Am Samstag gab’s ein Highlight des noch jungen Konzertjahres 2016: Die Technopioniere von Fraktus luden zum futuristisch-dadaistischen Musik-Schauspiel in die Muffathalle. Thorsten, Dickie und Bernd waren gekommen um abzuliefern und zementierten eindrucksvoll ihren Status als selbsternannte beste Live-Band Deutschlands. Eine multidimensionale Wahnsinnsperformance mit Humor und ganz viel Herz.

slide_fraktusDie erste Platte des wüsten Trios mag die stärkere gewesen sein, live tue ich mir schwer ihre beiden Shows (vor fast exakt 3 Jahren trieben sie bereits erfolgreich im Freiheiz ihr Unwesen) in eine wertende Reihenfolge zu bringen. Thorsten Bage (Heinz Strunk), Dickie Schubert (Rocko Schamoni) und Bernd Wand (Jaques Palminger) präsentierten ihr musikalisches Œvre inklusive Hits auf’s Ansprechendste.

Die leuchtschlauchveredelten Schweißervisiere vom letzten Mal hatten sie recycelt, die Outfits waren dafür neu. Ihre NASA-Gedächtnis-Overalls von vorvorletzter Season hatten sie gegen schnittige, rote (oder waren sie violett?) Zweiteiler getauscht, die die Rebellen aus dem Star-Wars-Universum glatt neidisch gemacht hätten. Komplettiert mit den blitzförmigen, „Fraktus“-gravierten Gürtelschnallen aus gebürstetem Metall zweifellos ein Fashion-Hammer.

IMG_0431Ihre osteuropäisch intonierende Refrainhilfe hatten sie indes nicht dabei, das Budget wurde wohl gänzlich von ihrem neuen, beispiellosen Merch-Potpourri aufgefressen. Durchaus waghalsige Entwicklungen, von denen wir Konventionaldenker wahrscheinlich nur schwer absehen können, dass sie in wenigen Jahrzehnten zu zeitlosen Klassikern in jedem Haushalt avanciert sein werden. Die Wand’sche Bananensäge zum Beispiel oder die besonders hübsch aufgemachten Saugtücher genauso wie die innovative Internetcreme. Endlich Schluss mit dem Ärgernis konstant verspeckter Stecker und Leitungen. Ihr Masterpiece hat aber Thorsten Bage zu verantworten – mit „Smirkey’s Dope House“ präsentiert er uns ein schlicht-geniales Jump-And-Run-Spiel mit wertvollem Bildungsauftrag. Darauf hat die Generation „Breaking Bad“ gewartet. Selbst in der nur vier Level umfassenden Beta-Version (Bier, Hasch, Pillen, Crystal Meth) ist dieses digitale Machwerk mit quasi fatalem Suchtpotential – welch doppelbödige Schelme! – schon schwer mindblowing. Bald soll der Daddel-Kracher mit unfassbaren zehn Levels als kostenlose App unters Volk gejubelt werden. Wow, danke Freunde!

IMG_0430Selbstverständlich wurde auch musikalisch alles ausgepackt: Dickies gnadenlose Hits („All die armen Menschen“, „Affe sucht Liebe“, „Musik aus Strom“), Thorstens erlesene Song-Parabeln mit klarem Sachbezug („Kleidersammlung“, „Saugetücher“, „Schuhe Aus Glas“) und die experimentellen Ergüsse des Bernd Wand („Jag den Fuchs“, „Underground“) wurden zu einem fantastischen Feuerwerk der modernen Unterhaltungsmusik kompiliert.
Weitere nennenswerte Kleinode waren auch das durch Mark und Bein gehende „Maler und Lackierer“, „Mary Poppins“ (mit künstlerisch wertvoller Romy-Schneider-Media-Collage) oder die Skandal-Nummer „Die Toten Schauen Dir beim Wichsen zu“ (pünktlich zur Tour in Bayern auf dem Index gelandet). Dazu hypnotische Kapriolen an der Querflöte, ekstatische Licht-Sound-Schwert-Choreos, zügellose Peitschen-Percussion und virtuose Bändigung des Theremin. Gekrönt wurde alles von manischen Scats und ergeben echoenden Publikumschören.

Aber auch die weiche Seite hatte Platz. In harten Zeiten braucht das geknüppelte Selbst jede Streicheleinheit, die es bekommen kann, auch das weiß das empathische Trio. Und so zerreißt es einem bei der von Bernd Wand äußerst sensibel vorgetragenen Geschichte vom kahlen, Nic-Nacs-süchtigen Waschbären Sascha fast das Herz. Beim Gedanken an das gebeutelte Seniorentier seiner ehemaligen Nachbarin wird mir immer noch ganz anders und ich glaube auch in der schützenden Dunkelheit der Halle wurde bereits still die ein oder andere Träne vergossen. Fast kommt es während der Story noch zum Eklat und Bruch zwischen Wand und Antreiber Bage, aber zum Glück kitten sie die Risse schnell mit der berührenden Versöhnungs-Hymne „Freunde sind Friends“.

Und so möchte ich auch zum Abschluss Fraktus sprechen lassen, denn liebe Freunde, mehr muss an dieser Stelle nicht mehr gesagt werden:
„Freunde sind Friends und Friends sind Freunde. Freunde sind Friends, du musst sie liken. Zeige ihnen dein Smiley-Icon. Zusammen, together, für immer, forever, mit Thorsten und Dickie und Bernd.“

 

Fotos: PR, themusicminutes