Mit voller Wucht: Anfang Oktober haute uns Oddisee seinen Polit-Rap im Ampere um die Ohren, eine Woche später brachten dann die Young Fathers das Große Haus der Kammerpiele mit ihren wilden Beats und ihrem brachialen Boyband-Style in Rage.

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Boyband auf Abwegen

NKOTB waren gestern – ich habe eine neue Lieblingsboyband! Sie sind politisch, brutal brachial und in your face: die Young Fathers aus Edinburgh. The Prodigy meets N.W.A. meets The Weeknd meets Backstreet Boys. Am 9. Oktober war das schottische Trio zur Spielzeiteröffnung in den Münchner Kammerspielen zu Gast. Der neue Intendant Matthias Lielienthal pfeift auf Konventionen und öffnet gleich zu Beginn der Popkultur weit die Pforten. Nach der Premiere von der „Kaufmann von Venedig“ standen im Großen Haus die Young Fathers auf der Bühne. Das linksliberale Theater, das vor kurzem mit seinen „Shabby Shabby Apartments“ ungewollt auf die aktuelle Flüchtlingssituation aufmerksam machte, ist die perfekte Location für die politische Anti-Boyband aus Edinburgh.

Nachdem ihr Drummer Position bezogen hat, spazieren „G“ Hastings und Alloysious Massaquoi, ursprünglich aus Liberia, sowie Kayus Bankole, Sohn nigerianischer Eltern, hinter Nebelschwaden und im grellen Gegenlicht als schwarze Silhouetten auf die Bühne. Die folgende, einstündige Show ist mehr Kunst-Performance als Konzert – und was für eine! Das Trio spielt mit typischen Boyband-Posen, die in starkem Kontrast zu ihrem rauen, rohen und reduzierten Sound stehen.

Jeder der drei Young Fathers übernimmt eine Rolle. Während Kayus Bankol wie eine wild gewordene Mischung aus Rumpelstilzchen und Keith Flint von The Prodigy über die Bühne derwischt, übernimmt „G“ Hastings den Part des zurückhaltenden Sensiblen und Alloysious Massaquoi gibt den lässigen, über die Bühne tänzelnden Crooner. Das wirkt zwar alles einstudiert, wie bei einer durchchoreografierten Show von Take That, doch die Posen entstehen aus dem Moment, der Stimmung heraus. Die Young Fathers brüllen, singen – alle drei verfügen über tolle Stimmen! – und rappen sich durch ihr Repertoire, bestehend aus Songs ihrer beiden Alben „Dead“ (2014) und „White Men Are Black Men Too“ (2015).

In Your Face

IMG_8433Es scheppert, knarzt, klatscht und dröhnt. Die drei stampfen, hüpfen, zucken und tänzeln über die Bühne, auch die Mikrofonständer preschen immer wieder mit Wucht auf den Boden. Dazu die pulsierden Beats des Schlagzeugers, der zwischendurch auch mal mit zwei Tamburins gleichzeitig auf die Drums drischt. Der Rest kommt von einem Sampler. Immer wieder spielen sich liebliche Pop-Melodien in den Vordergrund, um gleich darauf wieder vom Lärm verschluckt zu werden. Die ganze Inszenierung wirkt sehr theatralisch, düster, fast unheimlich – und strotzt regelrecht vor Energie. Während The Weeknd seine, pardon, Fresse nicht mehr fühlen kann, gibt es bei den Young Fathers immer wieder mitten in die Fresse rein.

Die brachialen Beats packen das Publikum und spätestens beim dritten Song hockt fast niemand mehr auf seinem Sitzplatz. Im ehrwürdigen, im Jugendstil erbauten Großen Haus der Kammerspiele wird geschwoft, gedanced, gepogt. Alles ist in Bewegung. Selbst eine ältere Dame im roten Premieren-Kostüm wird von ihren jüngeren Begleiterinnen vom Sitz gerissen und wirft den Young Fathers trotzig ihre Arme entgegen.

