Die ersten beiden Tage und Nächte des Reeperbahn Festivals sitzen uns in den Knochen. Macht aber nichts. Tapfer geht es weiter. Schließlich sind wir nicht nur für Astra und Lakritzlikör gekommen, sondern um neue Bands zu entdecken. Weiter geht’s mit unserem Ausflug in den hohen Musiknorden!

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Der Freitag startet – nach einem eher ernsten Panel über die Problematik von „Grauzonen“-Musik und Rechtsrock – mit einem ausgiebigen Katerfrühstück, bei dem es schon wieder Bier gibt. Den Festivalknollen von Astra kann man einfach nicht entkommen. Danach teilen sich unsere Wege.

Renzo kommt seinen hauptberuflichen Pflichten nach – und ist glücklich. Raclette in Hamburg, was gibt es Schöneres. Dazu gute Musik aus der Schweiz! Die kommt beim Showcase der Aightgenossen von Faber, James Gruntz und Puts Marie. Während der Zürcher Singer/Songwriter Faber dem Publikum im Sommersalon mit rotziger Attitüde seine deutschen Texte vor den Latz knallt, sorgen der Basler Sänger James Gruntz und seine Band mit funky Pop für die ein oder andere diskrete Hüftbewegung.

Für Puts Marie reicht es leider nicht mehr, weiter geht’s zum Tonio. Ein neuer, unabhängiger Musikpreis wird bei einem kleinen Empfang vorgestellt. Wer dort, nachmittags um drei, einen Cappuccino schlürft, wirkt von der versammelten Musikbranche erst einmal suspekt beäugt. Von dort geht es weiter zu einem Panel über deutschen Hip-Hop – Alpa Gun und Chefket sinnieren übers Gangsta-Rapper-Dasein in Deutschland anno 2015.

Ursi verzichtet derweil auf das Schweizer Nationalgericht und geht ins Kukuun, um die nächsten
kanadischen Bands anzuschauen: Erst The Crooked Brothers aus Winnipeg, dann Federal Lights aus Montreal. Erstere machen lässig-düsteren Americana und haben ja eben erst auch ihre neue Platte „Thank You I’m Sorry“ veröfffentlicht. Das Kukuun ist brechend voll, richtig gut Platz findet man nur noch auf dem Balkon, aber das stört dann die Musik vom Spielbudenplatz wieder. Es hilft nix, man zwängt sich zwischen Bar und Bühne und lauscht den Brüdern im Geiste.

Vielleicht war das Reinquetschen auch gar nicht verkehrt, denn in den vorderen Reihen erhält man auch federallightsdie nächste Empfehlung: Federal Lights, ebenfalls aus Manitoba, wären super.
Ursi bestätigt: Die Federal Lights sind super! Ihr Debüt heißt „Cœur de Lion“ und es ist famos: Ganz feiner, astreiner Indie, bei dem weder melodischer Gesang noch Gitarre, Keyboard oder Mitklatschen zu kurz kommen. Definitiv eine Entdeckung, für die sich das Festival schon gelohnt hat.

Nach den Ausführungen von Alpa Gun, der übrigens nicht all seine Tracks seiner eignen Nichte vorspielen würde,  kommt Renzo zwischen zwei Panels am N-JOY-Bus vorbei. Eine tiefe, unfassbar berührende Stimme schwebt über dem Spielbudenplatz. Viele bleiben spontan stehen. Elias aus Stockholm, begleitet von zwei Background-Sängerinnen, sorgt selbst beim Fachpublikum für offene Münder. Später am Abend tritt der schwedische Newcomer in der etwas spröden Spotify-Lounge auf. In seinem Dark Pop besingt Elias den Weltschmerz. Vielleicht etwas viel Pathos für einen jungen Sänger, aber seiner Stimme kann man sich nicht entziehen. Dabei leidet Elias sichtlich mit. Mit seiner Mimik und seiner Gestik verleiht er seinen düsteren Worten Ausdruck. Theatralisch malt der sympathische Blondschopf – der übrigens aussieht, als wäre Michel von Löneberger nach Stockholm gezogen und hätte sich dort bei Urban Outfitters eingekleidet – wirre Kreise in die Luft.

Danach ist es für Renzo an der Zeit, seine Unterkunft zu wechseln. Vom Arcor Hotel, dem Branchen-Epizentrum des Reeperbahn Festivals, zieht er ins Karoviertel zum attraktivsten Rumpelwicht und seiner kleinen Gang (Danke Euch nochmals!). Nachdem er die Haustür, die offensichtlich viel Liebe und Zuwendung braucht, nach fünf Minuten (im betrunkenen Zustand wurde es deutlich schlimmer!) zugesperrt hat, geht es zurück auf die Reeperbahn.

