Ein gutes Jahr für Boysetsfire, aber auch ein extrem beschäftigtes. Neues Album, ausgedehnte Tour, eigenes Festival und dazwischen schert Frontmann Nathan Gray auch noch auf den Solopfad aus. Über 20 Jahre nach Bandgründung und 15 Jahre nach „After The Eulogy“, dem Titan-Pfeiler in der Diskografie, arbeiten die Post-Hardcore-Heroes aus Newark also so hart wie eh und je. Dass sie immer noch etwas zu sagen haben, hört man auf ihrem neuesten, diesmal selbtsbetitelten Album und dass ihnen der Spaß dabei nie abhanden gekommen ist, sieht man auch auf der Bühne, wie am letzten Mittwoch im Nürnberger Löwensaal, zusammen mit den neuen Melodic-Punk-Allstars Great Collapse

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Vorweg, es waren nicht die besten Bedingungen für diesen Mittwochabend. Konzertausflüge unter der (Arbeits)Woche sind ja ohnehin so eine Sache. Fast drei Stunden im Feierabendverkehr von München nach Nürnberg gebraucht, dann noch der Löwensaal, dieses doch recht seltsame, im Gemisch aus Schimmel- und Pizzadunst vor sich hin darbende Veranstaltungsörtchen, und zu allem Überfluss heißts auch noch Sänger Nathan sei gesundheitlich und stimmmäßig angeschlagen. Aber hey, eine VW-Busladung Verrückter findet sich ja immer für solche Unternehmungen und ausgemacht ist ausgemacht.

Schlag Acht und trotz allem tiptop vorfreudig erreichen wir die Location zu den ersten Klängen von Great Collapse. Keine Ahnung, wann ich Strike Anywhere im Kafe Kult gesehen hab (2003?), aber ich hab mir damals ein sehr fesches, hellblaues Band-Shirt gekauft, soviel weiß ich noch. Das musste leider schon vor Jahren wegen zunehmend grenzwertiger Bauchfreiheit eingemottet werden. Sänger Thomas Barnett, seines Zeichens nun Kopf dieser neuen Allstar-Formation dagegen scheint immer noch die geflickten, mit Patches veredelten Army-Shorts von damals zu tragen, und den gewohnten Dreadlock-Schopf dazu.

GreatCollapse_Album_1200x1200px_rgbEine gute halbe Stunde Warm-Up liefern Great Collapse im Löwensaal, der sie leider soundmäßig nicht unbedingt würdig behandelt. Etwas breiig klingt das, von Texten und Ansagen bekommt man nur Fetzen mit. Schade, denn die Musik kann was! Knackig, ordentliche Melodien, ein leichter Old-School Vibe aber null verstaubt. Dazu springt Barnett unverändert, und sympathischerweise hier und da leicht ungelenk (bzw. gern diesen Tick neben dem Takt) wie ein Gickerl umher und versprüht eine erfrischend ansteckende Energie. Die Songs vom Debüt „Holy War“ machen sich gut auf der Bühne, müssen aber wirklich daheim nachgehört werden. Da kommen sowohl Barnetts gleichermaßen sing- wie shoutkompatible Stimme aber auch die Harmonien hinter dem treibenden Schlagzeug und den drückenden Gitarrenwänden doch nochmal eine gute Spur besser und differenzierter durch. Beim Album-Opener „New Abolition“ z.B., der auch das titelgebende „Holy War“ im Refrain trägt. Starker Auftakt und gleich der erste Repeattasten-Kandidat. Nicht weniger ist das bei „In Case Of Emergency“ der Fall. Eine Botschaft wie gemacht für die zugehörige Bildercollage samt Lyrics. „I will die the western way/ and I can break in case of emergency“ heißt es hier.

Das System hinterfragen, das tun die Mitglieder dieser Band (und ihrer jeweils anderen Projekte) nicht erst seit gestern. Neben Strike Anywhere’s Thomas Barnett am Mikro sind noch Gitarrist Chris Chasse (Rise Against) , Bassist Joe Saucedo (Set Your Goals) und Schlagzeuger Kyle Profeta (Comeback Kid) mit von der Partie. Hardcore, Punk und politische Messages verschmelzen zusammen mit großen Melodien zu einem musikalischen Manifest, das gerade heute wichtige und wohltuende Wahrheiten ausspricht und bohrende Fragen stellt.
Wenn ihr jetzt mit Hardcore und Punk-(rock) so gar nichts am Hut habt, dann macht es nicht viel Sinn euch diese Platte ans Herz zu legen (abgesehen davon, dass ihr dann das hier wahrscheinlich gar nicht erst lest), aber alle, die sich mit der etwas schrofferen Gangart anfreunden können, die sollten sich dieses Album mal aufmerksam zu Gemüte führen. „Holy War“ ist eine tolle, starke und wichtige Scheibe. Dieser Tage mehr denn je!

Den Mittelteil hab ich zugegebenermaßen geschwänzt, oder eher bei einem Bierchen verratscht. Ich entschuldige mich bei Support Nummer 2, Silverstein aus Kanada. Aber ich schätze, so ganz mein Wetter waren sie ohnehin nicht.
Der dritte und letzte Akt des Abends ist also Boysetsfire. Eine Band von der ich, zugegeben, nie der glühendste aller Fans war, die ich aber immer gemocht und geschätzt habe und die auch immer irgendwo eine Rolle gespielt hat über die Jahre, mal mehr, mal weniger. „After The Eulogy“ (2000) hat mich damals wirklich weggefetzt, bei „Tomorrow Come Today“ (2003) war ich auch noch dabei und bei „Misery Index“ (2006) bin ich dann langsam ein bisschen abgedriftet, weils mir da streckenweise nicht mehr ganz so getaugt hat. „While A Nation Sleeps“ (2013) hab ich dann quasi komplett ausgelassen, aber bei „Boysetsfire“ bin ich jetzt wieder dabei.

