Beyoncé haut mit „Lemonade“ ihr sechstes Album raus. Wir verraten, wie die neuen Songs klingen, wer der Erfolgssängerin im Studio zur Seite stand, welche Samples verwendet wurden – und was Jay Z’s Mutter damit zu tun hat.

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Bäm, da war sie wieder! Vor kurzem veröffentlichte Beyoncé überraschend ihr sechstes Studioalbum. Ohne Vorankündigung, ohne Vorab-Promo haute der Megastar sein neues Material raus. Es ist nach dem im Dezember 2013 erschienenen „Beyoncé“ das zweite sogenannte „Visual Album“ ihrer Karriere.

Der überraschende Release ohne vorherige Ankündig, Vorab-Single oder Marketing-Maßnahmen hat sich im angloamerikanischen Sprachraum als „to pull a Beyoncé“ manifestiert. Andere Stars wie David Bowie, Adele, Drake und Daft Punk zogen nach.

Nach ihrem Überraschungsrelease spielte sie mit den Erwartungen der Fans. Über ihre Social-Media-Kanäle postete Beyoncé in den vergangenen Monaten immer wieder ominöse Fotos von Zitronen und sorgte damit für Spekulationen – nun ist das Geheimnis gelüftet. Beyomcés sechstes Studioalbum trägt den Titel „Lemonade“. Der Subtext: Aus Zitronen wird Limonade gemacht. Eine zerstörte Liebe kann durch Verzeihen wieder neu wachsen.

Einen ersten musikalischen Vorgeschmack auf das neue Werk lieferte die ehemalige Destiny’s-Child-Frontfrau Anfang Februar bei der Superbowl-Halbzeit-Show, bei der sie den Hauptact Coldplay mit ihrer wuchtigen Show an die Wand spielte.

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Back in the Game

In der Nacht des 23. April, einen Tag vor dem weltweit gehypten Start der sechsten Staffel von „Game Of Thrones“, strahlte der Bezahl-Sender HBO dann den Film zum neuen Album aus. Ein kunstvolles, einstündiges, größtenteils in New Orleans gedrehtes Musikvideo mit Cameos von Tennis-As Serena Williams, Disney-Starlet Zendaya und Model Winnie Harlow.

Die zwölf neuen Songs erschienen zunächst über Tidal, den Streaming-Dienst von Beyoncés Gatten Jay Z – der auf dem Album als vermeintlich untreuer Liebhaber eine tragende Rolle spielt. Mittlerweile ist das Album auch als CD erhältlich – bei Spotify wird es die Titel aber vorerst nicht zu hören geben.

Mit ihrem neuen Album stürmte Beyoncé auf die Pole Position der US-Charts – nach „Dangerously In Love“ (2003), „B’Day“ (2006),  „I Am… Sasha Fierce“ (2008), „4“ (2011) und „Beyoncé“ (2013) ihre sechste Nummer eins in Folge. Gleichzeitig landeten alle zwölf Songs von „Lemonade“ in der Single-Hitparade. Clever nutzte umtriebige Künstlerin die Aufmerksamkeit und lancierte ihre neue Sport-Bekleidungsmarke Ivy Park.

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Man mag von Beyoncés Omnipärsenz halten, was man will. Auch ihr Umgang mit dem Urheberrecht ist fragwürdig. Aber hey, sie ist Beyoncé, einer der größten Popstars des Planeten.

Hört man jenseits des Brimboriums mal genauer hin, wird klar, die neuen Songs taugen was. Kein Wunder, eine ganze Armada an Songwritern und Produzenten wie Diplo und Ezra König von Vampire Weekend stand Queen Bey dafür zur Seite.

Zusätzlich holte sich die Sängerin prominente Kollegen und Tastemaker wie The Weeknd, James Blake, Jack White und Kendrick Lamar ins Studio. Hinzu kommen Samples oder anderes verwendetes Material von Led Zeppelin, den Yeah Yeah Yeahs, Soulja Boy und Animal Collective.

Das „Billboard“-Team verbrachte eineinhalb Stunden damit, die Credits und Liner Notes zu checken. Auch ich hab mir das Kleingedruckte mal genauer angesehen, das Album mehrere Male reingezogen und dabei die Texte studiert – here you go:

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  • Los geht’s mit „Pray You Catch Me„. Produziert wurde das Stück vom britischen Wunderkind James Blake und dem 25-jährigen Kevin Garrett, der auch das tragende Klavier spielt. In dem Song geht es um Schmerz, Betrug, Verdächtigungen. „You can taste the dishonesty, it’s all over your breath as you pass it off so cavalier“, so Beyoncés bittere Worte. Der Song dringt direkt zum Kern des Albums vor: im Mittelpunkt steht eine kaputte Beziehung. Im realen Leben stand die Ehe von Beyoncé und Jay Z in den vergangenen Jahren immer wieder auf der Kippe, wenn man den einschlägigen Medien glaubt. Stichwort: Fahrstuhl-Fight mit Schwester Solange.
  • Für das eingängige „Hold Up“ holte sich Beyoncé Unterstützung von Produzent Diplo, bürgerlich Thomas Wesley Pentz, mit dem sie bereits für „Run The World (Girls)“ zusammengearbeitet hatte. Ebenfalls dabei ist Ezra Koenig von Vampire Weekend. Als Songwriter waren u.a. Father John Misty, Emile Haynie, der zuvor mit Lana del Rey arbeitete und an „Locked Up In Heaven“ von Bruno Mars beteiligt war, sowie der britische Sänger MNEK am Werk. Der Song enthält Elemente verschiedener anderer Titel, u.a. von Soulja Boy und den Yeah Yeah Yeahs.Im Video zu „Hold Up“ drischt Beyoncé mit einem Baseballschläger auf Autos ein und zertrümmert genüsslich deren Fenster – eine Hommage an die Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist und deren 1999er Video-Installation „Everything is Over“. Da ist jemand sauer. Die kindliche Singalong-Melodie steht in starkem Kontrast zu den Lyrics. Es geht um Wut. Die betrogene Beyoncé ist dem Ehebrecher auf der Spur. „I smell your secret“, singt sie.Aber die anderen lieben ihn eben nicht so, wie sie es tut. „Hold up, they don’t love you like I love you“, stellt Beyoncé im Refrain klar. In der zweiten Strophe wird sie ziemlich explizit: „Let’s imagine for a moment that you never made a name for yourself, or mastered wealth, they had you labeled as a king, never made it out the cage, still out there movin‘ in them streets“. Ein klarer Hinweis auf Rap-König Jay Z, der als Jugendlicher auf den Straßen New Yorks als Drogendealer sein Geld verdiente.
  • Die letzte Warnung ist das aggressive „Don’t Hurt Yourself„. Jack Whites bedrohliche Gitarren bringen einen Feuer atmenden Drachen zum heulen. Der Song enthält ein Sample aus dem 1971er-Song „When The Levee Breaks“ von Led Zeppelin. „You ain’t married to no average bitch boy, you can watch my fat ass twist boy, as I bounce to the next dick boy, and keep your money, I got my own“, faucht Beyoncé und warnt: „If you try this shit again, you gon lose your wife“.
  • Sorry“ ist ein trotziger Break-up-Song. Beyoncé streckt ihrem Liebsten wortwörtlich den Mittelfinger ins Gesicht: „Middle fingers up, put them hands high, wave it in his face, tell him, boy, bye“. Sie amüsiert sich mit den Girls im Club, denkt dabei nicht an ihn und bereut den Tag, als sie seinen Ring an ihren Finger steckte. Sie hat die Schnauze gestrichen voll. „Suck on my balls, pause, I had enough“. Verpackt ist die wütende Abrechnung in einen minimalistischen Hip-Hop-Beat von Melo-X und Hit-Boy (u.a. Kanye West, Lil Wayne).
  • Mit The Weeknd entstand das düstere „6 Inch„. Der Song trägt unüberhörbar die Handschrift des kanadischen Shootingstars: Zu einem lasziven Beat – basierend auf einem Sample „Walk On By“ von Burt Bacharach und Hal David – stöckelt eine hartarbeitende Lady durch die Clubs: „Six inch heels, she walked in the club like nobody’s business, Goddamn, she murdered everybody and I was her witness“ – Textzeilen, bei denen Tarantino-Bilder aufblitzen.
  • Der countryesque Südstaaten-Song „Daddy Lessons“ kann durchaus autobiografisch verstanden werden. Denn Beyoncés realer Daddy, den sie vor ein paar Jahren als Manager feuerte, trieb seine Tochter zu Höchstleistungen an und machte ein „tough girl“ aus ihr: „Came into this world, Daddy’s little girl, and daddy made a soldier out of me. Daddy made me dance, and daddy held my hand“. Er warnte sie auch vor den falschen Kerlen: „My daddy warned me about men like you, he said baby girl he’s playing you, cause when trouble comes in town, and men like me come around, oh, my daddy said shoot“.
