Am 21. Februar gingen Jugendträume in Erfüllung: Massive Attack spielten im Rahmen ihrer komplett ausverkauften Deutschland-Tour den ersten von zwei Gigs in der Münchner Tonhalle. Die Band, die seit einem Vierteljahrhundert aktiv ist, zeigte sich auf der Höhe der Zeit . Song-Klassiker „Unfinished Sympathy“ wurden von einem aufwändigen Multimedia-Spektakel begleitet – politische Message inklusive. Ein massives Comeback.

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Wenn der Clip zu „Unfinished Sympathy“ – das erste One-Shoot-Musikvideo – auf MTV lief, hing ich Anfang der Neunziger gebannt vor dem Fernseher. Am 21. Februar stand ich dann mit gesenkter Kinnlade vor der Bühne der Münchner Tonhalle. Zum ersten Mal Massive Attack in echt.

Die Trip-Hop-Pioniere, die diese Schublade eigentlich ablehnen, legten eine grandiose Show hin. Auf der Bühne eine Armada an Musikern und Gerätschaften. Es blinkt, Knöpfchen leuchten. Zwei Drummer, Keyboards, Bass, Gitarre.

Die beiden Protagonisten Robert „3D“ Del Naja und Grant „Daddy G“ Marshall tauchen aus dem Nebel auf. Aus dem Dunkeln treten sie in schmale Scheinwerferspots. Gemeinsam flüstern, hauchen und rappen sie den dritten Song des Abends, „Risingson“. Düster, fast bedrohlich kriechen und knarzen Beats und Bass durch die Tonhalle.

Es folgen weitere Klassiker wie „Teardrop“, „Angel“ und „Inertia Creeps“ vom 1998er Album „Mezzanine“, die sich mit Songs vom Debütalbum „Blue Line“ und Titeln des letzten Studioalbums „Heligoland“ abwechseln. Auch einige Stücke der erst vor einigen Wochen erschienenen neuen  EP „Ritual Spirit“ haben Massive Attack in ihr Set aufgenommen.

Kommen und Gehen

Die Tracks von Massive Attack zeichnen sich seit Beginn durch wechselnde Gäste am Mikrofon aus. Auch live tritt immer wieder jemand anderes ins Spotlight. Gründungsmitglied Tricky, der auf der EP ebenfalls zu hören ist, ist in München zwar nicht mit von der Partie. Dafür jede Menge andere Gaststars. Newcomer Azekel zum Beispiel verleiht dem kühlen „Ritual Spirit“ mit seiner Soul-Stimme eine wohlige Wärme.

Die verschiedenen Sänger wechseln sich auf der Bühne ab. Die langjährige Massive-Attack-Gefährtin Martina Topley-Bird mit mystischer schwarzer Maske im Gesicht und die 65-jährige Reggae-Legende Horace Andy, dessen zurückhaltende, fast unbeholfen tänzelnden Bewegungen in Kontrast zu seiner starken Stimme stehen, ziehen die Zuschauer mit ihren hypnotisierenden Auftritten in den Bann.

Gemeinsam mit dem schottischen Hip-Hop-Trio Young Fathers – die als Support mit auf Tour sind – performen Massive Attack gegen Ende der knapp zweistündigen Show „Voodoo In My Blood“ und „He Needs Me“. Die junge Band aus Edinburgh gibt sich gerne politisch. Bereits im Herbst vergangenen Jahres hauten sie mich mit ihrer Performance in den Kammerspielen um. Immigration und Flüchtlingspolitik sind ihre Themen.

Polit-Pop

Auch Massive Attack unterlegen ihre Hits mit einer politischen Botschaft. Grell und in your face. Im Hintergrund der Bühne jagt ein Bilderrausch über einen riesigen LED-Monitor. Firmenlogos – von Marken wie Good Year über Sparkasse bis Chupa Chups – wechseln sich mit Bildern von notleidenden Menschen auf der Flucht ab. „We can succeed. Together“, heißt es da in leuchtenden Großbuchstaben.

Slogans, Schlagzeilen, Zahlen und Fakten zu Syrien und der europäischen Flüchtlingskrise. Eine Flughafen-Tafel. Billigflüge nach Ibiza, London und Zürich. Boarding, schnell, schnell, bevor die Gates schließen. Arabische Kalligrafien. Zum Schluss das Logo des UN-Hochkommisariats für Flüchtlinge. Tosender Applaus.

Informations-Häppchen für die Konsum-Gesellschaft, die sich im Takt der düsteren Beats bewegt. Gesellschaftskritik im Eiltempo. Pop meets Politics. Das ging schon häufig schief und mag manch einem heuchlerisch vorkommen. Dennoch: Massive Attack nutzen ihre Popularität als Plattform, um auf Missstände aufmerksam zu machen.

Der vorletzte Song, die zweite Zugabe des Abends, endlich: „Unfinished Sympathy“. Orchestrale Arrangements, unterlegt mit Hip-Hop-Beats. Sarah Nelson ist zwar nicht am Start, aber Deborah Miller erweist der Original-Sängerin mit ihrer Soul-Stimme alle Ehre. Massive Band. Massive Show. Massive Love.

Übrigens: Noch dieses Jahr sollen eine weitere EP sowie ein neues Album von Massive Attack erscheinen.

Fotos: Universal Music