Weil der März bisher vor allem seine garstige Grippe-Fratze gezeigt hat, blieben einige Neuveröffentlichungen auf der Strecke. Deshalb hier nun ein lustiges Trio bestehend aus den Alternative-Rock-Ikonen von den Violent Femmes, den Indie-Österreichern von Farewell Dear Ghost und der mexikanischen Morrissey-Coverband Mexrrissey.

Violent Femmes – „We Can Do Anything“

Anfang des Monats war ein großer Tag: Die Violent Femmes haben ihr neuntes Studioalbum veröffentlicht. Vor ungelogen 20 Jahren haben sie sich mit ihrem Xylophon-Intro zu „Gone Daddy Gone“ art_violentfemmesin mein Herz gespielt und sind für immer dort geblieben. Ich weiß nicht, wie oft ich die selbstbetitelte CD aus dem Jahr 1983 angehört habe. Oft. Kein Auflegen vergeht ohne die Alterntative-Rocker aus Milwaukee und wenn in irgendwelchen Filmen Coverversionen ihrer Songs verwendet werden (Hi Ethan Hawke in Reality Bites!) grinse ich wissend. Das Trio um Gordon Gano eröffnete mir den Zugang zu älteren, verschrobeneren Alt-Rock-Combos. Allein dafür bin ich ihnen für immer dankbar.

Nun aber zum neuen Album: „We Can Do Anything“ heißt die Scheibe und großteils kommt es mir beim Hören so vor, als wären die letzten verdammten 33 Jahre seit ihrem Debüt nie passiert. Die erste Single „Memory“ ist so Violent Femmes wie ein Song es nur sein kann: der dominierende Bass, die Akustik-Gitarre und dazu Ganos einzigartige, fast schon leierende Stimme, dazu ein Refrain, der aus genau einem Wort („Memory“) besteht, den man auch im betrunkenen Zustand noch prima mitsingen kann. Es geht darum, dass sich Sänger Gano an nichts seines Gegenübers erinnern kann: nicht die Heimatstadt, nicht die Bücher, die er gelesen hat, nichts.

Es gibt einen Song über einen Mörder („Big Car“) und ein ganz herrliches Party-Lied („I Could Be Anything“), in dem Gano, von einem Akkordeon begleitet, davon singt, dass er gern Bungo, der drachentötende kleine Ritter, wäre. Er tötet Drachen vor allem aus Langeweile und weil er’s kann. Seems legit.

Die erste Platte der Violent Femmes in 15 Jahren wurde durch ein Crowdfunding-Projekt bei Pledge Music realisiert und offensichtlich hatten nicht nur Fans Lust auf neues Material: Der Alternative-Rock-Produzenten-Großmeister John Agnello zeichnet für die Backing Band verantwortlich. „We Can Do Anything“ schließt im Stil also irgendwie nahtlos an das Debüt aus dem Jahr 1983 an. Ob das jetzt gut oder schlecht ist, sei dahingestellt. Man darf für die Violent Femmes nur hoffen, dass sie die bandinternen Klagen untereinander einfach bleiben lassen und einfach weiter Musik machen – mit Akkordeon, Xylophon und sonst allen möglichen Instrumenten.

„We Can Do Anything“ von den Violent Femmes ist am 4. März 2016 bei PIAS erschienen.

Farewell Dear Ghost – „Skin“

Schon im Februar ist die EP „Skin“ meiner Lieblings-Grazer von Farewell Dear Ghost erschienen. Der Song „We Were Wild Once“ art_farewelldearghostwar bei FM4 in der Heavy Rotation, auch auf Platz 1 der hauseigenen Charts und ist wie das Debüt „We Colour The Night“ ein Glanzstück der Indie-Musik. Kopf von Farewell Dear Ghost ist immer noch Philip Szalay, allerdings hat sich sein Solo-Projekt von einst zu einer Nummer mit kompletter Band gemausert: Farewell Dear Ghost sind nun als Quartett unterwegs. Und das schon bald in echt und zum Anfassen, denn die überaus sympathischen Burschen aus der Steiermark werden Nada Surf auf deren lang ersehnter Tour im April als Opener begleiten.

