Auf dem PULS Festival gaben sich im Funkhaus des Bayerischen Rundfunks dieses Jahr vor allem deutsche Künstler die Klinke in die Hand. Im Kopf bleiben die Antilopen Gang und Die Nerven, lange Wege und das Festivalbier.

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Es ist kurz vor 20 Uhr am letzten Samstag im November als wir vor dem Eingang des Bayerischen Rundfunks stehen. Jede Manteltasche, jede Tasche wird genauestens überprüft und drinnen wird man in einem Labyrinth über den ersten Stock wieder zurück ins Erdgeschoss, ins Palisanderfoyer, geführt. Ein ausgeklügeltes Sicherheitskonzept? Hm, dann hätte man vielleicht auch die Flure zu den Büros abschließen sollen. Egal, über die Holzwendeltreppe geht es nach unten ins Foyer, dort ist ein riesiger Stand des Festivalveranstalters, des Radiosenders PULS. Was man da genau machen und tun kann,  werde ich bis zum Ende des Festivals leider nicht herausfinden:  Es stehen immer zu viele Menschen an.

Viel wichtiger wird für unseren Abend der Getränkestand gegenüber sein: Es gibt festivaleigenes Bier von der Brauerei Quartiermeister, aber keinen Spezi, was sich vor allem ab 2 Uhr als mittelschwere Katastrophe herausstellen wird. Aber was soll’s, her mit dem Hellen, auf zum ersten Konzert.

Festivalbier 1
Wir gehen zu Cosby ins Studio 1. Recht viel los ist noch nicht, erst zu ihrem Song „Yeah“ zieht es mehr Leute zur Show. Viele warten aber auch auf Kytes, die seit dem Spätsommer in der Stadt für Trubel sorgen. Das Studio 2 nebenan ist recht schnell voll, an Reinkommen ist nicht mehr zu denken. Beide Bands sind aus München und deuten die Richtung des Festivals an: Es geht darum, die Bandbreite neuer deutscher Musik aufzuzeigen. Und vielleicht zwei Bands aus England auftreten zu lassen.

Festivalbier 2
Wenn es zu Cosby noch relativ überschaubar voll war, wirds jetzt richtig voll: art_antilopengang
Die Antilopen Gang aus Düsseldorf und Aachen übernimmt das Mic und rappt sich durch ihr Album „Aversion“ und das Mixtape „Abwasser“ (, das man hier immer noch gratis downloaden kann).  Vorn stehen die Kids, hinten die Mittdreißiger. Die Rapper der Gang, Koljah, Panik Panzer und Danger Dan, predigen dem vollen Studio 1 vom „Enkeltrick“ und vom „goldenen Presslufthamer“. Bei „Verliebt“ sind sie kurz versöhnlich, nur um dann gegen Ende zu einer Wall of Death einzuladen. Das volle Studio 1 rennt aufeinander zu, es gibt ein großes Mosh Pit zu „Beate Zschäpe hört U2“. Wer an diesem Song bisher vorbeigekommen ist, möchte sich bitte die Lyrics durchlesen und für immer in Ehrfurcht erstarren. Wie schön, wenn eine Band eine klare politische Meinung vertritt und dabei nicht verkrampft und spießig, sondern lässig und witzig rüberkommt.

Festivalbier 3
Wir wollten eigentlich zu Schnipo Schranke, aber im Studio 2 war da schon lange kein Platz mehr. Na gut, dann ein neues Bier geholt und zurück ins Studio 1, denn einer der Highlights kommt demnächst: Jedes Jahr treten ein oder zwei Künstler beim PULS Festival mit dem Rundfunkorchester auf. Letztes Jahr waren das Deltron 3030, die vor allem für ihren Input bei den Gorillaz bekannt sind. Muss super gewesen sein!  2015 wird Sizarr, das Trio aus der Pfalz, für dieses besondere Konzert mit dem Rundfunkorchester angepriesen. Allerdings ist von dem Orchester bis zum fünften Song nichts zu sehen oder zu hören. Und auch als es dann endlich auftritt, nimmt es eine absolut untergeordnete Rolle ein. Es ist wie ein Sizarr-Konzert, das an manchen, wenigen Stellen eine orchestrale Bonus-Begleitung bekommen hat. Hätte man die klassischen Musiker nicht besser einbinden können? So ist es irgendwie schade drum.

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Wir wackeln zu Findlay aus England ins Studio 2. Natalie Findlay, Namensgeberin, Zentrum und Sängerin des Ensembles, tanzt und singt sich durch alle Genres: Elektronische Beats und Gitarrenriffs werden hier problemlos eins und noch dazu in einer überaus tanzbaren Kombination. Das Studio wogt und tanzt zu den Takten von „Electric Bones“, Findlays im September erschienener EP. Es wird sicher nicht die letzte sein, denn der Genre-Mix macht Spaß.