  • Love Drought“ ist eine trockene, minimalistische und etwas fade Elektro-Ballade. In dem von Mike Dean (Kanye West, Jay Z, Angel Haze) produzierten Track thematisiert sie eine Durststrecke in einer schwierigen Beziehung. „Ten times out of nine, I know you’re lying, but nine times outta ten, I know you’re trying“.
  • Und es bleibt dürr: „Sandcastles“ ist eine auf Gesang und Piano reduzierte Ballade über eine kaputte Beziehung. Hier flogen allem Anschein nach die Fetzen: „Dishes smashed on my counter from our last encounter, pictures snatched out the frame, bitch, I scratched out your name and your face“. Die Lyrics entstanden u.a. mit Spoken-Word-Poet Malik Yusef, ein Buddy von Kanye West und Common.
  • Mit leisen Tönen geht’s weiter: Das zarte, gerade mal 1:21 Minuten lange Duett „Forward“ entstand gemeinsam mit dem britischen Elektro-Frickler James Blake. Der kurze Song hat es in sich: Die Zeile „I love you more than this job, please don’t work for me“ deutet auf die wirtschaftlich lukrative Liebesbeziehung zwischen Beyoncé und ihrem Mann, Hip-Hop-Mogul und Plattenboss Jaz Z hin. Notiz am Rande: Die sich seit Destiny’s-Child-Tagen als „Independent Woman“ stilisierende Erfolgssängerin ist nicht bei seiner Management-Firma Roc Nation unter Vertrag.
  • Selbstbewusst marschiert Beyoncé voran: „Freedom“ ist ein wütender Kampfschrei, eine Hommage an afroamerikanische Frauen. Der Track wurde von Jonny Coffer, der am Comeback der All Saints beteiligt ist, und Jay-Z-Spezl Just Blaze produziert und enthält mehrere prägnante Samples, u.a. „Let Me Try“ von Kaleidoscope sowie eine historische Rede eines Pfarrers aus dem Jahr 1959. Mich erinnert der Song an das gleichnamige Stück eines All-Star-Female-Projekts zum 1995er-Film „Panther„, u.a. mit Aaliyah, Mary J. Blige, En Vogue und TLC.Im „Lemonade“-Film sind die Mütter der von der Polizei getöteten Trayvon Martin, Michael Brown und Eric Garner mit Fotos ihrer Söhne zu sehen. Beyoncé, „bulletproof“, ballt die Faust und gibt sich kampfeslustig – ganz in der Tradition der militanten Black-Panther-Bewegung um Malcolm X: „I break chains all by myself, won’t let my freedom rot in hell“. Tränen werden zu Flammen. Rapper Kendrick Lamar steuert mit rasantan Rhymes eine Verfolgungsjagd bei: „Yeah, I keep runnin‘, jump in the aqueducts, fire hydrants and hazardous, smoke alarms on the back of us“. Damit macht er auf die anhaltende Polizeigewalt aufmerksam, der Schwarze in den USA ausgesetzt sind.Das letzte Wort hat Hattie White, die Großmutter von Jay Z. „I had my ups and downs, but I always find the inner strength to pull myself up. I was served lemons, but I made lemonade.“ Diese weisen Worte, aufgenommen bei einer Party zu ihrem 90. Geburtstag, sind nun das Mantra von Beyoncés sechstem Studioalbum. Es geht um Verzeihen. Aus Verbitterung wird dolce vita.
  • Und so ist das nächste Stück, „All Night„, eine versöhnliche Midtempo-Ballade über wahre Liebe, der Seitensprünge bzw. Untreue am Ende nichts anhaben können. „Found the truth beneath your lies, and true love never has to hide“, singt Beyoncé. Der erneut von Diplo produzierte Track verwendet ein Sample des Bläser-Parts aus Outkasts „Spottieottiedopaliscious“. Der Song beschließt die Erzählung einer Liebesbeziehung auf dem Album. Am Ende wurde aus Zitronen süße Limonade gemacht.
  • Als Zugabe knallt uns Beyoncé noch „Formation“ vor den Latz. Mit dem Song stellte sie bei der Halbzeit-Show des Superbowl Coldplay in den Schatten. Ähnlich wie „Freedom“ ist der von Trap-Meister Mike Will Made-It (u.a. 2 Chainz, Lil Wayne, Ciara) produzierte Hip-Hop-Track ein starkes Statement für Black Power. „My daddy Alabama, momma Louisiana, you mix that negro with that Creole make a Texas bama, I like my baby heir with baby hair and afros, I like my negro nose with Jackson Five nostrils“. Im Rahmen der Kampagne „Black Lives Matter“ setzt Beyoncé damit ein klares Zeichen.

Und wer sich die Songs – plus Klassiker wie „Crazy In Love“ oder „Naughty Girl“ – live anhören möchte, hat dazu im Sommer die Gelegenheit. Dann kommt Beyoncé für zwei Konzerte nach Deutschland. Am 12. Juli steht sie in der Düsseldorfer Esprit Arena, am 29. Juli in der Commerzbank Arena in Frankfurt auf der Bühne.

Fotos: Sony Music, Instagram Beyoncé