MTV Unplugged gibt’s noch? Jawoll! Mit einem Paukenschlag meldet sich die Akustik-Reihe des ehemaligen Musikfernsehsenders zurück: Placebo feiern ihr 20-jähriges Bandjubiläum mit einer „Unplugged“-Platte und zeigen: Ja, sie sind noch da, haben uns in den letzten 20 Jahren eine Reihe Emo-Indie-Klassiker beschert und wissen immer noch, wie man ein Publikum zeitweise – gelinde gesagt – umhaut.

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Vor nicht allzu langer Zeit schrieb ich hier den Abgesang auf eine meiner liebsten Bands meiner Adoleszenz: Placebo. Ich beklagte ihre Gefälligkeit und weinte den alten Hymnen meiner Jugend nach, dem Brian Molko, der als Alien im Video zu „Pure Morning“ vom Hochhaus sprang, und der Band, die mit einem Sinus-Rhythmus als Konzert-Opener das Publikum der Münchner Olympiahalle stummschalten konnte. Und jetzt sind sie wieder da: Placebo!

Der alte Drumer ist nicht zurück und auch sein Nachfolger ist nicht mehr da. Stattdessen sitzt Matt Lunn hinter den Trommeln, Molko und Bassist Stefan Olsdal sind aber original. Und weil man sich ja doch nie von den favorisierten Bands der Jugend trennen will/kann/möchte, schaue ich mit einem vorfreudigen und einem skeptischen Auge auf die Tracklist und höre mit zwei ganz kritischen Ohren hin.

Über das erste Akustik-Album seiner Band sagt Mastermind, Sänger und Frontmann Brian Molko

„Wir wollten etwas Einzigartiges auf die Beine stellen, das eine Herausforderung für uns darstellt. Dieser Prozess war sehr interessant, denn man erschafft etwas im gleichen Moment, in dem man es aufführt. Das haben wir noch nie zuvor getan.“

Hat das geklappt? Mal sehen, denn so, wie sie das Album in einem Rutsch gespielt und aufgenommen haben, höre ich das Album zum ersten Mal am Stück an und schreibe genau diese Eindrücke zusammen. Voilà!

1. „Jackie“
Aha, ein Cover von Sinéad O’Connor ist der erste Song des Albums. Placebo coverten ihn bereits 2003, aber mutig – das eigene „Unplugged“ mit einem fremden Song zu beginnen. Brian Molko packt also sein ganzes dramatisch-nasales Stimmvolumen aus und beginnt mit einer langsamen Nummer. Tot wäre er seit 20 Jahren. Nicht ganz so lange, mein Lieber, sondern vielleicht seit „Battle For The Sun“ – kleiner Scherz. „Jackie“ kommt ganz ruhig daher, nur Gitarre und Molkos, ja man kann es kaum anders bezeichnen, ikonischer Gesang.

2. „For What It’s Worth“
Schneller kommt die erste Single aus dem „Battle For the Sun“-Album, „For What It’s Worth“, daher.art_placebo Im Original handelt es sich dabei um einen Emo-Stampfer, der sich irgendwo zwischen Pop und Indie-Rock mit Elektro, einpendelt. In der Unplugged-Version aber klingt der Song sehr fein, fröhlich mittendrin gar. Muss an den Streichern, auch deren Solo-Part und dem fehlenden Elektro-Kram liegen. Celli können soviel erreichen, es packt mich jedes Mal wieder.

3. „36 Degrees“
Hier begrüßt Brian Molko die Gäste und bedankt sich beim Publikum in London fürs Kommen. Gleichzeitig kündigt er einen Song, meinen Lieblingssong, vom Debüt an: „36 Degrees“, die Erwartungen sind sehr groß, geschrieben haben Molko und Olsdal den Song vor 21 Jahren, live performt schon ewig nicht mehr. Trommelwirbel! Ich habe etwas Angst, denn „36 Degrees“ fetzt eigentlich von der ersten Sekunde an. Wenn im Original dann die Drums und die Lead-Gitarre einsetzen, gesellen sich hier Piano, Querflöte und Streicher zu Molkos Gesang über die Teenage-Angst. Es klingt versöhnlich – als hätte man sich mit dem im Refrain immer wiederkehrenden „Someone tried to do me ache“ abgefunden und wäre drüber weg. 21 years later, sounding happy.

4. „Because I Want You“
Schnell ist dieser Song auf dem dazugehörigen Album „Meds“ aus dem Jahr 2006, jetzt ist er sehr, sehr ruhig. Mit Piano, Streichern und natürlich Celli und ich glaube fast, ich kann ein Metallophon heraushören, kommt er fast als Ballade daher. Ganz herzzerreißend näselt Molko da die erste Single der 2006er-Platte ins Mikro.

