Teil 1 vom samstäglichen Konzerte-Doppelpack letzte Woche gab es mit den Circa Waves schon, hier folgt nun Teil 2: Wir haben uns mit Finian Greenall, dem Kopf der britischen Singer/Singwriter-Combo Fink, unterhalten. In der Sonne, mit Kaffee, auf der Dachterrasse. Über Musik, Serien, Berlin und den nahenden Winter. Und soviel steht fest: Winter is coming.

7. November, nachmittags auf dem Backstage-Gelände in München. Es ist sehr warm und überall springen Stagehands, Techniker und Musiker umher – drei Konzerte finden an diesem Abend auf dem Areal statt. Mit einem alten Hasen des Business‘ treffe ich mich: Finian Greenall, Sänger und Kopf der Band Fink, läuft mir im Werk entgegen und macht noch einen Witz wegen meiner Höflichkeit. Wir verziehen uns auf Gartenmöbel in der Sonne und unterhalten uns: richtig lang und richtig gut.

art_finkHallo!
Hi. Mhhhh, ich bin froh hier zu spielen. Es ist klein, es ist schön, das wird cool.

Ist etwas auf dieser zweiten Hard-Believer-Tour anders?
Ja, wir haben neue Songs in der Setlist, u.a. auch von unserem neuen Album „Horizontalism“, auf dem wir ein paar Remixe unserer Originalsongs haben. Dann gibts ein paar alte Sachen, die wir länger nicht gespielt haben, und „White Flag“. Dieses Set fühlt sich wie eine andere Reise an im Vergleich zum ersten Mal: Die neue Single „Too Late“ kommt auch vor, klar spielen wir auch „Warm Shadow“, „Pilgrim“ und die Singles, aber das komplette Set hat einen ganz anderen Vibe. Seltsam, wieviel die Reihenfolge und die paar neuen Tracks verändern konnten. Es kommt einem vor wie eine Reise, so klischeehaft das klingt.

„Hard Believer“ war ein Album, das schon während der Aufnahmen vom Live-Gedanken lebte. Korrekt?
Ja, so ist es. Wir stellten folgendes sowohl bei unseren eigenen als auch bei Platten anderer Künstler fest: Wenn man ewig im Studio an einem Album feilt, kommt es schließlich und endlich fast seelenlos auf den Markt. Du hast alle Ecken und Kanten abgefeilt, es ist fast zu perfekt – wie ein skandinavisches Mädchen. Aber trotzdem fehlt etwas. Eine Platte, die schnell aufgenommen wird, noch während du dich komplett in die Songs verliebst, auf der fühlst du den Vibe noch. Bei „Perfect Darkness“ haben wir gelernt, dass du die Lieder aufnehmen musst, solange du sie noch liebst. Irgendwann kommt immer der Moment, wo du einen Song genau dieses eine Mal zu oft gehört hast und dann liebst du ihn nicht mehr. Wenn es dann noch dazu deine eigenen sind, dann hast du sie geschrieben, sie x-mal geprobt und dann auch noch x-mal aufgenommen bis alles passt. Deswegen empfehle ich: Nehmt Songs auf, solange ihr sie noch zu hundert Prozent liebt!

Alben sollen dann also „quick and dirty“ aufgenommen werden?
Ja. „Perfect Days“ haben wir in 16, „Hard Believer“ in 17 Tagen im Studio aufgenommen. Wir machen uns die ganze Arbeit davor: Wir diskutieren und proben davor und sind dann im Studio hoch konzentriert für jeden einzelnen Song und jeden einzelnen Tag. Du lieferst deine bestmögliche Version ab. Alben sind wie Tattoos: Du musst für immer damit leben können. Natürlich ist das auch eine finanzielle Frage: In nur 17 Tagen können wir uns ein schönes Studio und einen großen Produzenten leisten. „Hard Believer“ klingt teuer, aber das war es nicht, weil wir schnell waren. Laura Marling war nach uns im Studio und ist genau so verfahren.

Ihr habt euer eigenes Label, das Ninja Tunes untergeordnet ist. Hat das eure Arbeit beeinflusst?
Nein, das war uns gar nicht bewusst. Wir dachten eigentlich, dass wir „Hard Believer“ wieder auf Ninja Tunes veröffentlichen. Aber irgendwie passte das Album nicht zum Label, weil es zu Indie und zu Pop ist. Also haben wir unser eigenes Label gegründet, das aber direkt an Ninja Tunes angekoppelt ist. Dort ist es toll: Wir sind wie eine große Familie, wir kennen uns inzwischen ewig und man kann jedem nur wünschen, so lange (fast 20 Jahre!) mit so netten Leuten zusammenarbeiten zu können. Ich kann eine Diva sein und sie können blöd sein, aber unsere Beziehung ist immer nett zueinander. Ich schätze das sehr, das kommt nicht oft vor im Musikbusiness.

