7. November, unglaublich warm in München. „T-Shirt Weather“, wenn man so will. So heißt auch ein Song von den Circa Waves, die an diesem Abend im Münchner Backstage auftreten. Wir treffen sie: für eine Akustik-Version von „T-Shirt Weather“ auf der Dachterrasse und ein kurzes Q&A mit Circa Waves-Frontmann Kieran Shudall.

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Es ist kurz nach 19 Uhr als der Soundcheck der Circa Waves im Backstage Club vorbei ist. Kieran Shudall, Frontmann, Sänger, Gitarrist und Gründer des Liverpooler Quartetts, schnappt sich seine Akustik-Gitarre und eine Cola und begleitet mich auf eine der x Dachterrassen auf dem verwinkelten Backstage-Gelände in München. Es ist warm, unglaublich warm (dem Föhn sei Dank), wir haben T-Shirts an. T-Shirt Weather in November abends. Surreal.

Surreal ist auch der Werdegang der Circa Waves. Seit sie 2014 ihre EP „Young Chasers“ (2015 folgte dann ein Album mit gleichem Namen) veröffentlicht haben, sind sie scheinbar immer nur auf Tour. USA, UK, Asien, Deutschland – kaum ein Ort der Live-Landkarte, den sie noch nicht besucht haben, so kommt es mir vor. Stimmt das denn oder täusche ich mich? Kieran bestätigt: „Vielleicht spielen wir wirklich mehr Shows als die Norm. Wir haben 2015 bisher 130 Gigs gespielt, mit all dem Reisen, das dazugehört, waren wir da echt viel unterwegs. Ich denke allerdings, dass man das gerade beim ersten Album so machen muss. Wenn du willst, dass man dich weltweit kennt, musst du einfach viel touren und überall auftreten.“

Dann her mit der Akustik-Hörprobe! (Jaja, das Licht ist komisch. Das kommt auch nur von zwei Handy-Taschenlampen und grünen Scheinwerfern und all das wissen wir schon bei der Aufnahme, fanden wir aber trotzdem voll okay.)

Die Circa Waves haben die USA und ihre Heimat England recht ausgiebig betourt. Wo liegt da der große Unterschied? „Die USA sind einfach nur riesig. Wir sind jetzt die nächsten, die versuchen, als europäische Rockband Amerika zu erobern. Aber es lief gut: Wir traten bei Conan O’Brian auf, wir bekommen ordentliche Aufmerksamkeit im Radio. Im Dezember spielen wir nochmal in den Staaten.“  Das alles ist aber nichts gegen das, was ihnen zuhause widerfährt: Dort spielen sie vor 2000 bis 5000 Menschen und vor allem legten die Circa Waves eine furiose Show in der Brixton Academy hin. „Das war überwältigend“, gibt Kieran Shudall zu. „Wenn du in den USA kleinere Shows spielst, vergisst du fast, dass du viele Fans hast. Die Konzerte daheim ehren uns sehr und überzeugen uns aber auch davon, dass sich die ganze viele Arbeit letztendlich lohnt.“ brixtonIn der Brixton Academy vor 5000 Leuten zu spielen bezeichnet das Circa Waves-Mastermind als „outer body experience“. Man könne  – wie auf Autopilot – gar nicht realisieren, dass man vor 5000 Leuten in Brixton spielt. Ganz ehrlich: Das ist eine immense Leistung für eine Band, die es so gerade erst einmal seit zwei Jahren gibt.

Kieran Shudall lernte seine Kollegen 2013 rund um das Sound City Festival in Liverpool kennen. Er stand damals an einem Scheidepunkt: Sollte er wirklich Musiker werden oder einfach einen „normalen“ Job antreten? Mit 25 Jahren war er auch damals nicht mehr der Youngster unter den englischen Musikern, aber zum Glück traten dann Sam Rourke, Colin Jones und Joe Falconer in sein Leben – die Circa Waves waren geboren und haben seitdem einen steten Aufstieg hinter sich. Die Songs waren zu dem Zeitpunkt aber schon fertig, Shudall hatte sie allein geschrieben. Fiel die Transformation der Songs von einer Ein-Mann-Nummer zu einer vierköpfigen Band schwer?
„Nein. Ich habe mir immer eine Band zu den Songs vorgestellt. Ich sagte ‚Hör mal meine neue Band an!‘ und dann war es letztendlich nur ich und mein Computer. Die Demos klangen aber wirklich mehr nach Band als nicht und deshalb war die Transformation auch ein natürlicher Prozess.“

Um den Bandnamen ranken sich Legenden: Es wäre ein Geheimnis, habe ich auf einer Seite gelesen. Es wäre eine Wegbeschreibung, auf einer anderen. Was denn nun – Geheimnis oder Wegbeschreibung? -„Gar nichts“, verrät Kieran Shudall lachend. „Wir haben über den Namen eine Menge nur zu unserem eigenen Amüsement erzählt. Die zwei Wörter waren einfach in meinem Kopf, bevor es die Band überhaupt gab. Das ist nicht so geheim.“ Shudall überlegt kurz. „Aber eigentlich ist es doch ein Geheimnis.“ Er grinst verschmitzt, beginnt zu lachen, ich lache mit.