5. „Every You Every Me“
Ui, der erste Gast kommt! Brian Molko kündigt Majke Voss Romme an, eine dänische Künstlerin, die auch unter dem Namen Broken Twin firmiert und die die Band mit ihrem Debüt verzaubert hätte. Und keinen geringeren Song darf sie mit Molko und Konsorten performen als den Über-Hit, die Radionummer, Reese Witherspoons und Ryan Philippes Song aus „Cruel Intentions“: „Every You Every Me“! Joa. Ein Duett. Man muss Rommes Stimme schon mögen und Molkos in diesem Song besonders melodramatischen Gesang. Manche Songs kann man aber einfach auch nicht besser machen, nur weil man sie unplugged spielt. Sorry.

6. „Song To Say Goodbye“
Groß. Da passt natürlich der Piano-Hook aus dem Original von 2006 perfekt. Und die Akustik-Version sitzt wie angegossen. Das Piano natürlich im Vordergrund, aber die Streicher bekommen auch angemessen Platz. Gänsehaut. Es ist der Moment, in dem man sich wünscht, man wäre bei der Show im August in London dabei gewesen.

7. „Meds“
Im Original bekommt Brian Molko hier Unterstützung von keiner Geringeren als Alison Mosshart, Kopf von The Kills. In der Akustik-Version nimmt er es erst allein mit dem Piano auf, das dem ganzen Track einen psychotischen, beklemmenden Vibe verleiht. Der Violinen-Part macht es da nicht fröhlicher, der Song ist düster wie die Nacht finster ist. Hätte man dem Film „Requiem For A Dream“ nicht das Kronos Quartet im Soundtrack verpasst, ich würde dem Macher Darren Aronofsky diese Version von „Meds“ vorschlagen. Die Gänsehaut ist immer noch da.

8. „Protect Me From What I Want“
Der zweite Gast, Joan As Policewoman, gesellt sich zu Placebo auf die Bühne und singt mit Molko im Duett den Song von 2003, der übrigens nur in Frankreich als Single („Protège-moi“) veröffentlicht wurde. Wie nicht anders zu erwarten, fügt sich der Song in die Tristesse der bisherigen Vorstellung ein. Besonderheit: Es gibt ein Mundharmonika-Solo! Wer hätte es gedacht – Violinen und Mundharmonika, hier eine ungewöhnliche wie passende Kombination.

9. „Loud Like Love“
Der Titeltrack vom letzten Album, mit dem ich mich einfach nicht anfreunden will. Es gibt ein dominantes Klavier und dominanten Gesang von Molko, beides verwandelt den eigentlichen Emo-Powerpop-Song in eine Ballade. Kann man machen. Man könnte aber auch einfach „Pure Morning“ spielen.

10. „Too Many Friends“
Brian Molko stellt sein Baby, seine Gitarre aus dem Jahr 1956, vor: Er liebt sie, sie ist „beautifully damaged“, er schreibt die meisten Songs auf ihr. Vermutlich auch alle für Placebos siebtes Album „Loud Like Love“, deren zweite Single er nun zum Besten gibt. Piano-Intro und dieser lächerliche Text „My computer thinks I’m gay/ I threw that piece of junk away/ On the Champs-Élysées“ – ich schüttle den Kopf. Dieser Text war der Grund für jenen Abgesang. Ich muss vorspulen, die Lyrics sind auch unplugged immer noch reinster Rotz. Okay, irgendwann versucht ein Streicher-Part den schlechten Text zu retten. Es will nicht ganz klappen. Instrumentiereung toll, Text immer noch völlig Banane.

11. „Post Blue“
Vor „Post Blue“ gibts noch eine kleine Instrumentenkunde: In Marokko hätte die Band ein Kanun, eine Kastenzither, gekauft, die jetzt zum Einsatz kommt. Aber „the kanun is out of tune“ und dieser Satz bringt selbst den sonst so ernsten, aber immer freundlichen Molko zum Lachen. „Post Blue“ ist wie „Meds“ vom 2006er-Album und es ist ein Lied, dem sowohl Cello-Streicher als auch die Kastenzither ein ganz neues Gewand verleihen. Immer noch gut, aber ganz anders.

12. „Slave To the Wage“
Nur dieser Track hat es von der Platte „Black Market Music“ in die Setlist der Akustik-Show geschafft. Man art2_placebohoffte ja fast auch auf „Special K“, aber nein. „Slave To The Wage“ ist allerdings nicht mehr die alte schnelle Nummer, die ich in meinen ersten Jahren in München rauf- und runtergehört habe: Molko singt eine Ballade, dezent verstecken sich Cello, Violine und Piano hinter seinem raunzenden Gesang. Interessant. Echt, interessant.

13. „Without You I’m Nothing“
Ach ja, ach ja – keiner meiner Favoriten, noch nie gewesen, wirds nie sein. Der Steichersatz ist nett, aber aus einem Song, den man nicht soooooo wahnsinnig gern mag, was zaubern – eher schwierig. Da scheint aber Placebo was dran zu liegen, das Album hieß so, es ist der Titeltrack ihrer 1998er-Platte.

