Die Reise geht weiter: Mit „Anthems for Doomed Youth“ werfen The Libertines keinen nostalgischen Blick auf die ach so gute alte Zeit zurück, sondern gehen mal wieder einen Schritt weiter. Gut so! – Ein Beitrag von Gastautorin Cordula Funke.

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Totgesagte leben länger – auf niemanden dürfte dieses Sinnbild wohl besser passen als auf die britische Band The Libertines. Die Band, die Freundschaft der beiden Frontmänner Pete Doherty und Carl Barât, die Musik – alles lag 2004 in Scherben. Und das keineswegs sinnbildlich. Zwei mittlerweile legendäre Alben, „Up the Bracket“ (2002) und „The Libertines“ (2004), zahlreiche Guerilla-Gigs, viele Streitereien und zu viele Drogen lagen zu diesem Zeitpunkt bereits hinter der Band. Eine Reunion? Unvorstellbar! Und jetzt, mehr als ein Jahrzehnt später, ging es wieder ins Studio für das dritte Album der Libertines: „Anthems for Doomed Youth“.

Soviel war über diese Platte bereits im Vorfeld berichtet und diskutiert worden, dass man das Gefühl hatte, das kann einfach nur schief gehen. Manche hofften wohl trotzdem, die Libertines würden den Rock’n’Roll erneut retten mit ihren unverkennbaren Gitarrenriffs und ihrer Fuck-it-all-Attitüde. Die anderen hatten Angst vor einem nostalgischen Blick zurück und ein verzweifeltes Anknüpfen an die „good old times“. The-Libertines-Anthems-For-A-Doomed-Youth-Deluxe---CMS-SourceUnd da stehen sie nun ganz entspannt auf dem Plattencover nebeneinander: Bassist John Hassall und Schlagzeuger Gary Powell an den Seiten, das Duo infernale Carl Barât und Pete Doherty in der Mitte und haben alle Unkenrufer mit ihrem neusten Werk „Anthems for Doomed Youth“ kalt erwischt.

Die schlechte Nachricht:  Die Rotzigkeit ist ihnen auf ihrem dritten Album tatsächlich verloren gegangen. Sauber, klar, geradezu strukturiert wirkt die Platte im Gegensatz zu den beiden anderen Libertines-Alben. Daran ist wahrscheinlich Produzent Jake Gosling nicht ganz unschuldig, schließlich arbeitet dieser sich sonst eher an Pop-Phänomenen wie One Direction oder Ed Sheeran ab. Da ließ Clash-Gitarrist Mick Jones, der die beiden ersten Alben produzierte,  bestimmt mehr Anarchie im Studio zu und den Egos von Doherty und Barât ihren Freiraum. Vielleicht passt diese Strukturiertheit aber auch zu einem Album, das eigentlich nur mit zwei Nummern, nämlich „Heart of the Matter“ und „Belly of the Best“, mit schnellen, torkelnden Melodien an alte Zeiten anknüpft und zum tanzen einlädt.

„Anthems for Doomed Youth“ ist ganz anders und klingt doch durch und durch nach den Libertines. Von „Crossroads“ singt Doherty auch auf diesem Album mit Vorliebe; sind sie schließlich nicht immer nur Kreuzungen, sondern auch ein Scheideweg. Und genau an einem solchen standen The Libertines mit der Entscheidung, eine neue Platte aufzunehmen. Und sie wählten den richtigen Weg. Sie werfen keinen Blick zurück und schwelgen nicht in typisch alter Rocker-Manier. Sie sind erst gar nicht angetreten, den Rock’n’Roll zu retten,  in „Gunga Din“ erklären sie wunderbar, dass sie gar keine Ahnung haben, wie das gehen sollte, stecken sie selbst doch noch irgendwie mittendrin. Aber zugleich ist man nun mal nicht mehr Mitte Zwanzig sondern Mitte Dreißig. Nicht nur die Fans, auch die Band ist den Lebensweg ein Stück weitergegangen und das auch musikalisch. Stichwort „Weiterentwicklung und so“.

Deshalb ist die schlechte Nachricht vielleicht gar keine so schlechte. Dass das rumplige Libertines-Geschrammel und die Ihr-könnt-uns-mal-Einstellung fehlen, gehört zur Entwicklung dazu. Und so wurde es ein Album, das sich nicht beim ersten Mal hören erschließt. Sich dafür mit jedem weiteren Mal ein bisschen mehr öffnet und dann besser, tiefer klingt. Keine Platte unbedingt für eine wilde Samstagnacht, eher den verregneten Sonntagnachmittag  („You’re my Waterloo“, „Iceman“!). Ja, The Libertines sind tatsächlich ein wenig erwachsen geworden. Und wir finden das völlig in Ordnung so.

„Anthems For The Doomed Youth“ von The Libertines ist am 11. September bei Universal erschienen.

IMG_0829Cordula ist Journalistin und Musikliebhaberin. Pete Doherty und auch die Libertines hat sie live erlebt und schätzt die Combo um den “Vorzeige-Rüpelrocker” sehr. Deshalb ist sie bei uns als Gastautorin für „All Things Pete and Carl“ die erste und beste Ansprechpartnerin.

 

 

 

 

 

Fotos: PR, privat