Ursi schaut in der Zwischenzeit beim Rocco-Clein-Preis für Musikjournalismus vorbei. Rocco Clein war Musikjournalist bei Viva und Viva Zwei, außerdem freier Autor für „Spex“, „Visions“ und „Intro“. Mit nur 35 Jahren verstarb er 2004 an einer Hirnblutung, inzwischen erinnert man sich am Reeperbahn Festival mit diesem Preis an ihn. Die Verleihung ist absolut angenehm und unprätentiös, die Leute stehen um Bistrotischchen oder sitzen auf der Fensterbank, vom N-JOY-Bus am Spielbudenplatz hört man die Sets von Honne und Tame Impala – ein schönere musikalische Untermalung wäre nicht möglich. Ein Freund von Ursi ist für sein Feature über Kendrick Lamar mit dem Titel „Was ist nur los?“ im Spiegel nominiert, geht aber leer aus. Blogs, Cover, Features, Rezensionen, Interviews – sie alle werden ausgezeichnet, am Ende wird emotional zweier verstorbenen Kollegen bedacht. Ein schöner Preis!

Weiter geht’s – Treffpunkt: Pooca. Dort sorgen The Courettes aus Dänemark zum zweiten Mal an diesem Freitag für schweißtreibende Action (der erste Gig fand auf dem Balkon statt). Das Duo erinnert optisch an die White Stripes – nur umgekehrt. Er an den Drums, sie an der Gitarre. Hier prallen courettesbrasilianisches Temperament und dänische Coolness aufeinander. Wobei ersteres definitiv domniniert. Die Frontfrau, deren Energie durchaus furchteinflößend wirken kann, gibt brutal Vollgas. Ursi steht zwischen Bar und Bühne im Mini-Club, umgeben von der dänischen Enklave in Hamburg, wie es scheint. Dafür sieht sie die 1001 Gesichtsausdrücke der Frontfrau Flavia Couri. Renzo kommt vom Elias-Gig in der Spotify Lounge gerade noch rechtzeitig und macht es sich im rappelvollen Club im hinteren Bereich des Clubs bequem gemacht. „Bequem“ trifft es allerdings nicht ganz: Er steht irgendwo eingequetscht zwischen Bank und Decke – dafür mit bester Sicht auf die Bühne. Die Energie des mitreißenden Gigs erfasst den kompletten Klub. Es gibt was auf die Lauscher und das ist gut so. Man kann jedem diese Band nur ans Herz legen: Ihr Debüt ist in mono, nicht abgemischt und as raw as possible aufgenommen. Das coolste Ehepaar des Festivals, soviel steht fest.

Noch rasch das Courettes-Album verstaut und ab geht’s zu Elliot Moss. Das sympathische Jungtalent, das mit James Blake, Chet Faker und Bon Iver verglichen wird, begeistert das Publikum im Moondoo mit seinem elektronischen Pop. Wobei der Fokus live eindeutig auf der elektronischen Produktion liegt. Zu den zarten Beats lässt es sich hervorragend tänzeln. Zu Chefboss, die uns ans Herz gelegt werden und nach Elliot Moss auftreten, schaffen wir es leider nicht. Mit ihrem Deutsch-Trap-Pop „zwischen Dancehall und Deichkind“ und den „Vogue“-enden Tänzern reißt das Hamburger Kollektiv Berichten zufolge zu später Stunde die Bude nieder.

Wir richten uns stattdessen in der Hotel-Lobby des Arcor Hotel ein, wo ein alter Kollege von Renzo Station macht. Man ratscht, während auf einem Monitor die Fünf Sterne Deluxe im Rahmen der Warner Music Night ihr Comeback feiern. Nächstes Jahr veröffentlichen Tobi Tobsen, Das Bo und Co. ihr drittes Studioalbum „AltNeu“. Live geben die Sterne ihre Hits zum Besten, darunter „Die Leude“, „Dein Herz schlägt schneller“ und, natürlich, „türlich, türlich“. Sicher Dicker!

Renzo kriegt von alldem nichts mit. In Gedanken ist er bereits bei Honne. Nachdem er „Coastal Love“ bereits gefühlt 2638 Mal gehört hat, gibts die beiden Briten nun endlich erstmals live. Im Mojo Club spielt das Duo in Begleitung einer dreiköpfigen Band ein 45-minütiges Set. Songs wie „All In The Value“ und „In The Night“ grooven lässig aus den Boxen. Ein wenig erinnert der Elektro-Soul an Jungle. Übrigens: das Long-Disctance-Drama „Coastal Love“ hat ein Happy End, wie Sänger James am nächsten Tag beim Interview erzählt. Aber dazu demnächst mehr.

Ursi macht sich allein bereits auf den Weg zu And The Golden Choir im Indra. andthegoldenchoirTobias Siebert, so der umtriebige Künstler, steht allein auf der Bühne – klingt aber, als würde er von einem ganzen Orchester begleitet. Der Multiinstrumentalist feilte über vier Jahre an seinem Album „Another Half Life“ – kein Wunder hat es so lange gedauert, denn er spielte jedes Instrument selbst ein. Live setzt er seinen orchestralen und poppigen Sound mit so genannten Dubplates, die auf Plattentellern abgespielt werden, um. Ziemlich nerdig sieht das aus. Klingt aber ziemlich großartig.