BSF-BSF_LP-Jacket.inddLive wird das an diesem Abend ein sehr stimmiger Streifzug durch die Diskografie der Band. Los gehts mit dem knackigen „Savage Blood“, dem hervorragenden Opener vom neuen Album. Brachialer Start, was für ein geiler Refrain, und das Melodiefest hintenraus erst! Bummzack, wir sind on fire! Und „Requiem“ gleich hinterher. Hunderte singen und reißen die Arme in die Luft. Wir sind bei Song zwei, jawoll.
Bei den stimmlichen Killern, schwerpunktmäßig von der „Tomorrow Come Today“, u.a. „Eviction Article“ holt sich Gray für’s Grobe den Support von Silverstein-Frontmann Shane Told ans Mikro. Völlig OK. Tut der Sache keinen Abbruch, und schließlich wollen die Leute mit Tickets für die restlichen Konzerte der Tour auch noch in den Genuss von Grays Singstimme kommen.
Der kann zwar formtechnisch nicht ganz so umhauen, wie sonst, aber Bassist Robert Ehrenbrand gibt dafür extra Gas und generell ist bei diesen sechs gestandenen Männern die Bühne ohnehin präsenzmäßig mehr als ausgefüllt.
Heute merkt man’s obendrein, ein ganz schön starkes Repertoire hat diese Gang da inzwischen zusammen. Die Setlist ist schön durchgemixt und mit dramaturgischen Spitzen gewürzt. In der Mitte ist für mich zwar mal der Zug ein bisschen raus, aber das liegt wohl am Material der von mir weitgehend „geschwänzten“ Alben. Das letzte Drittel knallt dann dafür richtig. Eingeläutet wird das mit „One Match“ (oder, wie er bei mir inofiziell heißt, der Gasoline-Song). Das ist ja auf der Platte schon fett und setzt sich gleich gnadenlos in der Ohrwurmabteilung fest, dann noch dieses unverschämte Video dazu, bei dem man augenblicklich von der Couch aufspringen und vor irgendeine Bühne sprinten will. Aber live, da zeigt dieses Lied mal so richtig, was es kann. Ein erstklassiger Hit.

Wer auf so einen Song ein Überduo aus „After The Eulogy“ und „Rookie“ drauflegen kann, der tut das. Alter Schwede, das ist geil. Wie der ganze Saal martialisch „RISE!“ brüllt, fehlt eigentlich nur noch der Auftritt von Gerard Butler als König von Sparta. Immer wieder eine Urgewalt, diese Nummer. Nach dem leicht euphorischen Geflippe zu „Rookie“ ist vor der Zugabe. Etwas Luftholen bei „My Life In The Knife Trade“ und dann nochmal Endspurt. Mit „Cutting Room Floor“ kommt ein weiterer super Song von der neuen Scheibe bevor „Empire“ den Abend beschließt. Auf Platte war er für mich immer einen Tick cheesy, live und vor allem als Schlusslicht, haut das astrein hin.

Das ebenfalls neue „Don’t Panic“, das mir mit seinen kompakten 2:11 min Punk-Rage auch sehr gut gefällt, gabs leider nicht. Überhaupt gabs nur drei Lieder vom neuen Album, aber seis drum. Nächstes Mal dann. Bis dahin kann man sich das gute Stück nochmal ordentlich zu Gemüte führen. Vor allem die erste Hälfte ist wirklich unheimlich stark.

Man muss ihnen wirklich allen Respekt zollen. Nicht nur für dieses neue Album, sondern für ihre ganze Bandgeschichte – die Leidenschaft, den Idealismus, die Arbeitsmoral. Da fließt Herzblut – Hardcore wird zu Heartcore. Es gibt kaum eine Band, die sich solche Mühe gibt, z.B. unter keinen Umständen eine Show ausfallen zu lassen. Das schätzen die Fans. Und die Band schätzt, dass die Fans das schätzen! Deswegen verbindet sie mit ihren Anhängern auch fast so etwas wie familiäre Bande. Sie geben viel zurück.
So feierte die erste Single „Cutting Room Floor“ seine Premiere auch nicht bei einem der einschlägigen Musikmagazine, sondern man loste einfach mal einen der gut 46.000 Facebook-Fans dafür aus. Feiner Zug.
Das erste standesgemäße Familienfest gabs dann Mitte August. Beim bandeigenen „Famliy First Festival“ im Kölner Palladium wurde mit Fans und musikalischen Freunden von Chuck Ragan über Ex-Frau-Potz Frontmann Adam Angst bis Funeral For A Friend auf den Putz gehauen. Vor ausverkauftem Haus, bei ihrer größten Headliner-Show bisher (zumindest in Deutschland).
Die große Visions-Coverstory folgte auf dem Fuß. Wie eingangs gesagt, ein bewegtes Jahr für Boysetsfire.
Absolut zurecht, möchte ich sagen. Guter Abend, feine Gesellschaft, tolle Show. Sie haben mich wieder.

 

Boysetsfire haben ihre Tour am 12.10. in Berlin beendet, wer aber Great Collapse sehen möchte hat aktuell noch zweimal die Chance: 15.10. Leipzig – Four Rooms, 16.10. München – Backstagejeweils zusammen mit Matt Davies (Funeral For A Friend) und Antillectual.

„Boysetsfire“ von Boysetsfire ist am 25. September auf dem bandeigenen Label End Hits Records erschienen, „Holy War“ von Great Collapse am 2. Oktober, ebenfalls bei End Hits Records / Cargo Records.

 

Fotos: PR (Credit Bandfoto: David Warren Norbut)