14. „Hold On To Me“
Ein weiterer Song von „Loud Like Love“, der ohne viel mehr als Molkos Stimme, Geigen und Klavier auskommt. Eben lese ich, dass dieses Album das erste von Placebo ist, das in Deutschland an der Spitze der Charts zu finden war. Hm. Wegen dem Song kann es nicht gewesen sein, das ist auf der Platte ein Song mit schlimmen Synthie-Beats und -Klatschern. Gruselalarm. Die Akustik-Version ist da schon viel besser.

15. „Bosco“
Premierenzeit! Nie haben Placebo diesen Song live gespielt. Mutig! Man versteht gar nicht, wieso sie dieses Lied nie aufgeführt haben. Vielleicht, weil der schon wieder von „Loud Like Love“ ist? Es ist ein schöner Song, vermutlich Molkos Version eines Liebeslieds, der im Original auch schon Streicher- und Piano-Parts beinhaltet und sogar weniger trist als viele der anderen Placebo-Nummern ist. Auf der 2013er-Platte ist es der letzte Track und hier nähren wir uns auch mit großen Schritten dem Ende.

16. „Where is My Mind?“
Okay, ich habe Angst. Brian Molko kündigt eine Cover-Version eines Pixies-Songs an. Ich weiß, dass Placebo einen meiner zehn Lieblingssongs aller Zeiten gern live gespielt haben und dann Leute meinten, Placebo hätten ihn geschrieben und die Pixies hätten Placebo gecovert. Ich hab es ihnen nie so ganz verziehen. „Where Is My Mind?“ von den Pixies ist ein nahezu oder vielleicht komplett perfekter Song, den man besser nicht einfach nachspielen sollte, weil er so im Original immer besser sein wird. Da muss man sich schon was überlegen.

Für ihre „Unplugged“-Version haben Placebo genau das getan: Der Song wird poppig. Das Klavier übernimmt den sonst fast kreischenden Gitarrenpart und schon, es klingt ganz anders, aber das soll ein gutes Cover ja eigentlich auch. Molkos Näseln sorgt für die nötige Ernsthaftigkeit, die Akustik-Gitarren für den Alternative-Faktor und Streicher samt Piano für Placebos ganz eigene Interpretation eines Songs, der nicht nur für mich, sondern offensichtlich auch für Molko in Jugendtagen so wichtig war. Puh, Glück gehabt.

(Allen Leuten, die jetzt denken, dass der Song für „Fight Club“ geschrieben wurde: Nein, nein, nein. Der Song tauchte auf „Surfer Rosa“ von den Pixies aus Boston im Jahr 1988 (!!!) zum ersten Mal auf. Tyler Durden und Marla Singer wurden dank des Lieds am Ende von David Finchers Meisterwerk aus dem Jahr 1999 noch cooler, nicht umgekehrt.)

17. „The Bitter End“
Out with a Bang! Placebo fetzen sich mit einem Klassiker von ihrer „Unplugged“-Bühne. Von der 2003er-Platte „Sleeping With Ghosts“ taucht sonst kein Lied auf, aber „The Bitter End“ war schon gern auch auf Konzerten ihre letzte Nummer. Da dreht noch mal jeder durch. Der Song ist recht nah am Original, was nicht zuletzt daran liegt, dass in der Ausgangsversion auch schon ein Piano-Hook eine wesentliche Rolle spielt. Nach einer Stunde und guten 15 Minuten heißts: Finito! Fast so lang wie ein echtes Konzert, mit einem typischen Schlusslied beendet – solide Leistung.

Ihr seht schon, so sehr ich es versuche, ich kann Placebo einfach nicht ganz abschreiben. Ich weiß, manch einer grinst jetzt, weil ich es doch zugegeben habe. Placebo schaffen es auf ihrem „Unplugged“-Album, alte Songs in eine neue Version zu packen, sodass zwar das Original immer noch durchscheint, aber sich auch was getraut wird: Aus altbekannten Dancefloor-Fillern werden Balladen, die Kastenzither wird als zentrales Instrument vorgestellt und sie verpassen einem Klassiker des Alternative einen neuen Anstrich ohne blöd rüberzukommen. Noch dazu spielen sie mit visuellen Effekten und tauchen so den Konzertsaal in immer wieder neues Licht. Molko selbst sagt:

„Die größte Herausforderung bestand für uns darin, diese Stücke neu zu erschaffen – und zwar auf eine ganz neue, reizvolle Art und Weise. Denn letztlich wollten auch wir überrascht werden.“

Wie immer bei einem „Unplugged“-Album gehen Songs ab: „Pure Morning“, „Nancy Boy“ oder „You Don’t Care About Us“ hätte man schon raushauen und dafür ein paar der neueren Nummern weglassen können, aber die Band war wohl einfach zu produktiv in den 20 Jahren seit ihrer Gründung, da muss man dann schon Mut zur Lücke an den Tag legen. Na gut, Molko und Co., bei diesem Album bin ich bei den alten Liedern meist bei euch – aber wehe es kommen nochmal so depperte Lyrics wie in „Too Many Friends“ daher… Ach was, ich wäre gern in London dabei gewesen!

„MTV Unplugged 2015“ von Placebo erscheint am 27. November 2015 bei Universal Music.

Fotos: PR