Vor fast exakt einem Jahr war Courtney Barnett einer der letzten musikalischen Gäste im scheidenden Atomic Café. Am Freitag kehrte sie zum Start ihrer Europatour nach München zurück und spielte mit ihrer Band eine großartige Show im Technikum. Diese Frau kommt gerade recht und ist mit ziemlicher Sicherheit gekommen um zu bleiben. Zumindest möchte ich eindringlichst darum bitten!

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Vier Music Victoria Awards, den Preis für das „Australian Album of the Year“ beim Aussie-Radio-Sender Triple J, ein Auftritt beim legendären Austin City Limits, eine Kollabo mit Jack White, und, und, und… Es läuft für die 28-jährige Musikerin aus Melbourne und gerade ist kein Ende ihres Erfolgs in Sicht.
Nachdem UK seit gut zwei Jahren im Courtney-Fieber ist (so wie auch unser kleiner Blog hier) läuft die mediale Hypemaschine seit einem knappen Jahr auch in Deutschland relativ großflächig und konstant.

Was macht diese Frau, die seit ihrem 10. Lebensjahr passioniert Gitarre spielt, bis vor kurzem noch in einer Bar gearbeitet, aber parallel ihr eigenes Label Milk Records aufgezogen und inzwischen zwei hochgelobte Platten herausgebracht hat so besonders?

Man fühlt sich an Patti Smith erinnert, auch mal an PJ Harvey aber genauso an Bob Dylan und Nirvana. Lamentierende Alltagsprosa trifft auf gitarrenlastigen Rock zwischen 90ies Grunge-Vibe und 70ies Psychedelik. Es ist schwer zu fassen, was hier passiert, auch Folk-Elemente schimmern immer wieder mal durch und dann wird’s gerne singer-/songwritermäßig intim. Originell und spannend ist das und funktioniert ganz wunderbar sowohl auf dem Plattenteller als auch auf der Bühne.
Sind die Frauen in der Gitarrendomäne ohnehin schon relativ rar gesät, hat es Barnett geschafft einen ganz eigenen, fast schon einzigartigen Stil zu kultivieren. Der könnte in seiner vermeintlichen Nonchalance schon fast wieder ein Anti-Style sein und gleichzeitig sein eigenes Genre definieren, während er versucht sich keinem so recht unterzuordnen. Ausgefuchst. Dazu ist Courtney Barnett eine durch und durch sympathische, geerdete und wirklich bescheidene Person, die sich selbst nicht allzu wichtig nimmt und die ihr entgegengebrachten Lorbeeren gerne auch mal lässig relativiert, wenn ihr das alles ein bisschen übertrieben vorkommt.

CB1Genauso steht sie dann auch mit ihren zwei Bandkollegen an Bass und Schlagzeug (aka The Courtney Barnetts) am vergangenen Freitagabend im Technikum auf der Bühne. Viele Worte werden erstmal nicht verloren, es geht direkt los mit einem ihrer ältesten Hits, dem immer wieder genialen „Avantgardener“.  Ordentlich Hall auf der Stimme, wechselnde Projektionen färben das Backdrop, eine Diskokugel wartet auf ihren späteren Einsatz – das ist genug der Extravaganz. Was folgt ist eine feine Melange aus ihren beiden Alben. Von The Double EP: „A Sea Of Split Peas“ gibts u.a. noch den Opener „Out Of The Woodwork“, „Lance Jr.“, „Canned Tomatoes (Whole)“ und „Are You Looking After Yourself“.
Vom fabelhaften Nachfolger „Sometimes I Sit and Think, and Sometimes I Just Sit“ – von dem übrigens gerade eine wunderhübsche Special Edition erschienen ist – gibt’s das launige „An Illustration Of Loneliness (Sleepless In New York)“, den Album-Opener „Elevator Operator“, „Boxing Day Blues“ und “ Debbie Downer“. Dazu mit „Dead Fox“, dem düsteren „Kim’s Caravan“ und dem immer wieder bezaubernden „Depreston“, plus dem Schluss-Duo die komplette Singlerutsche. Mit dem tiptop Stimmungsmacher „Nobody Really Cares If You Don’t Go To The Party“ geht’s aufs Ende zu, bevor mit der saustarken ersten Auskopplung „Pedestrian At Best“ ein angepunkter Haarschüttel-Kracher das reguläre Set beschließt. Dazwischen wird brav dem lieben Publikum Respekt gezollt, das den Tourauftakt zu einem tollen macht, einem Gast zum Geburtstag gratuliert und sich ansagentechnisch ansonsten dezent im Hintergrund gehalten. Dafür werden nonstop die Gitarren geschrubbt (anscheinend sogar ein wildes Solo mit einem Plastikbecher gespielt? ), die Mähnen geschüttelt und ein uns schier aufsaugender Klangteppich produziert.

CB6Die Zugabe bildet das meinerseits schon schmerzlich vermisste (und auch auf der Setlist unterschlagene) „History Eraser“. Bummzack! Grande Finale! Noch Stunden später singe ich (schon im Strom bei der Momentum-Party anderweitig an der Indie-Front beschallt) aufs standhafteste die Zeilen „In my mind I rearrange the letters on the page to spell your name“. Courtney, das war ne verdammt starke Nummer und ich möchte meinen auch nochmal ne Spur besser als meine erste Show im Atomic.

Genau so eine Musikerin hat es gebraucht, sie füllt eine Lücke, von der man gar nicht wusste, dass es sie gibt und einmal gehört, kann man sich das absolut nicht mehr wegdenken. Wie schnell einem ihre Musik vertraut vorkommt, ist schon wirklich erstaunlich. Mit all seinen Retro-Anleihen entsteht hier trotzdem ein Sound der ungemein zeitgemäß klingt, dazu nehmen sich die Lieder abseits der mal schmeichelnden mal auch durchaus schrägen Melodien textmäßig oft wie Erlebnisberichte und so feinsinnige wie leicht verpackte Lebensweisheiten aus, die einem der Kumpel oder die Freundin beim abendlichen Bier erzählen könnte. Profan oder flach wird es aber nie, dafür sorgt ihr Wortwitz und ein untrügliches Gespür dafür die Stories, trotz ihrer Kleinteiligkeit, perfekt auf Songlänge zu kondensieren.

Immer wieder fällt im Zusammenhang mit ihren Texten in Interviews der Begriff „Stream Of Consciousness“. Aber den Zahn zieht sie jedem sehr schnell. Das ist schon alles durchdacht und textlich ausgefeilt, was sie da fabriziert. Würde sie wirklich ungefiltert aufschreiben und raushauen, würde ein großer Haufen Müll dabei rauskommen, meint sie. Da ist es wieder, das angenehm unprätentiöse Understatement.

Und so passt es auch einmal mehr ganz wunderbar ins Bild, wie sie nach ihrer gefeierten Show spitzbübisch grinsend im Holzfällerhemd mit Bandkollege hinterm Merch steht und freudig Platten unterschreibt, sich beglückwünschen, knipsen und drücken lässt.
Was für ein toller Abend das war! Diese Courtney Barnett ist wirklich brilliant, und es bleibt zu hoffen, dass man noch sehr, sehr, sehr viel von ihr hören wird. Die Geschichten gehen ihr so schnell hoffentlich nicht aus…

 

Fotos: PR (Porträt), themusicminutes (Live und Setlist)