Auf dem Nach-Hause-Weg kommt Renzo am Mojo vorbei. Für Richard Dorfmeister schlängelt sich bereits eine kleine Menschenmenge vor dem Mojo. Dann eben doch wieder zurück ins Molotow. Ein Lakritzlikör geht schließlich immer.

Am Samstagmorgen machen wir Spaßprogramm: Um 10.15 Uhr geht unsere 62er-Fähre nach Finkenwerder. Wir basteln an ein paar Fragen, fahren an den Landungsbrücken vorbei, bleiben auf dem Schiff sitzen und fahren zurück. Dann gibts endlich Galao und Pasteis de Nata im Portugiesenviertel. Die Sonne scheint, der Michel ist ums Eck– wir kraxeln auf den Turm! Renzo im Takt zu „You Can Call Me Al“ von Paul Simon, das er am Abend zuvor im Molotow, unserer Schaltzentrale, gehört hat. Ursi war da schon zu Hause und bedankt sich im Geiste beim Ohrwurm-Gott dafür.

Nach dem Frühsport erstmal Grillwürstchen – Ursi wählt die vegane Variante. Beim Barbecue des Indie-Labels PIAS treffen wir nicht nur nette Leute, sondern kriegen auch noch gute Mucke zu hören: Der Londoner Sänger Oscar beweist – lediglich begleitet von einem Gitarristen – dass sein elektronischer Indie-Pop auch akustisch funktioniert. Als zweiter steht Elliot Moss auf dem Programm, den wir ja schon am Abend zuvor gesehen haben, den wir aber hier noch etwas zu seiner Show befragen wollen. „Das Konzert hat wirklich viel Spaß gemacht“, so der New Yorker. „Licht, Nebel und Sound, alles war perfekt. Man hatte das Gefühl, dass die Geschehnisse und Konzerte von der Reeperbahn wie ein Echo in den Club hallen würden.“

Nach einem Abendessen fernab der Reeperbahn machen wir uns auf und gehen zurück in den Michel, lukesitalsingh
große Gigs stehen bevor. Unsere Sorge, dass wir keinen Platz finden würden, ist unbegründet: Luke Sital-Singh spielt seinen melancholisch-düsteren Pop ganz allein mit Gitarre vor überschaubarem Publikum in Hamburgs Hauptkirche. Er wäre kein lustiger Mensch und seine Songs wären auch nicht lustig, erklärt er in der Mitte seines Sets. Düster singt er vom Verlassenwerden und vom Verlieren. Nach einer guten halben Stunde verstaut er seine Akustik-Gitarre in deren Koffer und verlässt ohne zurückzublicken die Bühne. Irgendwie schade.

Dann, endlich, der Gig, auf den wir beide gleichermaßen hingefiebert haben. William Fitzsimmons
in der St. Michaelis Kirche. Das frühe Auftauchen hat sich jetzt gelohnt. Fünf Minuten vor Konzertbeginn meinen manche Besucher, dass die halbe dritte Reihe frei sein könnte; auf den Hinweis „Neee, die sind grad auf der Toilette“ antworten sie mit „Pah, typisch deutsch hier!“. fitzsimmons1Hm. Doch die Freude über den Herrn aus Jacksonvolle wird keinesfalls deswegen geschmälert. Fitzsimmons singt so wunderschön seine eigenen Songs und ein The Smiths-Cover, da man träumt gleich ein wenig.  Sogar ein kleines Schläfchen ist drin. Aber nur bis William Fitzsimmons zu seiner Zugabe in den Kreuzgang der Kirche umzieht. Da steht er, mit dem Rücken zu uns jetzt und singt inmitten dieser wirklich beeindruckenden Kulisse. Wow!

Auf dem Weg nach Hause schaut Renzo in Begleitung einer Arbeitskollegin noch im Knust bei Wakey Wakey vorbei. Der Herr am Klavier, der auch noch Schauspieler in einer Teenie-Serie war, erzählt von seiner gescheiterten Karriere als Musical-Darsteller – er sah sich im Kostüm im Spiegel und konnte mit seinem Spiegelbild nicht mehr leben, verabschiedete sich von dieser Bühnenkarriere und macht seitdem schönen Singer-Songwriter-Pop. Mal mit Band, mal allein am Klavier, mal über die Liebe, mal über das Leben. Nur nicht mehr über Musicals.

Was wir leider verpasst haben: Ray’s Reeperbahn Revue, weil die immer voll war. Oddisee, weil wir verplant waren, aber zum Glück am letzten Sonntag in München sehen konnten. Wanda, weil Ursi da einer Meinung mit der SZ ist und die Schlange viel zu lang war. Låpsley, weil halt einfach keine Zeit.
Und schon sind viel zu schnell vier Tage Festival rum! Hamburg, Reeperbahn Festival – es war schön bei dir! Hoffentlich bis nächstes Jahr auf ein, zwei, drei, vier Astra und einen Lakritzlikör!

Teil 1 der Reeperbahn-Extravaganza findet ihr hier.

Fotosfacebook.com/courettesFlorian Trykowski, the msuic minutes (4)