Maximo Park spielen ihr Debüt zum 10. Geburtstag. Wir präsentieren die Chose in München, haben bereits Tickets verlost und freuen uns! Nachdem aber der Erstling am Donnerstag im Backstage im Fokus stehen wird, tut Ursi kurz so, als wäre es 2005 und sie hätte eben diese Band entdeckt. Eine Zeitreise durch den Großteil des ersten Albums und zurück.

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2005. Maximo Park, damals noch eher Maxïmo Park geschrieben, bringen im Mai ihr Debüt heraus. Ich sitze jeden Tag in diesem warmen Sommer an einem Schreibtisch und schreibe Magisterarbeit, manchmal mit Kommilitonen, manchmal allein, manchmal in der Bibliothek des Münchner Historikums, manchmal unterbrochen von Double-Features dieser neuen abgefahrenen Serie: LOST. Meistens werkle ich brav vor mich hin, nur an einem Abend der Woche ist knallhartes Durchdrehen nicht nur erlaubt, sondern Gesetz: Freitag oder Samstag. Die Magister-Gang verlagert sich von ihren Schreibtischen in die Münchner Innenstadt. Cord heißt dieser Laden, so lange gibt’s den noch nicht – erster Stock, Blick über die Sonnenstraße, gute Musik, Indie.

Apropos „Musik“: Eurotrash ist durch und die letzte Boyband hat das Zeitliche gesegnet. Es gibt eine neue British Invasion. Nein, Oasis gerade nicht mehr, aber Franz Ferdinand aus Schottland haben mit „Take Me Out“ einen wochenendlichen Dancefloor-Filler geschrieben, angeblich werkeln Biffy Clyro an neuem Material und sollen als Vorband der gehypten Bloc Party auf deren Kontinentaltour 2006 auftreten. The Libertines werden gehasst und geliebt und dann gibt’s da noch diese anderen: Maximo Park aus Newcastle. „Apply Some Pressure“ lässt die Indie-Herzen höher und schneller schlagen, nicht nur die Band, sondern explizit der Sänger, Paul Smith, verkörpert den neuen Style: Anzug, Hut, Brite, schiefe Zähne, kein Skorbut. „A Certain Trigger“ heißt das Album, soso.

Die Platte startet mit, das lese ich im Prinz oder einem Musikmagazin, einem Song, den es schon vor Sänger Paul Smiths Zugang zur Band 2003, gab: „Signals and Signs“. Als er, der nach einer „Superstition“-Karaoke-Performance gebeten wurde, Lead-Sänger von Maximo Park zu werden, das erste Mal in den Band-Probenraum kommt und den Song mit dem Rest der Gruppe spielt, ist es für alle eine Offenbarung: Es ist als wäre er schon immer Teil der Band gewesen, es passt perfekt, es kam ihnen allen wie ein Wunder vor. Ab diesem Zeitpunkt gab es kein Halten mehr und die Band schrieb „A Certain Trigger“ mehr oder weniger in einem Rutsch durch.

Über „Apply Some Pressure“ sagt Smith selbst, dass der Song jeden, der ihn einmal hörte, irgendwie gepackt habe. Als sie den Song zum ersten Mal außerhalb des Proberaums in einer Bar für den Soundcheck gespielt hätten, hätte sich das versammelte Kneipenpersonal fast erschrocken umgedreht. Maximo Park werteten das als gutes Zeichen und es sollte sie auch nicht trügen: Es wurde ihr Signature-Song. Starke Gefühle werden darin beschrieben, die vielen Leuten über Streite und Trennungen hinweghelfen werden – hört man. Und wenn es nur durch’s Tanzen war.

Song 3, „Grafitti“, hat Gitarrist Duncan Lloyd in seiner Heimatstadt geschrieben über einen Vorfall an der Kunstakadmie oder besser gesagt: der Kunstakadmie und den durch diese Akadmie verursachten Schulden als junger Mittzwanziger. Schneller als die anderen sollte der Song sein, zorniger vor allem. Der Song markiert auch die erste Zusammenarbeit zwischen dem bisherigen Songschreiber Lloyd und dem neuesten Mitglied in der Band, Paul Smith. „He could get his teeth into it“, so Lloyds Aussage über Smith, der seinen eigenen Beitrag zu den Lyrics leistete. He sure did.

„Going Missing“ ist eine Nummer, die sich besonders durch ihren fast schon Strokes-esken Gitarrenzug auszeichnet. Es gibt eine melodische Bassspur und – Premiere – der Text stammt fast komplett aus Paul Smiths Feder. Gut, dass das funktioniert hat, denn so schreibt ab diesem Zeitpunkt Duncan Lloyd die Melodien und Paul Smith die Texte – mehr oder weniger. Schon damals allerdings bezeichnet die Band diesen Umstand als Schlüsselerlebnis: Es funktioniert!

„I Want You To Stay“ ist ein Mittelding aus „robotic staccato“ und „soaring chorus“, erklärt Paul Smith. Das läge an der Zusammenarbeit zwischen ihm und dem Gitarristen Duncan Lloyd, der auf der Bühne auch so manche roboterartige Bewegung draufhätte. Die Suche nach etwas und der Ausweg aus allem bestimmen diesen Song ebensosehr wie so viele andere auf „A Certain Trigger“. Es ist das Streben nach Höherem, nach Glück, das Smith zu diesem Text bewogen hat, und wenn es nur der Umzug in die nächstgrößere Stadt ist.