Festivalbier 4
Schnell über den Innnenhof in die Kantine des BR gehuscht: Die Nerven spielen. Es ist brechend voll, nur leider hört man gerade hinten nur Instrumente, keinen Gesang. Insgesamt ist es nicht wirklich so laut wie man jetzt bei Die Nerven erwartet hätte. Das Publikum schreit wiederholt „Lauter!“ und man sieht der Band der Stunde aus Stuttgart an, dass sie nichts lieber täten als brachial laut zu spielen. Aber das wird nichts, es gibt anscheinend BR-interne Bestimmungen, dass die Lautstärke die 100 Dezibel nicht wirklich überschreiten darf und zu allem Überfluss fällt dann auch noch die PA aus und die Zuschauer werden unaufmerksam. Die Nerven machen ihrem Unmut Luft, man hört „Das is doch scheiße so!“ aus Bühnenrichtung. Allen Widrigkeiten zum Trotz: Es ist das beste Konzert des Abends! Der Stil der Band, der sich zwischen Shoegaze-Noise-Rock und Post-Punk einpendelt, hat in Deutschland gefehlt. Wer das aktuelle Album „Out“ immer noch nicht gehört hat, sollte das bitte jetzt sofort nachholen.

Schlagzeuger Kevin Kuhn fragt sich kurz nach der Show, welche Motive manche der Zuschauer zum Konzertbesuch bewogen haben: „Gerade in den ersten fünf Songs, wenn wir dann nicht voll durchgeknüppelt haben, haben sich alle in Grüppchen gebildet und sich unterhalten. Das Konzert wurde ja auch live nach draußen übertragen und, ganz ehlich, dann sollen die Leute doch bitte rausgehen, wenn sie sich unterhalten wollen. “ Gitarrist und Sänger Max Rieger findet deutlichere Worte: „Wenn die Leute [auf unser Konzert] keinen Bock haben, hab‘ ich auch keinen; dann maßregle ich das Publikum, dann will ich auch nicht, dass die da zugucken. Labern können sie draußen.“ Und gemaßregelt wurde auf der Bühne, wenn die Zuschauer nicht still waren. Zurecht.

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Waren Die Nerven mit ihrer Show in München denn zufrieden? Abgesehen von der zu geringen Lautstärke, den technischen Problemen und dem unaufmerksamen Publikum schon. „Ich hatte heute von den zehn Konzerten, die wir bisher gespielt haben, am meisten Spaß auf der Bühne, weil ich das ganz gut fand, dass wir uns mal so auslassen konnten“, erklärt Rieger. Bassist Julian Knoth findet außerdem, dass „das halt wieder so ein richtiges ‚F*ck You!‘ [war] und wann hat man dazu noch mal die Möglichkeit? Normalerweise sind die Leute immer sehr nett und wir dürfen so laut sein wie wir wollen. Leise macht halt dann einfach keinen Spaß.“ Und das tun sie kund, auf der Bühne und auch danach.  Zum Glück kommen Die Nerven schon bald zurück nach München: Im Februar spielen sie ordentlich laut im Technikum und sie geben den potenziellen Konzertbesuchern schon jetzt folgendes mit auf den Weg: „Wenn sie Lust haben, uns zu sehen, sollen sie Tickets kaufen. Wenn sie labern wollen, können sie daheim bleiben.“

Bionade statt Spezi

2 Uhr. Ich kann kein Helles mehr sehen. Was anderes muss her. Wie – es gibt keinen Spezi und auch keine Apfelschorle? Erste Anzeichen meines über kurz oder lang geplanten Rückszugs ins Bett werden laut, aber noch nicht laut genug. Wir gehen zurück ins Foyer, denn dort wird jetzt gefeiert: DJ Explizit von Main Concept und der hauseigene DJ XTOPH bringen die Leute zum Tanzen. Mich selber allerdings nicht mehr wirklich, denn Bionade ist kein Spezi und mir fallen ab 3 Uhr mit ziemlicher Regelmäßigkeit die Augen zu. Zeit heimzugehen! Merci, PULS, schön war’s!

Für nächstes Jahr? Ein großer Act wie Casper, Cro oder Pete Doherty war jetzt dieses Mal nicht dabei. Vielleicht klappt das aber 2016 wieder. Und das mit dem Spezi und der Lautstärke vielleicht ja auch.

Fotos: the music minutes