Eine neue Supergroup hat sich gebildet: We Are Scientists aus New York und Ash aus Belfast sind als W*A*S*H aka „Masters of the Euroverse“ auf Tour. In München hatte Tim Wheeler, Frontmann von Ash, vor dem Auftritt im Backstage Zeit für Fragen, die sich in 20 langen Jahren stellen. Über Star Wars, Tequila, Musik und die ernsteren Dinge im Leben.

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Achja, auf manche Momente muss man 20 Jahre warten, schon okay. Ich hörte Ashs Alben (und ich meine alle von „1977“ bis „Kablammo!“) rauf und runter, ich bin mit dieser Band aufgewachsen – ohne Facebook, Twitter und Instagram, doch dazu später noch. Umso größer war die Freude am vergangenen Donnerstag als ich um 18 Uhr Tim Wheeler von Ash, der unangefochtenen Lieblingsband während und vielleicht auch seit meiner Adoleszenz, gegenüber stand. Ich werde begrüßt als würden wir uns schon ewig kennen, zwischen Schlagzeug-Zubehör von We Are Scientists nehmen wir Platz und los gehts.

Ihr seid im Moment mit We Are Scientists auf Tour. Wie kam es denn dazu?
Ich glaube, unser Agent wollte das schon ewig machen. Wir haben den gleichen Booking Agent und in Australien spielten wir schon einmal zwei Shows mit ihnen. Seitdem war das vielleicht so eine Art Traum: Wir, sie, in einem Bus auf Tour. Jetzt stimmt der Zeitpunkt, es macht irre viel Spaß.

Wer kam denn auf den Namen eurer Kollaboration, „Masters of the Euroverse“?
Ich kann mich nicht erinnern. Das war bei einer unserer Brainstorming-Sessions für das Projekt. Es gab noch andere Optionen, von denen keine wirklich gut war. „Leprechauns & Gators“ war noch so eine, art3_ash_wearescientistsweil We Are Scientists zum Teil aus Florida sind. Eigentlich haben wir viel Unsinn vorgeschlagen, nur um uns selbst zum Lachen zu bringen.

Ihr spielt gemeinsam ab und zu ein Weezer-Cover…
Ja, fast jeden Abend! Jeden Abend fügen wir außerdem ein neues Cover zu unserer Setlist dazu.
Bis jetzt haben wir Thin Lizzy, Weezer, Pixies und The Cure im Repertoire, in Berlin spielten wir auch „Lust For Life“, aber das war eine Ausnahme. Wenn wir richtig betrunken auf der Bühne sind, spielen wir auch mal „(Don’t Fear) The Reaper“ von Blue Öyster Cult.

Moment: Betrunken auf der Bühne? Macht ihr das echt?
Ja! Naja. Eigentlich trinke ich auf der Bühne nicht, aber wenn wir als Supergroup auftreten, trinken wir alle einen relativ großen Shot Tequila und am Ende des Sets kann es schon einmal passieren, dass ich etwas angetrunken bin. We Are Scientists sind an der Sache mit dem Tequila schuld.

Ihr spielt auch Songs von eurem neuen Album „Kablammo!“. Hat der Titel ein tieferen Sinn? Erzähl mal von dem Album, das klingt viel eher so wie eure alten Sachen, Stichwort: „Bubblegum Punkrock“.
Nein, „Kablammo!“ ist eher wie ein Geräusch so wie „Boooom!“ oder „Bang!“. Wie eine Explosion bei Batman!
Nach unserer „A – Z“-Reihe spielten wir in Australien auf ein paar Shows „1977“ komplett durch und dann gemeinsam mit [unserer alten Gitarristin] Charlotte Hatherly „Free All Angels“ als Ganzes. Wir wollten zu „A – Z“-Zeiten ja eigentlich kein neues Album mehr machen, da war dann plötzlich eine Menge Druck da. Ich dachte, dass die Zeit der Alben vorbei wäre…. Und dann kam das Vinyl-Revival! Jetzt machen Albumaufnahmen auch wieder Spaß, weil die Leute wieder die ganze Platte und nicht nur einige Songs anhören. Und es machte Sinn für uns, zurück zu unseren Wurzeln zu gehen, weil es diesen Sound gerade nicht mehr so oft gibt: Wir können eine Rockband sein, aber Pop- und Punkelemente dürfen nicht fehlen. Live klappt das vor allem alles immer noch super!

Ihr, Ash, seid seit über 20 Jahren eng befreundet, aber Du hast aber auch ein Solo-Album veröffentlicht.
Ja, das ist ein sehr persönliches Album. Mein Vater starb an Alzheimer und ich fing aus therapeutischen Gründen an, Songs zu schreiben. Ich wollte ein wenig rumexperimentieren und Ash ist ja eine Gitarrenband und naja, es gab ein paar Gründe.

