15 D – Regensburg – Alte Mälzerei
Di. 10.11.15 D – Stuttgart – Schocken
Mi. 11.11.15 CH – Zürich – Dynamo Werk
Do. 12.11.15 D – Konstanz – Kulturladen
Fr. 13.11.15 D – München – Strom

Karten bekommt ihr hier oder über den lokalen Ticketshop eurer Wahl.

 

„Steaming Satellites“ von Steaming Satellites ist am 18.09.2015 bei The Instrument Village / Rough Trade erschienen.

Foto: Christian Meislinger