Auf ihrem dritten Album „99 Cents“ rechnet Santigold auf witzig-charmante, ironische Art mit unserer egozentrischen Selbstdarsteller-Welt ab. Verpackt ist ihre Gesellschaftskritik in genre-zerschmetternden Global Pop.

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Sie kann nicht genug von sich kriegen. „If I wasn’t me, I can be sure I’d wanna be, I’m pretty major and I’ll say it out loud“, singt Santigold im Opener ihres dritten Albums „99 Cents“. Spieglein, Spieglein and Wand, wer ist die schönste Santigold im ganzen Land?

Von wegen! In dem Popsong dreht sich die Sängerin keineswegs um sich selbst, sondern nimmt die allgegenwärtige die Selfie-Kultur auf die Schippe. „Can’t Get Enough Of Myself“ ist eine spielerische Satire.

Bereits das Album-Artwork greift die Message auf. Santigold wurde von Fotograf Haruhiko Kawaguchi zusammen mit allerlei Schnickschnack wie Sneakers, Crocs und Goldbarren in Folie eingewickelt. „Ready To Go“ für den nächsten Einkaufswagen. „Auf dem ’99 Cents‘-Cover prange ich vakuumverpackt, umgeben von allerlei Besitztümern – mein Leben im Paket sozusagen“, erklärt die eigenwillige Künstlerin. „Es geht darum, wie alles heutzutage ein verpacktes und verkäufliches Produkt ist, wie wir selbst uns, unser Leben und unsere Beziehungen verpacken.“

In Zeiten von Selbstdarstellungsplattformen wie Instagram wird jeder zur eigenen Marke und inszeniert seinen persönlichen Unique Selling Point. Auch die Konsumgesellschaft kritisiert Santigold auf ihrem neuen Album. Wir rasen von Rausch zu Rausch und vergessen dabei, zwischendurch auch mal einen Gang runterzuschalten, unser Handeln zu reflektieren.

Global Pop

Verschnürt wird Santigolds ernste Botschaft von gewohnt modernem, genre-zerschmetterndem Global Pop. Da prallen Hip-Hop-Beats auf dezenten Dancehall, darüber gurren die munteren Melodien. Unterstützung erhielt Santigold dieses Mal von den beiden Produzenten Patrik Berger (Robyn, Icona Pop) und John Hill (Florence + The Machine, Charli XCX). Ebenfalls mitgewerkelt hat Dave Sitek von TV On The Radio.

Mit Rostam Batmanglij von Vampire Weekend entstand das an Jay-Z’s Klassiker „Hard Knock Life“ erinnernde „Chasing Shadows“. Die Backing-Vocals übernahm ein Kinderchor aus Los Angeles. In dem Song, unterlegt von einem entspannten Hip-Hop-Beat, geht es erneut um die unangenehmen Nebenwirkungen unserer schnelllebigen Konsumgesellschaft. „Niemals im Moment lebend, so schnell, wie wir unsere Ziele erreichen, so schnell verschiebt sich unser Blick auf die Ziele, die noch in der Ferne liegen. Wir richten uns hart dafür noch nicht weiter gekommen zu sein und leben unter der ständigen Angst im Konsumrausch unterzugehen“, sagt Santigold.

„Rendezvous Girl“ ist ein mitreißender Popsong im New-Wave-Style, während „Banshee“ von lebensbejahenden Afrobeats vorangetrieben wird. „Who Be Loving Me“ ist ein verspulter Track über Fan-Liebe. In bester Pimp-Manier prahlt Santigold: „I got boys around the world who be lovin‘ me.“ Außerdem versinke sie bis zu den Knien in Liebesbriefen. Als Gast-Rapper gibt Drake-Protegé ILoveMakonnen der Popnudel Kontra.

Santigold: Rewind

Santi White veröffentlichte 2008 ihr gleichnamiges Debütalbum unter dem Pseudonym Santogold. Bereits damals tanzte sie mit ihrem eigenwilligen Sound, einer Mischung aus Elektro, Hip-Hop, New Wave und Rock, aus der Reihe.

Mit Songs wie „L.E.S. Artistes“ und „Lights Out“ avancierte das aus Philadelphia stammende Multitalent schnell zum Darling in den Indie-Discos. Sie arbeitete mit Hit-Machern wie Diplound Karen O von den Yeah Yeah Yeahs zusammen und tourte mit den Beastie Boys, Kane West und Jay Z, M.I.A., Coldplay und Björk.

Nach einem Rechtsstreit mit Filmregisseur Santo Victor Rigatuso erschien das zweite Album, „Master of My Make-Believe“, 2012 unter dem Namen Santigold. Vor zwei Jahren wurde die 40-Jährige Mutter eines Sohnes.

Santigold ist nebebei auch als Songwriterin und Produzentin tätig. So arbeitete sie u.a. mit Mark Ronson. 2008 nahm sie für eine Converse-Kampagne den Song „My Drive Thru“ mit Pharrell Williams und Julian Casablancas von The Strokes auf.

Foto: Christelle de Castro