Schwarzes Gold. Ein Lakritzlikörchen im Innenhof des Molotow. Ja, das Reeperbahn Festival kann was. Neben Lakritzlikör, Mexikaner-Körbchen und Astra spielte aber natürlich die Musik die Hauptrolle. Und davon gab es beim Reeperbahn Festival jede Menge. Vier Tage Musik satt. Von Dark Pop über 60s-Garage-Rock und Folk bis Elektro. Aber der Reihe nach, hier Tag 1 und 2 von 4.

slide-rbf1

Los gehts am vorletzten Mittwoch im September. Nach einem Körbchen Mexikaner-Shots für 4,20 € in der legendären Hong-Kong-Hotel-Bar machen wir das Festival unsicher. The/Das, zwei Drittel der Berliner Elektro-Frickler Bodi Bill, treten im Mojo auf. Vor einer Wand mit 1001 Lichtern machen die beiden mit ihrem düsteren Elektro Laune. Die elektronischen Beats, die auf zurückhaltend-zarte Vocals treffen – nicht umsonst bezeichnen The/Das ihren Sound als „Techno Tenderness“ – sind leider etwas zu vernachlässigen. Vielleicht ist es für Berliner Elektro einfach zu früh. Immerhin: Frontmann Fabian Fenk mit seinem offensichtlichen Frotte-Fetisch ist recht faszinierend. Der Sänger trägt ein bunt gestreiftes Frotte-Kleid. Eine Disco-Diva in Handtuch quasi. Wir ziehen weiter.

Eigentlich ziehen wir nur vors Haus und über die Straße: Auf dem Spielbudenplatz spielt der Holländer Tim Vantol eine Show auf der neuen, kleine Bühne – die alte, große ist aus bisher ungeklärten Gründen abgebrannt und steht wie ein Mahnmal mit ihren verkokelten Balken am anderen Ende des Platzes. Zu Vantol kann man nur eins sagen: Er liefert ab und das gewaltig. art_vantolNach ein paar gezapften Astras und einer sehr sehr sympathischen Show wird flott noch ein Stelldichein mit dem Holländer für den Donnerstagmorgen klargemacht. In dem erzählt er von seiner Erfahrung als einer der ersten auf dem Spielbudenplatz zu spielen: Es wäre ja nicht einer der ersten Shows auf dem Reeperbahn Festival gewesen, sondern auch das erste Konzert seiner noch laufenden Tour. Er kannte seine Bandmitglieder noch nicht alle und wäre deshalb etwas nervös gewesen. „Ich hatte anfangs echt Angst, aber am Schluss war ich so glücklich“, so Vantol. Das Publikum ging mit und der Folk-Rocker meinte, alle hätten während seines Konzerts eine gute Zeit gehabt. Hatten sie! Mission accomplished.

Ohne irgendwo länger hängenzubleiben – wir haben viel vor! – verschlägt es uns in Moondoo, wo die Österreicher von HVOB mit ihrem puristischen Elektro-Sound verzücken. Naja, versucht zu verzücken. Denn leider ist der Sound in dem hohen Raum nicht sonderlich fein abgemischt. Ursi konnte HVOB schon einmal live sehen: beim Utopia Island-Festival 2014. Da war der Sound besser. Wir lassen das jetzt einfach mal so stehen.

Den charmanten Indie-Pop à la Milky Chance von L’aupaire in der Prinzenbar kriegen wir leider nicht zu hören. Wir müssen draußen bleiben bzw. wir wollen draußen bleiben. Die Schlange ist einfach zu lang. Und wir wollen es in der ersten Reeperbahn-Nacht nicht übertreiben. Wir ziehen heim.