Vier Songs gibt’s auf „Skin“, die sehr viel Lust auf ein zweites Album machen: Den besagten Radiohit „We Were Wild Once“ hat Szalay auf der ersten Farewell Dear Ghost-Tour durch China geschrieben und gemeinsam mit seinen Bandkollegen Philipp Prückl, Alex Hackl und Andreas Födinger entwickelte Szalay den Song zu einer Art Hymne über das Erwachsenwerden. Das Video ist zugegebenermaßen etwas verstörend, aber sei’s drum! Das titelgebende „Skin“ ist mit seiner Synthie-Orgel viel ruhiger und schließlich endet die EP auch schon mit „Violet“ in einem tanzbaren 1a-Indiepop-Song. Macht Spaß!

Farewell Dear Ghost schaffen es wiederum, ganz feine Indie-Lieder zu schreiben ohne zu dick aufzutragen. Szalays geflüsterter Gesang wirkt fast schon beruhigend und die Instrumentierung hält sich gerade auf dieser EP so schön im Hintergrund, die Gitarre wabert so unendlich dahin, dass man „Skin“ wieder und wieder hören kann. Chapeau, da freu ich mich schon sehr auf Album Nummer 2!  Und wer Farewell Dear Ghost im Vorprogramm von Nada Surf sehen will, hat dazu von 3. – 22. April zwischen Hamburg, Brüssel, München, Wien und Zürich die Möglichkeit (hier alle Daten und Städte). Es lohnt sich, nicht erst zum Hauptact zu erscheinen, versprochen.

„Skin“ von Farewell Dear Ghost ist in Deutschland bisher nur als digitaler Download bei ink music erschienen und kann über die üblichen Download-Dealer käuflich erstanden werden.

Mexrrissey – „No Manchester“

Und weil wir die weniger schneereichen, aber trotzdem winterlichen Monate jetzt endlich hinter uns und ein bisserl mehr Sonne wieder in unser Leben und unser Herz lassen können, kommt hier gleich noch ein dermaßen abgefahrener Soundtrack für die frühlingshafte gute Laune daher: Mexrrisseys „No Manchester“. Hinter Mexrrissey steht genau das, was man vielleicht vermutet, sich aber nicht zu hoffen getraut hat: Es handelt sich hierbei um eine mexikanische Supergroup, die Morrissey covert – auf Splanglish, meistens jedoch Spanisch.

Und sie meinen das durchaus ernst: Morrissey, der inzwischen eher öfter als grumpeliger Kritiker von allem auftritt als ein Tischfeuerwerk art_mexrrisseyan guter Laune, erspielte sich in Mexiko gerade in seinen Anfangsjahren als Solokünstler eine ziemlich große Fangemeinde. Und aus genau der entspringen die mitwirkenden Künstler auf „No Manchester“: Camilo Lara, Produzent und DJ, brachte Sergio Mendoza, Jacob Valenzuela von Calexico oder die mexikanischen Underground-Größen von Chetes zusammen und nahm mit ihnen sieben Songs im Studio auf, fünf weitere auf dem Album sind Live-Mitschnitte.

„The First Of The Gang To Die“ ist mein absoluter Favorit auf dem Album und besonders schön ist, dass sich Mexrrissey einem Cover von Morrisseys „Mexico“ angenommen haben (das es in der Studio- und der Live-Version auf die Platte geschafft hat). Der neue Anstrich passt zu den ausgewählten Songs und das finde nicht nur ich: Vor nicht einmal einem Jahr, im April 2015, gaben die Musiker von Mexrrissey ihr erstes Konzert zuhause in Mexico City, danach folgten ausverkaufte Show von Los Angeles bis New York und schließlich bildete ein gefeiertes und ausverkauftes Konzert in Manchester (ja, schon dem in England) das furiose Grande Finale.

Morrissey auf spanisch und mit Mariachi-Begleitung zu hören, hat definitiv was. Viele seiner Songs sind unbestritten Musikdenkmäler ganz gleich welchen Genres, wenn draußen jedoch jetzt die Sonne scheint, kann man nun das verregnete Manchester, das Morrissey immer mit sich bringt, gegen Tequila, Margaritas mit Schirmchen und mexikanischen Mariachi-Sound eintauschen. Fairer Deal! Wie Morrissey das alles selber findet, ist nicht bekannt.

„No Manchester“ von Mexrrissey ist am 4. März bei Cooking Vinyl erschienen.

Fotos: PR