Zwischen den Songs sprechen die drei Künstler kaum ein Wort, verharren stattdessen, in Neben gehüllt, immer wieder in ihren Boyband-Posen. Freeze. Die aus minimalistischen Wortfetzen zusammengesetzten, häufig politisch inspirierten Texte gehen in dem Lärmgewirr und den rohen Noise-Collagen leider etwas unter. Dabei sind die Young Fathers ähnlich wie Kendrick Lamar auf seiner dritten Platte „To Pimp A Butterfly“ ebenso poetisch wie politisch – in ihren Songs verhandeln sie Rassismus genauso wie Konsumkritik, verpackt in dreckige Hybriden aus Hip-Hop, Pop und Rock. Lediglich gegen Ende wird die Performance deutlich politisch: „If you welcome refugees, Munich, clap your hands“, ruft „G“ Hastings stellvertretend für die Band, deren Familien allesamt afrikanische Wurzeln haben, den Zuschauern entgegen. Die Münchner machen ihrem Ruf alle Ehre und machen ordentlich Lärm.

Zum Ende stimmen die Young Fathers einen dreistimmigen Gospel an, der jedoch aprubt endet. Nonchalant, ohne sich, wie bei (Boyband-)Konzerten üblich, artig zu bedanken und höflich grinsend zu verabschieden, verzieht das Trio keine Miene und geht einfach von der Bühne ab. Nein, Winke Winke und Bussi Bussi gibt’s bei dieser Boyband nicht. Mein bisheriges Konzert-Highlight des Jahres!

Oddisee: Polit-Rap aus der US-Hauptstadt

Weniger brachial, aber mit  genauso viel Köpfchen kommt der Conscious Rap von Oddisee daher. Am 4. Oktober war der Nachwuchsrapper im Ampere zu Gast – und sorgte für beste Stimmung. Der sympathische Newcomer aus Washington, D.C., optisch eine Mischung aus Steve Urkle und Kid Cudi, stellte die Songs seines aktuellen, selbstproduzierten Albums „The Good Fight“ (Mai 2015) vor. Zu hören gab es aber auch älteres Material, etwa vom Vorgänger-Album „People Hear What They See“ (2012) sowie von seinen diversen EPs und Mixtapes, die er fernab regulärer Label-Strukturen veröffentlichte.

oddiseeAmir Mohammed el Khalifa, so Oddisee bürgerlich, macht seit über einem Jahrzehnt Musik. Erstmals machte er 2002 mit dem Track „Music Lounge“ auf DJ Jazzy Jeffs Album „Magnificent“ auf sich aufmerksam. Später wurde er Mitglied der lokalen Hip-Hop-Crews Low Budget Crew und Diamond District. Oddisee, Sohn eines sudanesischen Vaters und einer afroamerikanischen Mutter, wuchs in einer wohlhabenden Gegend der US-Hauptstadt auf. Deshalb interessieren ihn „Texte über Drogen und Morde“ auch nicht. Viel mehr verarbeitet der nach eigener Aussage nicht streng gläubige Moslem in seinen gesellschaftskritischen Lyrics Themen wie Ungleichheit und Armut. Inspiration findet er bei Pionieren wie A Tribe Called Quest und Rakim.

Wie seine Vorbilder setzt Oddisee auf soulige und jazzige Samples, die auch live auf der Bühne im vollen Münchner Ampere zünden. So wurde etwa der Police-Klassiker „Roxanne“ in einen Song eingebaut. Unterstützt wurde Oddisee übrigens von der Live-Band Good Company. Tatsächlich fand er sich mit den fünf Musikern in bester Gesellschaft wieder. Sie unterlegten die cleveren Rhymes von Oddisee mit ihren smoothen, funky und jazzigen Vibes.

Mit dem smoothen „First Choice“ beweist Oddisee, dass er nicht nur rappen, sondern durchaus auch singen kann. Vor allem beim funky Stück „That’s Love“ kommt das Publikum in Gang. Oddisee dirigiert lässig einen Call-and-Response-Chor, die Münchner Kopfnicker machen mit. „Das Wichtigste ist, dass man zu meinen Songs sowohl tanzen als auch denken kann“, sagte Oddisee mal in einem Interview. Das Prinzip geht auf. Zu seinen Hip-Hop-Tunes mit entspanntem Old-School-Vibe und cleveren Lyrics lässt sich hervorragend feiern.

Fotos: Young Fathers: Simon Lewis / The Music Minutes