Ganz easy und gediegen gehts am Donnerstag weiter. Eigentlich hätte Ursi wahnsinnig gern Terry Hall paperbeatscissorsvon den Specials gesehen, wie er mit Steve Blame über Popgeschichte sinniert, aber der Altmeister ist krank, das Panel fällt aus. Zu voll geht es bei einer zweiten Diskussionsrunde zu, deshalb bleibt Zeit für das Pflichtprogramm, wenn man in Hamburg ist: „An den Landungsbrücken raus, dieses Bild verdient Applaus“, um es mit Kettcar zu sagen. Ein kurzer Spaziergang zu den Landungsbrücken mit zufällig getroffenen Münchnern, dann geht es um 15 Uhr endlich los mit dem ersten Showcase des Tages: Paper Beat Scissors aus Halifax in Kanada. Tim Crabtree ist an und für sich ein Bastler elektronischer Loops mit Akustikgitarre. Seine Shows sind intim, etwas verspult und oft leise. Diesmal nicht: Er tritt im Kukuun, das während des Reeperbahn Festivals die Heimat des Canada Blasts, der kanadischen Künstler, ist, samt Band auf. Klingt super, macht Spaß! Es ist live mit Band wie auch auf Platte musikalische Perfektion– da sitzt jeder Ton, jeder Einsatz passt. Schade, dass solche Künstler nicht mehr Aufmerksamkeit bekommen.

Nach Häppchen und Bier, einem Curry und einer Cola geht es abends über Parallelstraßen zur Amüsiermeile an den Hans-Albers-Platz: Abseits des Reeperbahn Festivals spielt der Münchner Leo Jonas mit seinem Bruder in einem Irish Pub auf. Ein Set von drei an einem Abend bekommt Ursi zur Primetime unter. Die beiden spielen akustisch, erzählen Geschichten und lassen sich weder von übersteuernder Technik noch von mitten im Song fragender Laufkundschaft aus dem Konzept bringen. Sie machen Folk-Pop, man hört ihnen ihre Begeisterung für Tom Petty und andere Größen des amerikanischen Gitarrenpops vergangener Zeiten deutlich an. Nach einer guten halben Stunde heißt es allerdings „Weiterzeiehen!“, die Handsome Family spielt im Knust im Karoviertel. Der Weg dauert: Mit der Feierwerk-Fraktion läuft Ursi nachts am Heiliggeistfeld entlang, St. Paulis Heimat, das Millerntor-Stadion, und der Bunker mit seinen Clubs sind nur als Umrisse zu erkennen.

Die Handsome Family aus Alberquerque macht Dark Alt-Country, wenn es sowas denn gibt. Ehepaar Sparks bleibt vor allem wegen der absurden, staubtrocken erzählten Geschichten zu den Songs inhandsomefamily bester Erinnerung: Sie singen von Messerstechereien an Weihnachten, von Fast Food-Abendessen im Auto, bei dem die Onion Rings auf die Hose fallen und alles versauen, von einem Mann, der von der Golden Gate Bridge springen wollte und von Seelöwen gerettet wurde. Seit 20 Jahren stehen die beiden gemeinsam auf der Bühne, was ist ihr Trick für eine gute funktionierende Ehe, auch auf der Bühne? – „Never make eye contact.“ Verschroben sind sie, genau so wie ihr bekanntester Song, „Far From Any Road“, für eine verschrobene Serie, die erste Staffel von „True Detective„, der Titeltrack war. Nach der Show füllt sich das Knust schnell mit Hamburger Publikum: Ihr Lokalmatador Tom Klose tritt auf. Kennt man bei uns im Süden noch nicht so, sollte man sich aber merken: eine Stimme zwischen Jake Bugg, Gitarre und Cello. Sehr schön! Aber Ursi muss zurück, sie trifft Renzo vor der Davidwache. Aber wo hat sich der denn eigentlich rumgetrieben?

Während Ursi bei der Handsome Family abgeht, macht es sich Renzo im kleinen Pooca gemütlich. Nachdem er mit einer Hamburger Zufallsbekanntschaft (Danke für die Selbstgedrehte!) nach einem kurzzeitigen Einlassstopp doch noch in die rappelvolle Kneipe reinkommt, lässt er sich von den betörenden Beats von Leyya einlullen. Das Duo aus Österreich erinnert musikalisch an eine wild-wirre Mischung aus Massive Attack und Portishead mit einem guten Schuss 90s-Grunge. Ihr Debütalbum „Spanish Disco“ besticht durch unterkühlte, elegante elektronische Indie-Pop-Songs und macht der aktuellen Ösi-Pop-Welle alle Ehre. Auch live überzeugt das Material, mit der Hookline des Songs „Superego“ geht es raus in die Reeperbahn-Nacht.