Seit der Diagnose deines Vaters hilfst du Alzheimer-Wohltätigkeitsorganisationen. Ihr habt auch mit We Are Scientists schon einen Song für eine Multiple Sklerose-Organisation eingespielt.
Ja, klar, das ist mir wichtig. Manchmal kommt auch die Alzheimer’s Society zu den Shows, um Spenden zu sammeln. Der Track „Washington Parks“ mit We Are Scientists ist super. Den Leuten bewusst zu machen, dass es diese Krankheiten gibt, ist manchmal schon genau so wichtig wie Spenden sammeln.

Lass uns 20 Jahre zurückgehen. Euer Debüt „1977“ ist eben erschienen und das erste Geräusch, das man auf dem Album hört, ist nicht ein Ton, sondern das Fluggeräusch eines Empire Fighters aus Star Wars!!! Freut ihr auch auf „The Force Awakens“?
Ja, das ist ein Tie-Fighter! (lacht) Wir freuen uns schon, besonders Mark, der größste Star Wars-Fan, den man sich vorstellen kann. Wir spielen an dem Tag, an dem der neue Teil ins Kino kommt, eine Show in Galway. Wir werden versuchen, nach unserer Show noch ins Kino zu gehen, soviel steht fest.

Aber mal ehrlich – auf welcher Seite steht ihr denn: Dark Side oder Jedi?
Auf jeden Fall Jedi! Oder vielleicht bin ich auch Legionär wie Boba Fett. Alles, nur nicht Jar Jar Binks.

So gut wie das Album los geht und die Songs darauf sind, so lustig endet es auch: mit dem Hidden Track „Sick Party“. (Für alle, die das nicht kennen: Das sind die fünf Minuten am Ende von „1977“, in denen Ash hackenstramm zurück ins Aufnahmestudio kommen und ihren Rausch dokumentieren.) Würdet ihr das heute wieder machen, in Zeiten von Facebook, Twitter und Instagram?
Ich denke, heutzutage ist das auch schwer umzusetzen: Schon allein das Format der CD war perfekt für sowas. Zehn Minuten Stille und dann das. Das hat eine Menge Menschen überrascht! Jeder hat den Track irgendwann gefunden. Viele haben dafür auch Ärger bekommen, wenn sie die CD zum Beispiel in der Arbeit laufen ließen und dann kam plötzlich die „Sick Party“. Das war ganz schön legendär, aber Ärger dafür haben wir zumindest nicht bekommen. Ich schäme mich dafür auch nicht. Aber heutzutage würde das nicht mehr gehen…

Ihr wart aber damals schon bekannt für verrücktes Zeugs. Hat nicht einer von euch die Noten seines Schulabschlusses live im Radio vorgelesen?
Ohja, das war ich! Das war live auf BBC1, also im ganzen Land zu hören. Meine Güte, zum Glück hab ich bestanden. Vor 20 Jahren hatte man mehr Freiraum. Letztendlich war es völlig egal, was du angestellt hast – irgendwer hat es aufgeräumt. Es gab damals so unfassbar viel Geld in der Musikbranche und von Rockbands wurde noch dazu schlechtes Benehmen fast schon erwartet. Es ist schade, dass man heute immer aufpassen muss, was man sagt und tut. [Ich vermute, all this really happened.]

Ich sah euch 1997 auf dem Bizarre-Festival, als ihr vor den Foo Fighters gespielt habt. In deinem Instagram-Account findet man ein Foto vom diesjährigen Fuji Rock mit Dave Grohl. Trifft man andere Bands und Künstler gern wieder?
Ja, schon. Aber bei Dave Grohl ist das was ganz Besonderes. Er ist ein feiner Kerl und er erinnert sich an art1_timwheelerdavegrohlSachen, die man ihm erzählt. Das erste Mal, als ich ich getroffen habe, habe ich ihm erzählt, dass ich ein Autogramm von ihm von einer Nirvana-Show aus dem Jahr 1992 habe. Nirvana, dann die Foo Fighters, Hole, die Beastie Boys und wir hatten alle denselben Presseagenten, deswegen kennt uns Dave Grohl schon recht lange. Dann hatten wir noch mal den selben Produzenten und ganz abgesehen davon ist Dave Grohl einfach wahnsinnig nett. Aber es macht Spaß, Bands und Künstler wiederzutreffen, mit denen man auf Tour war oder einfach auch nur Zeit verbracht hat.

Du lebst in New York, ihr tourt um die Welt – vermisst du Irland ab und zu?
Ich fliege im Jahr bis zu fünf mal nach Hause, aber manches vermisse ich: Familie und Freunde natürlich, aber auch die grüne Landschaft. Der Regen geht mir gar nicht ab. Und zum Glück kenne ich einen Haufen Iren in New York, da höre ich dann zum Glück auch immer den Akzent.