Maximo Park haben mit „Limassol“ einen Track auf ihr Debüt gepackt, bei dem ihnen schon von Beginn an bei Live-Shows im Refrain fleißig entgegen geschrien wurde und in dem ihnen Zuschauer gern Biergläser entgegen halten. Oder es versuchen, denn der Song ist schnell und tanzbar und wer da kein Bier verschüttet muss theoretisch Tänzer mit ausgeklügelten Balance-Fähigkeiten sein.  Da gibt’s eine irre Keyboard-Melodie, auf die Austin Power stolz wäre und Lyrcis, die Paul Smith um Limassol auf Zypern drumherum geschrieben hat. Abgefahren. Ist es ein Urlaubslied? – Man weiß es nicht.

Neben „Apply Some Pressure“ ist „The Coast Is Always Changing“ sicher einer der Lieblinge auf der Platte. Schon allein wegen der Textzeile „I am young and I am lost, every sentence has its cost.“ Dazu kommt ein Bass mit Wiedererkennungswert und weil an der Küste alles ein bisschen verspielter ist, ist es das auch in diesem Song. Der Text war innerhalb einer Stunde geschrieben und damit haben das Schreiberling-Duo Lloyd und Smith nicht nur einen Fan-Liebling aufs Papier gezaubert, sondern auch einen, der für dieses Album und Maximo Park typisch ist: Melancholie, zuckersüß verpackt in catchy Hooklines.

„The Night I Lost My Head“ hat seine Wurzeln im 50er Rock’n’Roll und handelt in seinem Upbeat-Tempo von Dingen, die Paul Smith passiert sind. In welchem Zustand? „Drunk as a skunk“, behauptet er. Lustiger Kerl, lustiger Song in unter zwei Minuten. „Once, A Glimpse“ is superschnell und noch dazu hat er ein Komma, wo nicht zwingend eins hin muss – ahhhhhh, the Brits. Das Lied wurde etwa in der Mitte der Aufnahmesessions eingespielt und alle waren nah am Studiokoller – den langen Produktionszyklus war ja keiner bis dahin gewohnt. Sie mussten ordentlich rumfeilen an dem Track, der Drummer der Band, Tom English, erinnert sich an einen zweiwöchigen, zehrenden Prozess. Laut und hart spielen und dabei müde sein – nicht die beste Voraussetzung, aber alle Mühen haben sich gelohnt.

Zum Schluss noch ein Statement: „Kiss You Better“ hat primär gar nichts mit Küssen zu tun, sondern vielmehr damit, hinter einer Sache zu stehen oder eben: „Stand up for what you believe in“, so Paul Smith. Sein Leben einem Zweck verschreiben, das will Smith. Der Track klingt aber lustiger als man meinen könnte. Dank diesem Lied sagt man Maximo Park den Ruf einer politischen Band nach. Smith relativiert das aber: Man müsse nicht politisch sein, wenn man sich mit Dingen wie persönlicher Freiheit oder einfach Leben in seinen Liedern auseinandersetze. An sich selber glauben, positiv bleiben all das – raus mit gutem Karma. „I think it is a good way to end a record“, meint Smith dazu. I agree.

Zehn Jahre später, Dezember 2015. Die Magisterwürde wird schon lange nicht mehr verliehen (Danke, Bologna!) und auch das Cord in der Sonnenstraße hatte mittendrin mal zu. Eine Konstante allerdings bleibt: Maximo Park. Das Quintett ist älter geworden, schreibt aber nach wie vor so herzzerreißend ehrliche Songtexte wie man sie heutzutage schon eher suchen muss. Auf jeder Show kommen weder sie noch das Publikum an „Books From Boxes“ oder „Apply Some Pressure“ vorbei, ganz zu schweigen von „Girl Who play Guitars“.

Maximo Park sind eine feste Größe in der britischen Indie-Welt, die gerade jetzt das erste Mal mit einem runden Geburtstag bedacht wird. Grund für Nostalgiker? Wohl kaum, wenn man der Jounaille glaubt. Daisy Jackson vom Manchester Evening Standard schreibt über das Geburtstagskonzert von Maximo Park in der Albert Hall in Manchester:

The setlist is one that remains relevant and exciting, even now, a true testament to the group’s songwriting skills. After all, when did you last see a band who could play a whopping 25 songs and keep your attention?

The show wraps up with some of the loudest applause I’ve ever heard in the venue.

Klingt super. Also, zurück ins Jahr 2005, noch mal 25 sein und so feiern als gäbe es kein Morgen (oder zumindest keinen Freitagmorgen). Die Tickets für den Birthday Bash zu Ehren von „A Certain Trigger“ von und mit Maximo Park kosten 32,25 € und gibt es hier zu kaufen.

Die Zitate entstammen Maximo Park-Kommentaren zu „A Certain Trigger“. Die Kommentare wurden am 28. Oktober 2015 als Playlist veröffentlicht, die man sich hier anhören kann.

Foto: PR