Euer neues Album „Horizontalism“ ist ein Remix-Album.
Das ist nicht nur ein Remix-Album, sondern eher ein Reinterpretationsalbum. Berlin im Winter ist daran schuld: eine schöne Wohnung in einer alten Fabrik, eine schöne Aussicht über die Spree und eine verschneite Einöde. Dezember und Januar sind die beiden Monate, in denen man nicht viel machen kann – Weihnachten legt ganz Westeuropa lahm. Deswegen schreiben wir da und sind in diesem Zeitraum kreativ.

Du lebst in Berlin. Erzähl mal!
Berlin inspiriert mich. Es gibt einen Haufen kreative Köpfe, die mich beeinflussen. Es ist eine der wenigen Städte, vermutlich die einzige in Europa, in der Geld nicht alles ist, zumindest nicht im Musikbusiness. Es ist ein cooler Ort, an dem du viel erleben kannst – auch ohne viel Geld. Das geht in London und New York nicht so leicht.

Eure Songs leben von einer gewissen Melancholie. Ist das auch eurer Arbeit im Winter geschuldet?
Ich denke, es ist sehr viel einfacher, einen traurigen als einen fröhlichen Song zu schreiben. Meine Lieder sind über Entscheidungen im Leben – irgendwie analysiert man da die fröhlichen nicht so sehr wie die traurigen. Wenn alles in Butter ist, gibt es einen einzigen Song, den „happy song“. Wenn du allerdings zum Beispiel eine Trennung hinter dir hast, gibt es Songmaterial, das ganze Alben füllt. Ich bin genau so produktiv, wenn ich fröhlich bin wie wenn ich tarurig bin. Das kommt daher, weil ich so alt und erfahren bin. (lacht)

„This is the Thing“ habe ich das erste Mal 2007 gehört. Ihr wart die ersten, die „Singer/Songwriter-New Folk“ gemacht haben.
Das ist der beste Track, den ich jemals geschrieben habe. Dem New Folk Movement hat man uns zugeordnet, ja. Andere Künstler dieser Ära sind schwer zu bennenen: José González veröffentlichte zur gleichen Zeit „Veneers“, das ist schon ähnliche Musik. José González schätze ich sehr. Der ist wie Ben Howard, sie sind beide sehr zufrieden mit dem, was sie tun. Das merkt man.

Ben Howard wäre mir auch als Vertreter eurer New-Folk-Zunft eingefallen…
Ohja, den mag ich. Der ist eine Inspiration für mich. Er ist auch ein Freund der Band. Er ist perfekt: Ben Howard war dieses Pop-Phänomen, jeder hat ihn geliebt. Nach seinem ersten Album hätte er wohl eine Pop-Platte machen können, aber er hat sich dagegen entschieden: Es gab auf seinem Debüt schon Anzeichen für den düsteren Folk, wie den Track „Black Flies“ etwa, für den ich ihn so schätze, aber so richtig rückte er damit erst bei „I Forget Where We Were“ raus. Pop ist nicht sein Ding, denn er ist ein cooler Typ. Ben, José und wir sind sehr zufrieden und glücklich mit dem, was wir tun.

Hat euch das New Folk-Movement irgendwie beeinflusst?
This is the Thing: Jeder kann Songs in  a-moll schreiben. Aber die Kids suchen sich immer einen Champion aus einem Gebiet. Bei uns Singer/Songwritern ist das Ed Sheeran. In der elektronischen Musik ist es Alt-j, die Kids haben das so entschieden. Die Schwierigkeit ist dann, sich nicht beeinflussen zu lassen. Manche verändern sich nicht, andere schon – und sie füllen immer noch in Stadien. U2 habenart2_fink das gemacht: „Joshua Tree“, dann „Rattle & Hum“ und dann „Achtung, Baby!“ Drei komplett verschiedene Alben und sie sind immer noch groß. Es wäre super, wenn zum Beispiel Muse ein Akustikalbum aufnehmen würden und dann wieder ein „klassisches“ Muse-Album.