Leyya, bestehend aus Sophie Lindinger und Marco Kleebauer, treten beim Reeperbahn Festival gleich Bildschirmfoto 2015-10-05 um 4.51.39 PMdreimal auf. Der kleine Gig im Pooca gefiel den beiden am besten. „Die Bühne war so klein, dass wir nicht einmal Monitore auf der Bühne verwenden konnten und das Schlagzeug gar nicht erst abgenommen wurde“, verraten uns Leyya nach dem Festival. „Uns hat auch sehr gefreut, dass soviele Leute gekommen sind – es gab sogar einen Türstopp. So intim kommt man sehr selten zusammen.“ Die Wiener, die in Kürze mit Metric durch Deutschland touren und im Frühjahr neues Material veröffentlichen wollen, ziehen ein positives Fazit fürs Reeperbahn Festival: „Das Reeperbahn Festival ist eine gute Möglichkeit, um neue Musik in einem möglichst kurzen Zeitraum zu entdecken. Wie ein kleines ‚Update‘ sozusagen. Als Band selbst ist es ebenfalls eine gute Möglichkeit, sich zu präsentieren und die Leute zu überzeugen – vor allem ist das für eine kleine Band sehr wertvoll.“

Auf einen Tipp hin schleppt uns Renzo in die St. Pauli Kirche. Dort spielt Denai Moore, denaimooreeine Nu-Soul-Nachwuchshoffnung aus London. Bei „Hoffnung“ hört es für uns dann aber auch auf: Leider erinnert der recht belanglose Sound eher an Corinne Bailey Rae und so ziehen wir von der Kirche – immerhin eine tolle Location – weiter in unsere Hauptschaltzentrale, das Molotow.

Achja, das Molotow, fester Stein in der Reeperbahn-Brandung. Wir verlaufen uns, gehen nicht gleich in den Karatekeller im Untergeschoss, sondern landen im Hauptsaal. Grave Pleasure spielen dort. „Wir sind falsch. Kid Wave klingen voll anders“, stellt Ursi nach anderthalb Songs fest. Wir quetschen uns raus, stolpern in den Biergarten und zurück in den Keller. Vorbei an einem Raum mit Spielekonsolen haben wir nur noch wirklich gut im Gang vor dem Karatekeller Platz: Kid Wave aus England und Schweden spielen ihren rotzigen Indie, von draußen klingt’s super, drinnen herrschen etwa null Prozent Sauerstoff.

Nach ein paar Liedern zieht es auch uns an die frische Luft: Lakritzlikör, Astra, Pfeffi, die Gang vom Audiolith-Label und ein ganzer Schwung lieber Menschen aus München (alle Münchner, die beim Festival sind?) treffen sich an der Bar. Das Musikkonzept des Abends ist exquisit: Ein guter Song folgt einem schlechten Song folgt einem guten Song usw. Taylor Dayne wird von uns an den ersten Takten erkannt, ob das gut oder schlecht ist, wollen wir auch gar nicht wissen. Gegen drei Uhr morgens verlässt Ursi die Partymeile gen Ottensen, sie ist schwer verliebt in ihre Bleibe mit drei Zimmern und alten Parkettböden (und möchte an dieser Stelle nochmals ein herzliches Danke los werden), Renzo geht über mehr oder weniger große Umwege zurück in sein Hotel am anderen Ende der Reeperbahn.

Tag 3 + 4 gibt’s morgen, begleitet uns also bei unseren Streifzügen auf der Reeperbahn und drumherum!

Fotos: Florian Trykowski, instagram.com/Leyyamusic, the music minutes (3)