Obwohl Shudall viel am Computer einspielte, sind die Circa Waves eine 1a-Rockband ohne irgendwelche elektronischen Spielereien. Sie wären eine Gitarrenband mit „organic sound“, erklärt der Sänger. „Der Welt fehlen ein paar ordentliche Gitarrenbands, die nicht so viel Synthie-Kram miteinbauen“, sinniert er weiter. Mit einer dieser ehrlichen Rock’n’Roll-Bands waren die Circa Waves bereits auf Tour, mit The Libertines nämlich. Wie war das denn so? Und ist das für eine britische Newcomer-Rockband  nicht eigentlich schon der Olymp?
„Das war wirklich cool, das war ein wahrgewordener Traum. Irgendwann stand Pete Doherty am Bühnenrand und sang einen Song von uns mit und da dachte ich nur ‚F*ck me!‘ Das war unglaublich.“

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Wenn Pete Doherty einer Band den Rock’n’Roll-Aufkleber aufdrückt, dann ist da bestimmt auch was dran. The Strokes, The Libertines, The Vaccines und The Kooks wurden alle schon als Einflüsse der Circa Waves aufgelistet. Sind sie alle wirklich so inspirierend für Shudall? „Naja, ja, der Sound ist einfach ähnlich. Dass wir so klingen, ist auch kein Wunder, denn die Bands aus den Noughties sind schon auch die, die ich am meisten mag.“ Vermisst er eine? „Bloc Party. Deren erstes Album war so gut, da kommen sie jetzt für mich nicht mehr ran. Der Grund, wieso ich mit der Musik anfing, ist aber der: Obwohl die Noughties noch nicht lange zurückliegen, gibt es diese Musik nicht mehr. Ich wollte eine neue Version davon erschaffen und ich denke, das ist uns ganz gut gelungen“.

In seinen Songs singt Shudall oft vom Erwachsenwerden, der ersten Liebe, den Abstürzen am Wochenende. Ist das, mit 28, immer noch sein Lifestyle? „Nicht so ganz“, so der Liverpooler. „Die Texte sind alt, wie mein Tagebuch der letzten 28 Jahre. Erwachsenwerden ist ein wichtiger und auch spaßiger Teil des Lebens. Ich erinnere mich gern an die guten Abende!“

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Aber nicht nur an die vergangenen Zeiten denkt Shudall gern. Nach der Dezember-Tour durch die USA und Mexico, setzt er sich an das neue Album. Viele Songs stehen schon, brauchen aber noch ihren Feinschliff. Jaja, das schwierige zweite Album… „Bei der ersten Platte kannst du Songs über dein ganzes bisheriges Leben schreiben, bei der zweiten eigentlich nur über die Zeit nach dem ersten Album“, sagt Shudall. „Aber es ist okay, dass es schneller geschrieben und aufgenommen werden muss. Unser Debüt fühlt sich für mich manchmal fast schon klaustrophobisch an. Auf der zweiten Platte wird es mehr Gegensätze geben. Wir haben in den letzten zwei Jahren einfach irre viel erlebt: Höhen, Tiefen, weit weg von zuhause sein, durchtrunkene Nächte, reisen – das alles, diese Ganzkörpererfahrung, wird mit in unser zweites Album einfließen.“

Mit Nachfolgeplatten hatten auch die großen Söhne aus der Heimatstadt der Circa Waves, die Beatles, zu kämpfen. Wenn man Musiker in dieser Stadt am Mersey ist, kann man dann den Fab Four überhaupt entkommen? „Die Beatles sind meine Lieblingsband, ich kann und will ihnen also sowieso nicht entkommen. Es macht einen schon stolz, aus der gleichen Stadt zu sein oder  – wie ich – sogar wirklich aus demselben Stadtteil wie John Lennon. Es ist echt cool, weil man irgendwie eben den Fußstapfen der größten Band aller Zeiten folgt. Und dass sie auch aus Liverpool sind, hilft dir zu glauben, dass du es schaffen kannst.“

Und weil man nicht alle Tage einem Liverpudlian (Mann, das ist ja noch abgefahrener als Seattleite!) gegenüber sitzt, zögert der Frontmann der Circa Waves auch nicht, als es darum geht, einen Satz im vielleicht am schwersten verständlichen Akzent der Insel zu sagen. Was auch immer es heißen mag, enjoy:

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Anderthalb Stunden später rotzen die Circa Waves ihr Set im Backstage Club hin. Sie geben von der ersten bis zur letzten Sekunde Vollgas, rocken sich durch ihr Debüt, lachen mit den Zuschauern und verlassen die Bühne ohne Zugabe – very british indeed. Die ganzen 45 Minuten lang merkt man aber, dass da vier Jungs auf der Bühne stehen, die wie Jugendliche einfach unfassbar viel Bock auf das haben, was sie gerade machen. Und es ist genau diese Euphorie für das Jetzt, die sie auf ihr Publikum übertragen. Eine junge Band, die mit viel Spaß an der Freude abliefert – ganz im Sinne der Beatles. Very well done, Circa Waves!

Zwei Konzerte spielen die Circa Waves noch in Deutschland dieses Jahr und zwar hier:

09. Novmeber 2015 – Köln, MTC
10. November 2015 – Berlin, Musik & Frieden

Fotosinstagram.com/circawaves, PR