Es bestätigt sich erneut: You gotta love the Irish! Und wenn das Trio aus Nordirland dann auch noch mit seinen besten Freunden aus New York, We Are Scientists, auf Tour ist, dann blüht einem ein wahrhaft famoses Konzert. We Are Scientists spielen um kurz nach 20 Uhr für eine Stunde. Es ist Musik, wie man sie heute nicht mehr so oft zu hören bekommt: Ein Gitarrist und Sänger, ein Drummer, ein Bassist – mehr braucht es auch nicht für Fetzensound. Sänger Keith Murray erinnert mich an einen 15-jährigen Ferris Bueller mit graumeliertem Schopf. Ihm sitzt der Schalk im Nacken, ich habe das Gefühl, dass er immer zu einem Späßchen aufgelegt ist. Das Konzert ist top, man fühlt sich an 2006 zurückerinnert, besonders als We Are Scientists „Nobody Move, Nobody Get Hurt“ anstimmen. Nach etwa 60 Minuten verabschiedet sich das Trio vorerst, kehrt aber bald ruhmesreich zurück auf die Bühne der Backstage Halle.

Ash geben sich die Ehre und mei bitte, das Publikum dreht durch. Zum zweiten Song „A Life Less Ordinary“ aus dem gleichnamigen Film mit Ewan McGregor und Cameron Diaz aus dem Jahr 1997 groovt sich das Publikum ein, zu „Goldfinger“ vom Debüt fängt es an, leicht durchzudrehen. „Oh Yeah“, „Orpheus“, „Kung Fu“, darunter ein paar neue Tracks gemischt: Ash schenken sich und uns nix. Mancher Zuschauer sieht aus als wären die letzten 20 Jahre nie passiert (Ich sag nur: Firestarter-Frise!) und manch einer davon hätte sich für den Freitag vielleicht besser Urlaub eingetragen. Die Show ist wild, Mosh Pit, Crowdsurfing – „Hells to the Yeah!“ an einem Donnerstagabend.  Nach einer Stunde lassen uns Ash fünf Minuten durchatmen bis sie als Supergroup W*A*S*H gemeinsam mit We Are Scientists wieder auf der Bühne stehen.

Sechs Männer, die wir alle noch als Jungs kennengelernt haben, die offensichtlich sehr viel Lust auf das haben, was sie da auf der Bühne tun, spielen 45 Minuten lang nur Hits und gemeinsame Lieblingslieder. Los geht’s gleich mit einem von Tim Wheeler im Interview versprochenen Cover, das wie die Faust aufs Auge passt: Thin Lizzy’s „The Boys Are Back In Town“. Jeder Einwohner der grünen Insel scheint diesem irischen Rockexport verfallen zu sein, aber an diesem Abend trifft der Text auch noch voll zu. Waren weder We Are Scientists noch Ash in ihren Solo-Parts leise, so stehen sie jetzt mit doppelterart_timwheeler Power auf der Bühne: drei Gitarren, zwei Bässe, fünf Mikros. Die Schlagzeuger beider Bands wechseln sich an einer Akustikgitarre ab, im Laufe des 45-minütigen Sets entledigen sich zwei Bandmitglieder ihrer T-Shirts. Sie spielen ihre liebsten Songs aus dem eigenen Repertoire und Lieder anderer Künstler, die ihnen am Herzen liegen. Keith Murray gibt ein wirklich ganz zauberhaftes „Just Like Heaven“, im Original von The Cure, wieder, das seinerseits nur mit seinem ganz speziellen Song zu Thanksgiving, das ja am Konzertabend in den USA gefeiert wurde, getoppt werden kann: ein Cover von Marilyn Mansons „Beautiful People“.

Bei Ashs „Girl From Mars“ wird der ganze Bereich vor der Bühne ein Remmidemmi-Pit (Wer danach keine blauen Flecken hatte, hebe bitte die Hand!), nur um nach einem „Wash! Wash!“-Chor und einem Pixies-Cover mit den Füßen wieder fest auf dem Boden zu landen: Richtig, wir sprechen hier von „Where Is My Mind?“ der Bostoner Band (Ich spreche davon sehr oft diese Woche). Und weil sowohl We Are Scientists als auch Ash diese Band mögen und so viel Herzblut in den Song legen, klingt er gut. Vielleicht auch, weil die Zuschauer so euphorisch mitsingen.

Aber leider muss auch irgendwann die beste Show zu Ende gehen. Und obwohl Wheeler und Murray darüber sinnieren, ob das vielleicht wirklich das größte Konzert aller Zeiten war, ertönen über kurz oder lang mir sehr bekannte dissonante Akkorde: „Undone“ von Weezer. Die Masters Of The Euroverse spielen eine schier endlose Version des Lieds aus dem Jahr 1994, am Schluss hat Ashs Bassist Mark Hamilton den Bassisten von We Are Scientists, Chris Cain, auf den Schultern, der wiederum auf der Gitarre spielt, die ihm Tim Wheeler einhändig entgegenhält.

Man möchte sich bei beiden Bands herzlichst für eine irre Show bedanken. Und dafür, dass sie (nicht nur ihre eigenen) Songs aus den letzten Jahren wieder in unser Gedächtnis gespielt haben. The Boys Were Back in Town! Wer da nicht dabei war, ist ganz allein selber schuld.

Fotos: PR, The Music Minutes (2), Tim Wheelers Instagram-Account