Ihr wart vor kurzem auch in der Ukraine auf Tour. Wie wars?
Großartig. Kiew ist super. Die Grenzkontrollen waren hart, vor allem weil wir ja an offene Grenzen gewohnt sind. Es passieren doch immer noch Dinge auf Tour, die man so noch nie erlebt hat. In Polen etwa gab es während unserer Show eine Polizeikontrolle. Wir bekamen davon gar nichts mit, aber am Ende der Show kamen wir in den Backstage-Bereich und merkten, dass unsere Sachen durchsucht worden waren. In Weißrussland haben sie uns den ganzen Merch abgenommen, das war auch strange. Kiew hingegen fühlt sich wie eine moderne (überlegt) europäische Stadt an. Das Publikum war so happy, dass wir da waren und wir im Umkehrschluss auch. All der Ärger an den Grenzen hat sich geloht – gerade zurück in die EU war das echt nicht einfach. 20 Stunden an der polnischen Grenze… Das erinnert mich an meine DJ-Karriere vor 20 Jahren…

Ach ja, wie war das? Vermisst du das?
Gar nicht. Ich bin zu alt dafür. Von 1993 bis 2003 war das super, aber der DJ-Lifestyle ist echt nur was für junge Leute. Du feierst von Donnerstag bis Sonntag, wirst bar bezahlt, hast Spaß und ganz ehrlich: Besser wird es nicht mit 20. Aber irgendwann bist du fertig. Ich gehe noch gern in Clubs und liebe elektronische Musik. Wenn ich an das bisherige 2015 denke, stelle ich fest: Ich mag das Album „Tundra“ von  Lakker, Björks „Vulnicura“ und das Young-Fathers-Album finde ich super. Außerdem Courtney Barnett, die habe ich in Berlin gesehen. Sie ist Punkrock. Wicked! Auf der Bühne standen nur sie, ihr verrückter Drummer und ihr verückter Gitarrist, keine Lichter, nix – war geil! (Da freuen wir uns noch mehr auf den 20. November.)

Eure Songs kamen in überraschend vielen TV-Serien vor: Krankenhaus („Dr. House“), High School („Friday Night Lights“), Space („Battlestar Galactica“), Zombies („The Walking Dead“), Detective Show („Lie To Me“) – ihr habt das komplette Spektrum des mehr oder weniger alltäglichen Lebens abgedeckt!
TV-Serien in den USA waren für uns wie Radio, wir haben dadurch Aufmerksamkeit bekommen. Normales Radio in den USA ist halt Mainstream, deren kantigste Songs sind „Take Me to Church“ von Hozier oder etwas von Mumford & Sons. Da kommen wir nie rein. Man kann das Land nicht für einen steigenden Bekanntheitsgrad betouren, weil es einfach zu groß ist. Also freut man sich über Synergien, die sich aus Soundtracks ergeben. Als unser Song „Warm Shadow“ bei „The Walking Dead“ lief, hatten wir plötzlich zehn Millionen Klicks in den sozialen Netzwerken und konnten dank der gestiegenen Popularität auf Tour gehen. „The Walking Dead“ mag ich selber auch sehr gern, das war auch deswegen natürlich cool. Unser Stück für den Film „Selma“ war super, „Yesterday Was Hard On All Of Us“ war auch auf wirklich vielen Soundtracks vertreten. Ich mag Shows, in denen Musik gut eingesetzt wird: „Homeland“, „True Detective„. Ich würde einen unserer Songs gern noch mal in „The Walking Dead“ sehen, das wäre cool.

Ein paar Stunden später, die Sonne ist schon lange untergegangen. Fink betreten die Bühne, es gibt Nebel und Bühnenlichter, die wie zerklüftete Säulen, aus denen Licht strahlt, aussehen. Die Band stimmt die ersten Takte an, das Publikum fällt in eine Art Trance-Zustand, wippt und summt mit. Und klatscht zwischen den Songs begeistert und lang anhaltend Applaus. Nach gut 30 Minuten schleiche ich hinaus, blicke etwas wehmütig zurück, aber verlasse das Backstage Werk, um nebenan zu den Circa Waves in den Backstage Club zu gehen.

Eine  Stunde später, ich bin nach dem Circa-Waves-Set zurückgekehrt zum Fink-Konzert. Kurz darauf  spielen sie den letzten Song ihrer Zugabe, bedanken sich mit den Worten „Munich, this was fantastic“ und gehen winkend von der Bühne. Zurück bleibt ein geflashtes Publikum, das sicher auch wieder beim nächsten Gig der Briten mit von der Partie sein wird. Absolut zu recht, denn was gibt es Schöneres als traurige Songs von einer durch und durch lachenden Band zu hören? Eben.

Wer in Freiburg oder Köln wohnt, hat Glück, denn dort spielen Fink ihre letzten beiden Deutschland-Konzerte dieses Jahr:

15.11. Freiburg, Jazzhouse
16.11. Köln, Theater am Tanzbrunnen

Fotos: instagram.com/finkmusic, the music minutes